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Leipziger Neuseenland: Gastronomen fehlt es zunehmend an Personal

Arbeitskräftemangel Leipziger Neuseenland: Gastronomen fehlt es zunehmend an Personal

Hilferuf aus dem Leipziger Südraum: Während Touristen die Seen von Jahr zu Jahr mehr für sich entdecken, fehlt es den Gastronomen zunehmend an Personal.

Ratlos: Detlef Groh sucht für sein seit Ende 2013 bestehendes Restaurant am Zwenkauer Hafen sowie die nächstes Jahr hinzukommende Pizzeria Mitarbeiter.
 

Quelle: André Kempner

Markkleeberg/Zwenkau.  Hilferuf aus dem Leipziger Südraum: Während Touristen die Seen von Jahr zu Jahr mehr für sich entdecken, fehlt es den Gastronomen zunehmend an Personal.

„Ich bin seit 25 Jahren in der Gastronomie tätig. So schlimm wie jetzt, war es noch nie“, sagt Matthias Reinhardt. Der 53-Jährige betreibt neben der „Nikolaischule“ in Leipzig die „Wasserwirtschaft“ am Zöbigker Hafen und das „Kartoffelhaus“ im Kap Zwenkau. „Am Cospudener und Zwenkauer See habe ich dieses Jahr die Plätze wegen des Personalnotstandes um ein Drittel reduzieren und die Öffnungszeiten erheblich einschränken müssen“, erklärt er. Je zwei Festangestellte in Küche und Service beschäftige er in Markkleeberg und Zwenkau. Die doppelte Anzahl könnte es sein.

Besonders schwierig sei es an den Wochenenden, Personal an die Seen zu bekommen. „Wenn ich Glück habe, kriege ich ein paar Aushilfen und die fahre ich noch persönlich mit dem Auto raus und nach der Schicht wieder nach Leipzig“, so Reinhardt. Dabei sei die Busanbindung nicht schlecht. Inzwischen konzentriere er sich im Kap Zwenkau auf Bustouristen. „Die Gruppen sind planbar, die kommen bei Sonne und Regen“, sagt der Gastwirt.

Am Verdienst liege es nicht, meint Reinhardt. „Von Mindestlohn mit 8,50 Euro die Stunde reden wir schon lange nicht mehr. Guten Leuten zahle ich längst zwölf, 15 oder auch 18 Euro. Allerdings muss ich die Löhne auf die Preise umlegen. Ob die Gäste das auf Dauer mitmachen, wird sich zeigen. Wahrscheinlich wird der Restaurantbesuch bald Luxus sein“, sagt er und fügt hinzu: „Das Problem muss sich die Politik auf die Fahnen schreiben. Hier werden Umsatz für die Wirte und Gewerbesteuereinnahmen für die Kommunen verhindert.“ Und das nicht nur im Leipziger Südraum, in ganz Sachsen fehlten über 10 000 Arbeitskräfte in der Gastronomie.

Davon kann auch Detlef Groh vom gleichnamigen Restaurant am Zwenkauer Hafen ein Lied singen. „Ich suche händeringend zwei Servicekräfte in Festanstellung“, erzählt er. Aktuell habe er vier Mitarbeiter in der Küche und zwei im Service – „alle sehr fleißig“ - , dazu zwei Aushilfen an den Wochenenden. Wenn er und seine Frau nicht mitanpacken würden, ginge es gar nicht, so Groh.

Im Mai 2017 will er im neuen Hafenhaus noch eine Pizzeria mit Eiscafé eröffnen. Drei Kellner plus Küchenkräfte benötigt er allein dafür. Auf Unterstützung vom Arbeitsamt könne er nicht setzen. „Ich habe mich in alle Jobbörsen eintragen lassen und die geben sich auch Mühe, aber es passiert nichts“, sagt Groh. Viele scheuten wohl den Weg mit dem Bus an die Seen, hätten keinen Führerschein. „Meinen Koch konnte ich zum Glück überzeugen, nach Zwenkau zu ziehen“, erzählt Groh erleichtert.

Heiko Zierold, seit Ende Juli Betreiber des VfB-Sportlerheims am Zwenkauer Eichholz, wacht fast jede Nacht schweißgebaden auf. „Wenn ich nicht bald einen Koch und eine Servicekraft finde, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll“, gesteht der 56-Jährige, der bis Juni den Imbiss am Aussichtspunkt Zitzschen betrieben hat (die LVZ berichtete). Bis Ende Dezember habe er Reservierungen für Familien- und Weihnachtsfeiern sowie Klassentreffen vorliegen. Hinzu kämen die Heimspiele der VfB-Fußballer. „Die Wochenenden sind komplett dicht“, sagt der 56-Jährige. Kurz: An Gästen mangelt es nicht. Die Arbeitsagentur Borna habe ihm gesagt, dass es schlecht aussähe, der Arbeitsmarkt im Gastro-Bereich leer gefegt sei.

Bürokratisch-diplomatisch äußert sich Volkmar Beier, Sprecher der Arbeitsagentur Oschatz/Borna: „Die Tourismusbranche im Leipziger Neuseenland ist dynamisch. In den letzten drei Jahren hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in dieser Branche um rund ein Drittel auf knapp 1000 zugenommen.“ Die Unternehmen meldeten monatlich etwa zehn Stellen beim Arbeitgeberservice an. Die Vermittlung sei angesichts von Abend- und Wochenenddiensten, erhöhten Mobilitätsanforderungen und oft auch saisonalen Befristungen schwierig. Im Einzelfall könne bei der beruflichen Weiterbildung oder Arbeitsaufnahme finanzielle Unterstützung gewährt werden.

„Das Problem begleitet uns schon eine ganze Weile. Über Migranten, die über das Projekt ’MobiPro EU’ eine betriebliche Ausbildung aufnehmen, versuchen wir den Arbeitskräftemangel abzufedern. Nächsten Dienstag startet die dritte Maßnahme dieser Art mit 40 jungen Spaniern. Eine Lösung ist das aber nicht“, weiß Holm Retsch, Chef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Leipzig. Viele junge Deutsche gingen nach der Ausbildung sofort ins Ausland, arbeiteten auf Kreuzfahrtschiffen. Ein Stück weit sei das Problem hausgemacht, meint Retsch. Viele Betriebe hätten nach der Wende unter Tarif bezahlt. Das räche sich, die Leute seien abgewandert.

Auch Reinhardt beschäftigt Spanier, wenn auch nicht über die Dehoga vermittelt. Vormittags belegten sie Deutsch-Kurse, abends arbeiteten sie bei ihm. „Alle reden vom Seentourismus, letztlich haben wir gar nicht die Ressourcen dafür“, lautet sein Fazit.

Von Ulrike Witt

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