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Markkleeberg Friedhof erzählt 200 Jahre Gautzscher Kultur- und Sozialgeschichte
Region Markkleeberg Friedhof erzählt 200 Jahre Gautzscher Kultur- und Sozialgeschichte
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10:50 27.06.2016
Alfred E. Otto Paul, Friedhofsverwalter Michael Wegener und Pfarrer Arndt Haubold (von rechts) mit Besuchern vor der Gruft der Familie Apel-Pusch. Quelle: Ulrike Witt
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Markkleeberg

Der alte Gautzscher Friedhof in der Rathausstraße 51 besteht 200 Jahre. Für die Martin-Luther-Kirchgemeinde ein Grund zum Feiern und Erinnern. Denn der Friedhof erzählt ein Stück „Gautzscher Kultur- und Sozialgeschichte“, wie Friedhofsforscher Alfred E. Otto Paul am Freitag sagte.

„Dieser parkartig angelegte Friedhof, der heute mitten in der Stadt Markkleeberg liegt, hat eine ganz besondere Aura“, meinte Paul. Indes das war nicht immer so. Über Jahrhunderte wurde der Acker zwischen den Dörfern Gautzsch und Oetzsch nur als Pestfriedhof, später für Selbstmörder genutzt. „Verstorbene wurden bis zum 10. Mai 1816 auf dem Kirchhof um die Martin-Luther-Kirche begraben. Davon zeugen viele Grabmale und Epitaphien“, sagte Paul.

Damals gab es keine Grabmale und keine Särge

Die erste „ordentliche Beerdigung“ auf dem Friedhof sei die der 17-jährigen Johanna Maria Möllner gewesen, die an Schwindsucht starb, weiß der Forscher aus den akribisch geführten Begräbnisbüchern der Kirchgemeinde. Die weisen alle Toten aus – bis auf die Selbstmörder. Die fanden nach der Eröffnung des Friedhofs ihre letzte Ruhe auf ungeweihtem Boden am sogenannten Leichenweg.

„Es gab damals auf dem Friedhof weder eine Kapelle, noch eine Einfriedung, auch keine Grabmale und keine Särge. Die Toten wurden im besten Fall in Tücher gewickelt und vom Pfarrer unter die Erde gebracht. Davor mussten die Angehörigen noch das Grab ausheben. Totengräber hätte sich gar keiner leisten können“, so Paul. Und oft genug waren die Toten Kinder: 1816 bei vier von acht Begräbnissen, 1897 bei 75 von insgesamt 112 Begräbnissen.

Um den Pfarrer bezahlen und den Friedhof entwickeln zu können, musste die Kirchgemeinde geschäftstüchtig werden. „Die Friedhofsflächen wurden an Graspächter vergeben, ab Mitte des 19. Jahrhunderts forstwirtschaftlich genutzt“, berichtete Paul. So sei belegt, dass 1849 Buchen, 1852 Kirschbäume gepflanzt wurden. Der Verkauf von Holz und Obst habe Geld in die Kirchkasse gebracht.

Um 1900 wurde der Friedhof erweitert

1860 wurde die erste Leichenhalle gebaut, über die Grabstätte des Gautzscher Patron und Mitglied der Kees-Familie Heinrich Kabisch von Lindenthal. 1868 folgte die Gruft der Familie Apel-Pusch, die in Leipzig zu Wohlstand gekommen war. „Christian August Pusch gehörte das berühmte Hotel dé Pologne. Er schenkte der Gautzscher Kirchgemeinde Land für die Erweiterung des Friedhofs“, erzählte Paul. Anders Charlotte Kees: Die habe, als Gautzsch wuchs, Bauland und mit wachsender Einwohnerzahl auch einen größeren Friedhof brauchte, mit dem Verkauf von Land Geld gemacht.

Um 1900 wurde der Friedhof in westliche Richtung erweitert. 1896 waren bereits das Verwaltungsgebäude und die Kapelle errichtet wurden, von Gustav Hempel, der auch am Weißen Haus im Agra-Park mitgearbeitet hat. Die Kapelle erhielt ein spätgotisches Kruzifix aus der Martin-Luther-Kirche. 1985 wurde sie vom Leipziger Maler und Grafiker Mathias Klemm mit einer Schriftgrafik und einem Buntglasfenster neu gestaltet. Seit 2009 steht davor eine Glocke. Sie stammt von der Taborkirche Großhermsdorf, die dem Tagebau Heuersdorf zum Opfer fiel.

Der DDR-Rundfunkprediger Heinz Wagner liegt auf dem Friedhof

In den vergangenen 200 Jahren haben auf dem Friedhof zahlreiche Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden, darunter D. Ernst Sommerlath, der Onkel der schwedischen Königin Silvia, der DDR-Rundfunkprediger Heinz Wagner, der Leipziger Thomas-Organist Professor Hannes Kästner, Fußball-Nationalspieler Camillo Ugi und im April 2016 auch Alt-Oberbürgermeister Dr. Bernd Klose.

„Der Friedhof ist ein Refugium der Erinnerung, der Besinnung, der Liebe und der Trauer, der gerade mitten in der Stadt eine Zukunft hat. Denn die Menschen suchen heute wieder verstärkt die Nähe zu den Gräbern ihrer Angehörigen“, betonte Paul.

Von Ulrike Witt

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