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Eine Kulturlandschaft verliert ihr Gesicht: Alleen verschwinden aus der Elsteraue

Straßenverkehr Eine Kulturlandschaft verliert ihr Gesicht: Alleen verschwinden aus der Elsteraue

Freie Fahrt für Autos auf dem Land: Um Raser zu schützen, verschwinden immer mehr Straßenbäume. Ganze Alleen sind in den letzten Jahren im Zuge von Baumaßnahmen auch in der Elsteraue abgeholzt worden.

So sah es früher kurz vor der südlichen Ortseinfahrt nach Zitzschen aus: Die Obstbäume mussten in den vergangenen 15 Jahren weichen.
 

Quelle: Heimatverein Zitzschen

Zwenkau.  Freie Fahrt für Autos auf dem Land: Um Raser zu schützen, verschwinden immer mehr Straßenbäume. Ganze Alleen sind in den letzten Jahren im Zuge von Baumaßnahmen auch in der Elsteraue abgeholzt worden. Betroffen sind beispielsweise die Kreisstraßen zwischen Großdalzig und Zitzschen, Kitzen und Zitzschen, Tellschütz und Großstorkwitz. Früher waren diese, wie viele andere in der Region, von Obstbäumen gesäumt.

„Überall müssen Ausgleichspflanzungen vorgenommen werden. Warum nicht hier?“, fragt Andreas Zimmermann aus Tellschütz. Er wäre sogar bereit, selbst Bäume zu pflanzen. „Nicht nur die Landschaft verödet zusehends, ohne Bäume gibt es auch immer weniger Rückzugsräume für Wildtiere. Ich denke da auch an den vom Aussterben bedrohten Steinkauz, der nachweislich in Tellschütz gebrütet hat“, sagt Zimmermann. Außerdem würden Alleen Schutz vor Wind und Schneeverwehungen bieten und sich positiv auf den Grundwasseranstieg nach dem Tagebauende auswirken.

Doch Zimmermann hat die Rechnung ohne das Bundesverkehrsministerium gemacht. Das hat 2009 nach Beratung durch den Deutschen Versicherungsrat die Richtlinie für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeugrückhaltesysteme (RPS) herausgegeben. Und die RPS sieht bei Straßen ohne Höchstgeschwindigkeit einen Mindestabstand für Neupflanzungen von 7,50 Meter zum Fahrbahnrand vor. Es sei denn, es gibt Schutzeinrichtungen wie Leitplanken. Dann sind drei Meter das Maß der Dinge.

Eine Regelung, die eigentlich für Autobahnen und Bundesstraßen verpflichtend, für Kreisstraßen nur als Empfehlung gedacht war. Außer, deren Ausbau wurde – wie in Zitzschen - mit Fördermitteln finanziert. „Bei einem Abstand von 7,50 Meter sind unweigerlich Nachbargrundstücke, meist Äcker, betroffen. Leider stehen uns die Flächen in den wenigsten Fällen zur Verfügung. In der Regel muss Land erworben werden, was sich finanziell schwierig gestaltet. Die Landwirte geben ihren Acker kaum freiwillig her“, erklärt Kreis-Sprecherin Brigitte Laux.

Die Grundstücke müssten dann über langwierige Planfeststellungsverfahren teuer erworben werden. Ein bei größeren Straßenbaumaßnahmen inzwischen übliches Vorgehen. Teuer kämen dem Kreis auch Bau und Wartung von Leitplanken zu stehen. Ersatzpflanzungen erfolgten deshalb meist an anderer Stelle. „Der ökologische Ausgleich wird gewahrt, ist für den Bürger aber nicht unmittelbar erkennbar“, betont Laux. Und natürlich werde sich der Charakter der Landschaft durch die fehlenden Obstbaumalleen ändern. „Gegenzusteuern ist für uns aber kaum möglich“, sagt sie.

Gerhard Tümmler von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) sieht die Entwicklung kritisch. „Es wird getan, als wenn die Bäume die Autofahrer umbringen. Die Raser bringen sich doch durch ihre eigene Unvernunft selbst um.“ Pflanzabstände und Leitplanken seien nur Krücken. Außerdem müsse zwischen Autobahnen und gering frequentierten Kreisstraßen ein Unterschied bestehen. „Ohne Grund werden hier kulturhistorisch wertvolle Alleen und das über Jahrhunderte gewachsene Landschaftsbild geopfert“, ärgert er sich.

Dass die Landwirte keinen Quadratmeter Boden hergeben wollen, kann Tümmler nachvollziehen: „Die Bauern, gerade um Zitzschen, würden doppelt bestraft: Sie verlieren schon Boden durch den Kiesabbau und dann sollen sie auch noch Ausgleichsflächen stellen.“ Anja Becker, die mit ihrem Mann einen Agrarbetrieb in Zitzschen hat, sagt: „Unsere Ackerflächen sind unsere Existenz. Keine Frage, dass wir die nicht gern hergeben. Aber an der ein oder anderen Stelle ließe sich vielleicht etwas machen.“

Joachim Schruth vom Nabu Leipzig ist überzeugt: „Bürokratische Hürden lassen sich überwinden, man muss nur wollen. Wenn Landkreis, Kommune, Eigentümer, Bürger und Naturschützer zusammenarbeiten, ist vieles machbar.“ Ein Beispiel sei Taucha, wo alte Wege durch neue Bäume wiederbelebt werden.

Von ihren Obstbäumen müssen sich die Bewohner der Elsteraue wohl dennoch verabschieden: Um Wildunfällen vorzubeugen, dürfen laut Gesetzgeber heute keine für Wild attraktiven, fruchttragenden Bäume oder Sträucher mehr an Straßen gepflanzt werden.

Von Ulrike Witt

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Zitzschen
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