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„Es gibt Schlimmeres“

„Es gibt Schlimmeres“

Sie kann nicht laufen, nicht sprechen, nicht essen, noch nicht einmal allein atmen. Und doch – Beate Schrickel lebt gern. Vor sechs Jahren machten sich bei der heute 46 Jahre alten Markkleebergerin die ersten Symptome bemerkbar.

Markkleeberg. Im April 2006 erhielt die gelernte Krankenschwester dann „verhältnismäßig schnell“ die Verdachtsdiagnose: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, im Volksmund auch Muskelschwund genannt. Die Prognose: Aufgrund der fortschreitenden Schädigung der Nervenzellen versagen die Muskeln nach und nach ihren Dienst.

„Mein Todesurteil habe ich mir gar nicht erst bestätigen lassen. Ich hatte mich belesen und wusste, was mich erwartet. Ich habe es vorgezogen noch einmal drei Wochen auf die Seychellen zu fliegen“, erinnert sich Schrickel. Die Inseln im Indischen Ozean hatte sie zuvor schon mehrere Male bereist. Ein Videofilm aus gesunden Tagen zeigt eine junge Frau am Strand, lachend, mit einer Schildkröte in der Hand. Geblieben sind davon unzählige Fotos und die Liebe zu den exotischen Tieren.

Heute sitzt Beate Schrickel in ihrer Dachgeschosswohnung in der Sonnesiedlung in Markkleeberg im Rollstuhl. Die Beatmungsmaschine läuft rund um die Uhr. Vor sich hat sie Tobii. Der Computer ist zu ihrem ständigen Begleiter geworden. Nur über ihn kann sie noch kommunizieren. Mit den Augen steuert Schrickel die Buchstaben auf der Tastatur. Beeindruckend schnell entstehen Worte und Sätze auf dem Bildschirm. Auch einer, der sprachlos macht: „Es gibt Schlimmeres als ALS.“ Doch das empfand auch Schrickel nicht immer so. Es gab eine Zeit, da wollte sie nicht mehr. Pflegeheim, Wohngemeinschaft – keiner konnte ihr eine optimale Betreuung bieten. Neuen Lebensmut fand sie erst durch Adam Ulluri und Claudia Schiefer und deren bundesweit tätigen Außerklinischen Intensivpflegedienst CPD. „Adam hat mir wieder eine Perspektive aufgezeigt“, gesteht Schrickel.

Fachschwester Anja Hunger und ihre drei Kolleginnen Kerstin, Yvonne und Sabine sichern seither 24 Stunden am Tag die persönliche Assistenz. Sie sind ein eingespieltes Team, „eine Art Familie“, die weiß, was ihre Patientin in ihren eigenen vier Wänden braucht und mag und was nicht. „Beate gibt den Ton an. Sie sagt, wo es lang geht“, verrät Schw

ester Anja schmunzelnd.

Und Schrickel schafft dank CPD und ihres scheinbar unerschütterlichen Willens Erstaunliches. Übers Internet organisierte sie in den letzten Monaten eine Benefizveranstaltung. Ihr Antrieb: Sie möchte anderen schwerstkranken Menschen helfen, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen. Deshalb gehörte sie Mitte Oktober in der Paul-Gerhardt-Kirche in Connewitz zu den Gründungsmitgliedern der gemeinnützigen Wahl-Stiftung.

Und der Name ist Programm. Menschen, die durch einen Unfall oder Krankheit plötzlich oder schleichend aus ihrem Alltag gerissen werden, sollen die Wahl haben und trotz ALS, Multiple Sklerose, Querschnittlähmung und Hirnschäden Ja zum Leben sagen können. „Wir möchten Betroffenen, insbesondere beatmeten Patienten und deren Angehörigen Mut machen, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen – von der Aufklärung über die Krankheit, über Informationen zu gesetzlichen Regelungen, bis hin zu technischen und personellen Möglichkeiten“, erklärt stellvertretend Klaus Förster vom CPD-Intensivpflegedienst. Schwerstkranke müssten eben nicht an einer Maschine dahin vegetieren, sondern könnten ein lebenswertes Leben führen. „Man kann fühlen, sehen, schmecken, riechen – man kann mit allen Sinnen genießen“, lautet das Credo der Wahl-Initiatoren.

Für Schrickel war die Benefiz-Gala in Connewitz ein überwältigendes Erlebnis. Eines, das alle Mühe gelohnt hat und ihr Kraft gibt. Höhepunkt für die Markkleebergerin war ohne Frage der Auftritt ihres Lieblingssängers – DSDS-Star Fady Maalouf. Im Dezember 2009 konnte Schrickel ihn das erste Mal live bei einem Konzert in Berlin erleben und war fasziniert. Wenn sie das in Connewitz entstandene gemeinsame Foto anschaut, strahlen ihre Augen.

Ulrika Witt

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