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Auf Knien in die Vergangenheit reisen

Auf Knien in die Vergangenheit reisen

Auf Knien hockt Jacob auf dem kahlen, aufgerissenen Boden der Kulkwitzer Kirche, fegt mit einem Handbesen über die Erde und schiebt den Staub zusammen. Währenddessen kämpft sein Freund Dominik mit einer Schubkarre voller Erde, balanciert sie über ein schmales Brett hinaus aus der Kirche bis zu einem Berg Bauschutt und leert sie da.

Markranstädt. Zusammen mit weiteren Schülern des Gymnasiums und ihrem Lehrer beteiligen sich die Achtklässler an den Ausgrabungen in der Kulkwitzer Kirche. Diese werden seit Dienstag von zwei Mitarbeiterinnen des Landesamtes für Archäologie durchgeführt.

In dem kleinen, 700 Jahre alten Gotteshaus soll der Fußboden erneuert werden, zuvor werden die Erdschichten archäologisch untersucht. „Das ist bei allen alten Kirchen so üblich“, erklärt Eva Lorenz, Grabungstechnikerin beim Landesamt für Archäologie. In den nächsten drei Wochen werden sie und ihre Helfer die Erde durchwühlen. Lorenz hofft auch anhand von Baugrubenverfärbungen etwas über den früheren Grundriss und eine mögliche Apsis auf der Höhe des heutigen Kirchenschiffs zu erfahren. Schon 1971 habe es erste archäologische Arbeiten gegeben, jetzt wolle man weiter und tiefer suchen. „Wir können nur einen guten halben Meter in den Boden dringen, aber auch das wird spannend“, sagt Lorenz, während sie in einem tiefen Loch in der Apsis hockt und die Spitzkelle zur Seite legt. „Denn, wer in Kirchen nichts findet, hat schlampig gearbeitet“, berichtet sie aus Erfahrung.

Und Lorenz behält mit ihrer Einschätzung recht. Schon in den ersten Stunden der Grabungen haben sie und ihre jungen Helfer bereits zahlreiche alte Tonscherben, die zunächst nicht datiert werden konnten, und eine oval geschwungene Kupferspirale – vielleicht Teil eines Ohrrings oder Kettenanhängers – entdeckt. Auch zwei Münzen waren dabei: ein 50-Pfennig-Stück aus DDR-Zeiten, aber auch eine Drei-Pfennig-Münze aus dem Jahr 1864. „Sie zu verlieren, wird dem Besitzer sicher wehgetan haben. Denn das war schon mehr als ein Tageslohn damals“, erklärt Geschichtslehrer Frank Heineke.

Auf die Idee, Schüler bei dem Projekt zu integrieren ist er gemeinsam mit Pfarrer Michael Zemmrich gekommen. „Wir wollten, dass die Jugendlichen mal etwas anderes sehen, gleichzeitig einen stärkeren Bezug zu ihrer Heimat bekommen, aber auch andere Berufsbilder als die im Fernsehen ständig wiederkehrenden Webdesigner und Werbeleute kennenlernen.“ Auch der praktische Bezug ist ihm wichtig: „Wenn die Schüler hier rausgehen, dann wissen sie ganz genau, wie eine romanische Kirche aussieht und was sie auszeichnet. Während sie das nach einer normalen Unterrichtsstunde wohl nach drei Wochen vergessen haben.“ Der Deutsch-, Religions- und Geschichtslehrer bricht eine Lanze für seine Schüler: „Vorurteile, alle Jugendliche würden heute nur vor dem Computer hängen, stimmen gar nicht. Alle beteiligen sich freiwillig und gern bei dem Projekt“, erzählt er.

Die 15 Achtklässler werden hier abwechselnd in kleinen Gruppen an drei Nachmittagen in der Woche Erde ausheben, mit Spateln aber auch mal einem ganz modernen Staubsauger an den Untergrund gehen und nach antiken Stücken suchen. Und die Schüler finden das Klasse. „Ich hab heute schon einer Scherbe im Schutt gefunden“, kann Dominik stolz verkünden, während er sich die Schoner von den Knien streift. „Man kann so etwas ja wirklich nicht oft machen“, sagt Jacob, der sich wie die anderen spontan für das Projekt gemeldet hat. Klar sei die Arbeit mit dem ständigen Hocken und Tragen auch anstrengend, gibt Kevin zu, aber „Es macht Spaß“. Und, weiß Yannic: „Es ist einfach super spannend.“

Kerstin Leppich

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