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Gesprächsrunde sucht Ursachen für Ablehnung und Hass

Friedrich-Ebert-Stiftung Gesprächsrunde sucht Ursachen für Ablehnung und Hass

Das Klima in Deutschland ist rauer geworden, der Ton immer öfter von Hass geprägt. Warum ist das so? Was läuft falsch in unserer Gesellschaft? Diesen Fragen widmete sich am Mittwochabend die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung beim Podiumsgespräch im Kleinen Lindensaal.

Suchen gemeinsam nach Antworten: Katharina Schenk, Heidemarie Dießner, Michael Naumann, Petra Köpping und Stephan Bickhardt (von links) im Podium.

Quelle: André Kempner

Markkleeberg. Das Klima in Deutschland ist rauer geworden, der Ton immer öfter von Hass geprägt. Warum ist das so? Was läuft falsch in unserer Gesellschaft? Diesen Fragen widmete sich am Mittwochabend die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung beim Podiumsgespräch im Kleinen Lindensaal. Etwa 50 Bürger wollten von Ministerin Petra Köpping, Sozialwissenschaftlerin Heidemarie Dießner, Juso-Chefin Katharina Schenk und Pfarrer Stephan Bickhardt Antworten.

„In welcher Gesellschaft leben wir heute?“, fragte der Moderator, MDR-Journalist Michael Naumann, als erstes Bickhardt. „Ich glaube, die Gesellschaft ist derzeit ungewöhnlich im Meinungsspektrum geteilt, die Lager bleiben unter sich“, meinte er. Nun seien die AfD-Wähler nicht alles Rechte. „Das ist ein großer Mix aus Verdrossenheit, aus Sorge um die Zukunft angesichts der Flüchtlinge und eigener sozialer Nöte. Die Verunsicherung ist groß“, so der Markkleeberger.

Die Situation nach der Wahl sei einerseits beängstigend, andererseits könnte sie auch Anstoß sein, um die Menschen bis zur Landtagswahl 2019 wach zu rütteln, fügte er hinzu. „Ich habe die Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel, die Flüchtlinge 2015 aufzunehmen, begrüßt. Aber ich verstehe nicht, dass kein mitlaufender parlamentarischer Prozess stattgefunden hat. Die Bürger hätten frühzeitig eingebunden werden können“, sagte Bickhardt, der in Leipzig als Polizeiseelsorger tätig ist.

Von Köpping wollte Naumann wissen, welche Kernbotschaften sie aus der Bundestagswahl zieht. „Mich hat das Ergebnis nicht überrascht“, betonte sie und berichtete von einer fünfstündigen Kabinettssitzung am Dienstag in Dresden. Mit Wissenschaftlern sei die Wahl ausgewertet worden. Als Bürgermeisterin von Großpösna und Landrätin im Leipziger Land habe sie die Entwicklung miterlebt. „Ich habe gesehen, wie sich die Menschen unter den misslichsten Bedingungen mit ABMs durchgekämpft haben. Jetzt bekommen sie ihre Rentenbescheide und wissen, was das alles wert ist. Das ist ein wichtiger Grund“, so Köpping.

Sie forderte ihre Politikerkollegen auf: „Wir müssen den Menschen zuhören und nach Lösungen suchen. Wenn so viele Menschen für ihre Schicksale abgestraft werden und aus Protest AfD wählen, können wir nicht einfach so weitermachen.“ Sie sehe eine zunehmende Entmenschlichung, fehlende Empathie fürs Gegenüber. „In Sachsen wurde viel investiert, es ist ein schönes Bundesland, aber wir müssen auch in die Menschen investieren, nicht nur in Brücken“, mahnte sie. Die Flüchtlingskrise sei nur ein Problem.

„Die Flüchtlingskrise war der Auslöser, nicht die Ursache. Die sehe ich vielmehr in einer Gesellschaft, die nur noch nach Kosten-Nutzen-Rechnungen ausgerichtet ist. Nehmen wir Hartz IV: Das hat zu Ablehnung, Ausgrenzung und Entsolidarisierung geführt“, sagte Dießner. Im Grundgesetz stehe „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und nicht „Die Würde des Arbeitenden ist unantastbar“. Der Staat ziehe sich immer mehr aus der Daseinsvorsorge, seiner eigentlichen Aufgabe, zurück, kritisierte sie. „Jetzt grenzen die Schwachen die noch Schwächeren aus“, erklärte Dießner.

„Alles schon im Fernsehen von Politikern gehört“, rief Gerd Reineck aus dem Publikum rein. Auch das gehöre zu Respekt und Achtung, den anderen ausreden zu lassen, sagte Schenk. Die Jusos hätten schon immer gesagt, dass die Agenda 2010 ein neoliberaler Fehler gewesen sei. „Dass das zu Verwerfungen führt, hätte man frühzeitig erkennen und korrigieren müssen“, so Schenk, die auch Leipziger Stadträtin und Philosophin ist, „und ja, die Wahl ist eine Klatsche für die SPD.“

Schenk ist im Netz selbst Hasstiraden bis hin zu Morddrohungen gegen ihre 18 Monate alte Tochter ausgesetzt. „Über diese Verrohung müssen wir im kleinsten Kreis, in der Familie, mit Freunden, unter Nachbarn und Kollegen reden. Damit wir zu sachlichen Diskussionen zurückfinden“, forderte sie jeden Einzelnen auf. Köpping berichtete, dass auch sie viele „böse Mails“ erhalte. „Und ich merke, wenn man auf die Menschen zugeht, ändert sich der Tonfall“, so die Ministerin. Bei Menschenhass und Rassismus sei für sie allerdings die Grenze erreicht.

„Es ist mir zu einfach, das Wahlergebnis allein den Abgehängten zuzuschreiben“, sagte Jürgen Wiesner vom SPD-Ortsverein. In Deutschland gebe es keine Diskussionskultur mehr, meinte er. „Wir reden über Mint-Fächer, über Digitalisierung, aber nicht mehr miteinander. Und das beginnt in den Familien“, so Wiesner. Ein anderer älterer Mann meinte: „Die Löhne in Ost und West müssen endlich angepasst werden. Und warum fördert Deutschland mit seinen Waffen noch immer weltweit Kriege?“ Brigitte Wiebelitz, Vorsitzende von Pro Agra-Park, mahnte ein Einwanderungsgesetz an: „Das war schon in der Kohl-Ära geplant.“ Inge Wiesner, 79 Jahre alt, brachte es auf den Punkt: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu.“

Von Ulrike Witt

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