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Russlanddeutsche: "Heimat hier - Heimat da"

Russlanddeutsche: "Heimat hier - Heimat da"

Wo ist unsere Heimat? Dieser, für viele Russlanddeutsche stark emotionsbeladenen Frage hat sich am Dienstagnachmittag der Aussiedlerinnenkreis in der Orangerie Gaschwitz gestellt.

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Die Frauen der Markkleeberger Gruppe Rjabinuschka singen von ihren zwei Heimaten und erzählen von ihren bewegenden Schicksalen.

Quelle: André Kempner

Markkleeberg. Eingeladen hatten Leiterin Valentina Dontsova und die Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragte der Stadt Markkleeberg, Sabine Baldauf. Zu Gast waren Senioren aus Frohburg, aber auch der CDU-Landtagsabgeordnete Oliver Fritzsche, Theresa Schmotz, Mitarbeiterin der SPD-Landtagsabgeordneten Petra Köpping, Dorota Monem von der Caritas Leipzig und Quartiersmanagerin Vera Stein.

"Das Thema ist für die Russlanddeutschen sehr ambivalent. In Russland galten sie als Deutsche, in Deutschland sind sie Russen. So richtig anerkannt werden sie nirgendwo. Das macht den meisten sehr zu schaffen", erklärte Sabine Baldauf. Seit einigen Monaten betreut sie das von der Stadt Markkleeberg finanzierte Integrationsprojekt "Heimat hier - Heimat da". Ziel ist es, Aussiedler aus der Isolation heraus zu holen, aber auch bei den neuen Nachbarn Vorurteile abzubauen.

"Heimat ist für viele von uns mit Verlust, Leid und Schmerz verbunden, aber auch mit einem Zugewinn", sagte die 62-jährige Valentina Dontsova. Sie hat sich mit der Gesangsgruppe Rjabinuschka in Markkleeberg eine Brücke zwischen der russischen und deutschen Heimat geschaffen. Die zehn Frauen treffen sich regelmäßig im Gemeindezentrum Mittelstraße, sind inzwischen fester Bestandteil des Markkleeberger Kulturlebens geworden. In der Orangerie präsentierten sie Lieder aus beiden Welten. Inbrünstig, mit viel russischer Seele vorgetragen im Dirndl, eine Verbeugung vor der neuen Heimat, wie Valentina Dontsova betonte.

Die 74-jährige Journalistin Alita Liebrecht gewährte als erste einen Einblick in ihr Leben, das exemplarisch für 250 Jahre deutsch-russische Geschichte steht. "Geboren an der Wolga, aufgewachsen in Sibirien, bin ich mit meiner Familie 1996 nach Deutschland gekommen." Ihre durch den Siebenjährigen Krieg verarmten Vorfahren waren 1764, ein Jahr nach dem von Zarin Katharina der Großen verfassten Einladungsmanifest aus Hessen nach Russland ausgewandert. "Damals wurde ihnen Religions- und Sprachfreiheit zugesichert", so Alita Liebrecht. 1938 ließ Stalin deutsche Schulen und Kirchen schließen. Nach dem Überfall Hitlers wurden die Russlanddeutschen im Sommer 1941 nach Sibirien verbannt. Deutsch zu sprechen, war ihnen verboten. Hunderttausende starben in den berüchtigten Gulags.

"Wir haben deutsche Wurzeln, aber unsere harte russische Aussprache verrät, wo wir herkommen", sagte Alita Liebrecht. Sie hätten viel Leid in der Sowjetunion erfahren, aber eben auch Liebe und Freundschaft. Grund für die Rückwanderung sei die mit der Perestroika einsetzende wirtschaftliche Unsicherheit gewesen, gestand sie.

"Für meine Generation ist es schwer, sich in Deutschland noch richtig einzuleben. Aber ich freue mich für meine Kinder, die sich hier sehr wohlfühlen. Sorgen mache ich mir um meinen Enkel, der schon kein Wort Russisch mehr spricht", meinte die Leipzigerin. Sie plädierte dafür, beide Wurzeln zu pflegen. Auch im Sinne eines zusammenwachsenden Europas.

Talita Listner erzählte, wie sie mit ihrer kleinen Schwester und der Mutter 1947 aus der Provinz nach Omsk geflüchtet sei. "Unsere Mutter hatte keine Papiere, galt als staatenlos. Wenig später wurde sie als angebliche deutsche Spionin verhaftet. Wir Kinder mussten ins Heim", berichtete sie von ihrem schweren Schicksal. Viktoria Rifalova, ebenfalls 74 Jahre alt, zog ein Fazit, das heute wohl für viele Russlanddeutsche gilt: "In Russland war es gut und schlecht. Ich habe hier in Deutschland eine helle warme Wohnung, ich habe zu essen und Kleidung zum Anziehen. Ich bin eigentlich sehr, sehr dankbar, dass ich mit meiner Familie in Deutschland leben kann."

Trotzdem brauche es noch viele Schritte und seine Zeit, um das Fremdsein Stück für Stück abzubauen. Das Projekt "Heimat hier - Heimat da" will dazu einen Beitrag dazu leisten. Wie Sabine Baldauf sagte, sind weitere Veranstaltungen geplant.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.10.2013

Ulrike Witt

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