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Der kleine Unterschied spielt bei Berufswunsch noch immer große Rolle

Der kleine Unterschied spielt bei Berufswunsch noch immer große Rolle

Markkleeberg. Einen Tag in für das jeweils andere Geschlecht typische Berufe schnuppern, das konnten gestern am Girls-/Boys-Day Schüler der Klassenstufen 5 bis 10. In Markkleeberg beteiligten sich zehn Unternehmen, Kitas und die Stadtverwaltung sowie 40 Jugendliche an der Aktion.

Friseurmeisterin Anja Schmidt begrüßte in ihrem Geschäft "Hairsensation" am Rathausplatz zwei Sechstklässler: Jason, zwölf Jahre, aus der 35. Oberschule in Gohlis und Julian, 13 Jahre, aus der Oberschule Markkleeberg. Während der Jüngere gezielt mit dem Berufswunsch Friseur kam, wollte der Ältere, der übrigens selbst Kunde bei Schmidt ist, "nur mal schauen".

"Ich würde am liebsten gleich Haare schneiden", verkündete Jason. Schmidt lachte: "Um Gottes Willen, so eine mutige Kundin finde ich nie." Stattdessen durften die Jungs den ausgebildeten Friseurinnen über die Schulter schauen, Farbschalen auswaschen, Kaffee und Tee bringen und den Abfluss freimachen. "Hier muss dringend ein Klempner her", meinte Jason fachmännisch.

"Für mich ist der Girls-/Boys-Day eine gute Möglichkeit, die verschiedenen Facetten des Friseurberufs vorzustellen", erklärte Schmidt. Die 33-Jährige kennt die Nachwuchssorgen des Handwerks. Auch wenn sie zwei neue Azubis fürs nächste Lehrjahr gefunden habe und im Moment zufrieden sei.

Die geringe Bezahlung mit 1465 Euro brutto bei Vollzeit und die familienunfreundlichen Arbeitszeiten unter der Woche bis 20 Uhr und samstags bis Nachmittag machten den Beruf für junge Leute unattraktiv, besonders für Männer. Schmidt hat bislang nur einen ausbilden können, dabei würden sich ihre sechs Friseurinnen und die Kundinnen über männliche Verstärkung freuen. "Ich finde es jedenfalls cool, dass sich Jason und Julian trauen in einen Frauenladen zu gehen", lobte Schmidt.

In der Metallverarbeitungsfirma Holl in Zöbigker meldeten sich sechs Mädchen und mit der Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping (SPD), auch hoher Besuch aus Dresden. Geschäftsführerin Ines Rathmann, die seit über 20 Jahren das 1949 vom Großvater gegründete Familienunternehmen leitet, beteiligt sich seit Jahren am Girls-Day.

"Wir bilden jedes Jahr einen Konstruktionsmechaniker aus. Eine junge Frau war leider noch nicht dabei", berichtete sie. Von ihren 35 Mitarbeitern sind acht Frauen und die ausschließlich in der Arbeitsvorbereitung tätig. "Was glauben Sie, warum Frauen heute viel weniger als zu DDR-Zeiten in technische Berufe wollen? Dabei sind die Verdienstmöglichkeiten doch besser als in typischen Frauenjobs", fragte Köpping. Eine Antwort wusste Rathmann nicht.

Annica, Leonie, Lina und Frances aus der 8a vom Johannes-Kepler-Gymnasium in Leipzig, Emely vom Rudolf-Hildebrand-Gymnasium und Cosma von der Oberschule Markkleeberg machten keine Ausnahme. "Mal so einen Tag reinschnuppern ist schön, aber ein Beruf fürs Leben wäre das für mich nicht", meinte Annica. Auch Frances lehnte ab, die Arbeit an der Abkantpresse und das Bohren hätten ihr aber Spaß gemacht. Und Cosma blieb dabei: "Ich will Hebamme werden." Die anderen favorisierten einen Job beim Fernsehen oder im Büro.

Selbst der Hinweis, dass ein technischer Beruf, wie im Fall von Rathmann, die Bauwesen studiert hat, den Weg in die Selbstständigkeit öffnen kann, fruchtete nicht. Immerhin interessierte sich Frances für die Arbeit einer Ministerin: "Was machen Sie eigentlich so?", fragte sie Köpping ganz keck.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.04.2015
Ulrike Witt

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