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100 Jahre Strom und Fernwärme

100 Jahre Strom und Fernwärme

„Wer kann helfen? Das Kraftwerk Kulkwitz benötigt zur Aufrechterhaltung des Betriebes sofort eine Tonne Rundstahl.“ Diesen Aufruf startete das Markranstädter Kraftwerk noch Mitte der 50er-Jahre.

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Die Nähe zum Tagebau war vor 100 Jahren ausschlaggebend für den Bau des Kraftwerks Kulkwitz.

Quelle: André Kempner

Markranstädt. Die Zeiten der Not und der Unterversorgung sind mittlerweile vorbei. Aber auch die der harten Arbeit vor Ort. Waren hier in den 40erJahren noch mehr als Tausend Leute tätig, schauen heute – 100 Jahre nach Inbetriebnahme des Kraftwerkes Kulkwitz – nur noch eine Hand voll Mitarbeiter drei Mal in der Woche in dem inzwischen als Heizkraftwerk betriebenen Teil der Stadtwerke Leipzig vorbei.

Einer von ihnen ist Frank Klehm, dessen Leben eng mit dem Werk verbunden ist: 21 Jahre hat der Elektromonteur hier „Schicht gemacht“ wie er sagt, jahrzehntelang auch auf dem Gelände gewohnt. Das war Familientradition, denn schon sein Vater war hier beschäftigt. Klehm ist Mitglied in der Interessengemeinschaft „100 Jahre Heizkraftwerk Kulkwitz“. Diese versucht die Geschichte zu dokumentieren, historische Zeugnisse zu sammeln, aber auch die alten Mitarbeiter zusammenzubringen. Geburtstag wurde bereits im kleinen Kreis gefeiert und dabei auf hundert Jahre Industriegeschichte zurückgeblickt.

Entstanden war das Werk aufgrund der Nähe zum damaligen Kohlentagebau, der um die Jahrhundertwende Fahrt aufnahm. In Markranstädt war zu dieser Zeit noch nicht überall Strom in den Haushalten verfügbar. Das Braunkohlenkraftwerk, das damals ausschließlich Strom produzierte und die bis zum zweiten Weltkrieg bestehende Brikettfabrik jedoch wuchsen über die Jahre kontinuierlich. Da der Energieverbrauch anstieg, musste auch die Leistung erhöht werden.

Als kriegswichtiger Betrieb standen hier auch in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges die Maschinen nicht still – und immer genügend Arbeitskräfte bereit. Kriegsgefangene aus Frankreich und Russland mussten in Kulkwitz ihren Dienst leisten.

Mitte der 90er-Jahre kam der große Schnitt, mit dem sich auch die Bedeutung des Werkes, das früher für die Grundversorgung Zehntausender Wohnungen gebraucht wurde, änderte. Es entstand ein Neubau, der alte Teil des Werkes wurde außer Betrieb genommen. Damit verfiel ein großer Teil des früher genutzten Areals und wurde zur Industriebrache.

Heute sind die Zeiten der Kohle vorbei. Es wird im Spitzenlast-Heizwerk Kulkwitz auf Grundlage von Gas nur noch Fernwärme produziert. Das heißt, wenn das Hauptwerk in Lippendorf bei Störungen oder plötzlichen Temperaturänderungen nicht genügend einspeisen kann, kommt Kulkwitz, das an die Leipziger Ringleitung angeschlossen ist, zum Einsatz. „Innerhalb von 20 Minuten können wir volle Leistung fahren“, sagt Stadtwerke-Ingenieur Lothar Stassig. „Energie vorzuhalten ist eine aufwendige Sache.“ Denn die Anlagen sind ständig betriebsbereit und arbeiten auf niedrigem Niveau. Damit das so bleibt, wird die Kesselanlage alle 72 Stunden kontrolliert.

Wenn Klehm dann in Kulkwitz ist, besucht er regelmäßig einen „Mitarbeiter“, der seit 25 Jahren das Gelände des Heizkraftwerkes nicht mehr verlassen hat: Karpfen Hugo. „Ein Hobbyangler aus unserem Betrieb hatte damals einen kleinen Fisch gefangen und sich entschlossen, ihn hier wieder auszusetzen“, berichtet Klehm. Seitdem gehöre er einfach zur Mannschaft und niemand würde auf die Idee kommen, ihn zu schlachten. „Ich glaube, das wäre ein Kündigungsgrund“, sagt Klehm ziemlich ernsthaft. Hugo kommt zwar nicht jedes Mal an die Oberfläche, wenn die Mitarbeiter nach ihm schauen, aber alle paar Jahre, wenn das Becken abgelassen und gereinigt wird, wird Hugo herausgeholt und vermessen. Fast 80 Zentimeter hatte Hugo bereits vor drei Jahren. Und da Karpfen sehr alt werden können, wird er Klehm wohl bis in die Rente begleiten.

Kerstin Leppich

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