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"Wir müssen auch lernen, zu vergeben"

"Wir müssen auch lernen, zu vergeben"

Großpösna. Rita Franciosa versucht erst gar nicht, die Aufregung zu verbergen. Die Anspannung kommt nicht von ungefähr: Rita Franciosa, Jahrgang 1941, hat Großpösna und den Gutshof seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gesehen.

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Erinnerungen: Rita Franciosa aus Los Angeles besucht das Versuchsgut im Oberholz in Großpösna, wo sich ihre Familie vor den Nazis versteckte.

Quelle: André Kempner

ich bin so nervös!"

Die Anspannung kommt nicht von ungefähr: Rita Franciosa, Jahrgang 1941, hat Großpösna und den Gutshof seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gesehen. Seit der Zeit, als sie mit Nachnamen noch Thiel hieß und sich hier zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vor den Nazis versteckte. "Meine Mutter hat immer so gut vom Oberholz gesprochen", sagt die 72-Jährige. "Und zu ihrem 90. Geburtstag gab sie mir alle Daten: Namen, Anschrift. Ich habe dann den Gutshof kontaktiert - und es kam ein Brief von Ursula zurück."

Nun stehen sie sich zum ersten Mal gegenüber, Rita Franciosa und Ursula Rauwolf, die Leiterin des Guts, und fallen sich in die Arme. "Mensch, ich hatte eine alte Frau erwartet!", staunt Rauwolf über die schlanke, braun gebrannte Frau mit der auffälligen Brille. Längst sind beide per Du, wie es in den USA, Franciosas Wahlheimat, üblich ist. In einer Scheune wartet ein Empfangskomitee aus Hortkindern, Mitarbeitern und Nachbarn aus dem Ort. Nach der Begrüßung werden die Gäste - Franciosa ist mit ihrem Enkel und ihrem Patenkind angereist - mit einem gedeckten Kaffeetisch empfangen. Dann beginnt sie, von ihrer Zeit in Großpösna zu erzählen.

"Ich weiß nicht, wie mein Vater dieses Gut gefunden hat", fängt die gebürtige Leipzigerin ihre Geschichte an, "ich wünschte, ich hätte ihn gefragt." Ein Glücksfall sei es wohl gewesen, immerhin habe dieser abgelegene Ort die Nazis wenig interessiert. Einer ihrer Großväter sei Jude gewesen, ihr Vater galt damit als Halbjude. Vor der drohenden Verfolgung floh die junge Familie nach Großpösna. Mutter und Töchter blieben drei Jahre lang, bis Kriegsende. Nur der Vater musste fliehen. "Eines Tages stand der Bürgermeister vor der Tür und warnte ihn: Die Gestapo ist hinter dir her, sieh zu dass du verschwindest. Er ist dann quer durch Deutschland gewandert, wurde aber erwischt und kam bis zum Kriegsende ins KZ."

Sie, ihre ältere Schwester und ihre Mutter versteckten sich nach der Flucht des Vaters auf dem Gutshof, im Haus von Max und Minna Döbler. "Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wie sie aussahen, aber der Name, den werde ich nie vergessen." Als ihr Ursula Rauwolf die Enkelin der Döblers vorstellt, die extra aus Potsdam angereist ist, brechen bei Rita Franciosa alle Dämme. "Ihre Großmutter rettete mir das Leben", sagt sie mit Tränen in den Augen.

Vieles, was sie weiß, kennt Rita Franciosa nur aus Erzählungen ihrer Mutter. Etwa, dass sich die Thiels vor Soldaten immer im Wald versteckten, oder wie Minna Döbler der Familie Eier brachte und zeigte, wo auf den Feldern noch Kartoffeln zu finden seien. "Aber wirklich gut erinnern kann ich mich erst ab der Zeit, als wir in Israel, damals noch Palästina, ankamen." Das war 1946. Vier Jahre blieben die Thiels in Israel. Dann sei ihrer Mutter die Gewalt in dem neuen jüdischen Staat zu viel gewesen. "Sie wäre daran zerbrochen", sagt Franciosa. Die Familie zog nach Äthiopien, später nach Südafrika. Rita Thiel selbst zog es in die USA, wo sie als Model arbeitete und 1970 den Schauspieler Anthony Franciosa heiratete.

Zum Schluss gibt Rita Franciosa ihren Zuhörern in Großpösna noch einen Rat: "Wir dürfen nie die schlimmen Zeiten vergessen. Aber wir müssen auch lernen, zu vergeben." Wohl auch deshalb spricht sie nach 50 Jahren in den USA noch immer nahezu akzentfrei Deutsch. Sie selbst habe gute Freunde in Deutschland. "Und in L.A. haben wir einen deutschen Stammtisch eingerichtet."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.07.2014
Stefan Lehmann

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