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Markranstädt Deutsch mit Herz und Geduld ehrenamtlich
Region Markranstädt Deutsch mit Herz und Geduld ehrenamtlich
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14:47 26.10.2015
Die Flüchtlingskinder Iwan und Hussein (v.l.) aus Syrien lernen mit Renate Röder Deutsch. Quelle: Foto: Jörg ter Vehn
Markranstädt

„Guten Tag. Ich möchte einen Bleistift kaufen“: In Markranstädt hilft Pensionärin Renate Röder einer fünfköpfigen syrischen Flüchtlingsfamilie Deutsch zu lernen. Gar nicht so einfach für beide Seiten – und trotzdem wird immer wieder gelacht.

Mit dem Wort „Lineal“ hat Farihda beim Vorlesen noch so ihre Probleme. Ihr Bruder Iwan kann dagegen schon die Uhrzeit aufsagen. Nur der Unterschied zwischen „ist“ und „sind“ bereitet ihm immer mal Schwierigkeiten. Er lächelt dann sein Kinderlachen über den Tisch zu Renate Röder. Die hilft – und alles wird gut. Iwan ist fünf.

Es sei erst das zwölfte oder dreizehnte Mal Deutsch mit der Familie, erklärt Röder. Seit gut sechs Wochen bringt sie den Syrern, die aus dem Raum Aleppo nach Deutschland flohen und mit als erste Flüchtlinge in Markranstädt landeten, ihre neue Sprache bei. Ehrenamtlich, zweimal die Woche vormittags im Mehrgenerationenhaus. Mit selbstgebastelten Lehrmitteln, viel Geduld und vor allem Verständnis.

Angefangen habe sie mit den Namen. Die hätten sie sich gegenseitig zugerufen, sich so bekannt gemacht. Dann ging es über die Körperteile zu den Farben und einem sehr eingängigen Lied, das seitdem wie ein Ritual jedes Mal gesungen werden muss. „Und der kleine Iwan besteht auch darauf“, schmunzelt Röder.

Ihr zur Seite steht ebenso ehrenamtlich Walid, ein Syrer, der schon seit fast 30 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet. „Ohne ihn ginge es nicht“, sagt Röder, die Walids Dolmetscherarbeit schätzt. Die Familie spreche kein Englisch, sagt er.

Selbst die Buchstaben wurden so zu Neuland. Davon gibt es zwar im hierzulande genutzten lateinischen Alphabet zwei weniger als im arabischen. „Aber ein ’E’ kommt dort zum Beispiel gar nicht vor“, erklärt Walid. „Er“ oder „Ihr“ aussprechen zu lernen, üben Renate Röder und die Familie daher genauso intensiv wie das auch für andere Westeuropäer unübliche „Sch“. Mit einem eigens hergestellten Silbensalat – in entsprechenden Döschen passend deponiert – würden auch Wörter gebildet, erzählt die 67-jährige gelernte Erzieherin.

Zu lernen gibt es so unendlich viel. Zum Beispiel die Artikel: Warum ist der Rock männlich, die Hose aber weiblich? Aber auch Walid drängt darauf, dass seine Landsleute zu jedem Nominativ auch gleich den passenden Artikel erlernen. Nur so könnten sie richtiges Deutsch lernen, meint er. Und scheut sich auch nicht, Röder liebevoll darauf hinzuweisen, wenn sie als waschechter Sachse mal wieder ein „R“ verschluckt.

Diese Woche ging es ums Einkaufen. Röder hatte sich dazu den Inhalt einer Federmappe vorgenommen, auch ein Stück zum Lesen als Hausaufgabe aufgegeben. Denn Farihda und Hussein, drittes Kind in Röders Deutschstunde, sollen voraussichtlich im November ihren Schulbesuch aufnehmen. In einem Rollenspiel gingen die Kinder zu ihr in einen fiktiven Laden, als ob sie die nötigsten Utensilien für den Unterricht wie Bleistift, Radiergummi, Füller und ähnliches besorgen müssten.

„Guten Tag. Ich möchte einen Bleistift kaufen“, kann Farihda schon gut aufsagen. Aber die Mutter bremst. Sie hätten für die Federmappen der beiden großen Kinder derzeit kein Geld, seufzt sie. Wirtschaftsförderin Carolin Weber, die die Familie unter ihre Fittiche genommen hat, verspricht das Problem zu lösen.

In Markranstädt sind laut Stadt derzeit 38 Flüchtlinge dezentral untergebracht. Im November soll als nächstes ein Deutschkurs für Erwachsene starten.

Von Jörg ter Vehn

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