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Markkleeberg Neffe der Glöcknerin wurde zum Hüter des geretteten Schlüssels
Region Markkleeberg Neffe der Glöcknerin wurde zum Hüter des geretteten Schlüssels
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08:01 04.04.2018
Albert Hänsel brachte neben zahlreichen Dokumenten und Erinnerungen auch den Original-Schlüssel der Zöbigker Dorfkirche mit. Quelle: Foto: Andre Kempner
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Markkleeberg

Der Schlüssel, den Albert Hänsel hütet, hat sich vor 76 Jahren zum letzten Mal in einem Schloss gedreht. Seit dem Brand der Gemeindekirche Zöbigker im Frühjahr 1942 gibt es nichts mehr, was sich mit ihm öffnen ließe. Das ist normalerweise das Ende eines jeden Schlüssels. In diesem Fall jedoch ist es der Beginn einer bemerkenswerten Geschichte, die am Ostermontag viele Besucher der Fahrradkirche Zöbigker in ihren Bann zog.

Albert Hänsel ist heute 91 Jahre alt und lebt in Kaltenborn bei Colditz. Aufgewachsen ist er in Zöbigker und als Neffe von Else Firo, der letzten Glöcknerin der Gemeindekirche, hat er eine besondere Beziehung zum Gotteshaus in der Dorfstraße.

„Im Alter von zehn Jahren durfte ich mit meiner Tante zum ersten Mal den Sonntag einläuten. Ich zog am Seil der kleinen Glocke, während Tante Else die beiden großen Glocken zum Schwingen brachte“, erinnert sich Hänsel. Als Kind weilte er oft bei seiner Tante, die im Haus direkt gegenüber der Kirche wohnte. Auch am 16. Mai 1942 war er dort und wurde Augenzeuge des verheerenden Brandes, der nur die Grundmauern des Gotteshauses übrig ließ.

Nur zwei Jahre später, Albert Hänsel war gerade 18, wurde er zum Kriegsdienst als Gebirgsjäger in Norwegen einberufen. Nach der Gefangenschaft kehrte er 1946 in seinen Heimatort zurück. Mit seiner Tante und den anderen Einwohnern teilte der junge Mann damals die Hoffnung, dass die Kirche wieder aufgebaut wird.

Mitte der 1950er Jahre verschlug es Hänsel dann nach Kaltenborn, wo er einen Bauernhof übernahm. Abgerissen sind die Kontakte in seine Heimat allerdings nie, vor allem nicht die zu seiner Tante.

Else Firo war beliebt im Ort. Als sie 1976 starb, wurde ihr zu Ehren die einzig erhaltene Glocke der Zöbigker Gemeindekirche ein letztes Mal geläutet. Kurz darauf musste der Haushalt der Glöcknerin aufgelöst werden. Auch Albert Hänsel half dabei. Nachdem die Wohnung beräumt war, ließ er seinen Blick noch einmal durch die leeren Zimmer schweifen und machte dabei eine Entdeckung.

„An einem Nagel am Türgewände hingen noch zwei große Schlüssel. Einen davon habe ich sofort wiedererkannt. Es war der für die abgebrannte Dorfkirche!“, erzählt der rüstige Senior und räumt ein, dass er das eiserne Relikt nur deshalb an sich nahm, weil man „damals nicht einfach so alles weggeschmissen hat.“ Dass es sich um eines der wenigen erhalten gebliebenen Zeugnisse der Dorfkirche Zöbigker handelt und irgendwann einen ebenso emotionalen wie historischen Wert erlangen könnte, sei ihm zunächst nicht bewusst gewesen.

So trat der Schlüssel in Hänsels Manteltasche seine Reise nach Kaltenborn an. Dort hängt er seit 42 Jahren an einem Nagel, den Albert Hänsel eigens dafür in den Türrahmen schlug. „Stilecht, wie bei Tante Else zu Hause“, meint der 91-Jährige mit verschmitztem Lächeln.

Am Ostermontag besuchte Albert Hänsel, begleitet von seiner Tochter Heidi, seine Heimat in Zöbigker. Als sie der Weg zur heutigen Fahrradkirche führte, kehrte damit auch der alte Schlüssel des Gotteshauses wieder an seinen Ursprungsort zurück. Zunächst nur vorübergehend, aber irgendwann wird er sicher wieder dauerhaft hier bleiben. Es ist ein Stück Zeitgeschichte, das nur den richtigen Rahmen und einen Nagel braucht.

Von Rainer Küster

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