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Die zwei Gesichter Afghanistans

Die zwei Gesichter Afghanistans

Drei Mal war Marco Daubitz bereits als Soldat in Afghanistan im Einsatz. Von seinem letzten zwölfmonatigen Aufenthalt ist der Markranstädter FDP-Stadtrat im April heimgekehrt.

Markranstädt. Am Donnerstagabend berichtete er im Mehrgenerationenhaus von seinen Erfahrungen.

Die zwei Gesichter Afghanistans hat Daubitz in drei Einsätzen kennengelernt. Freundlichkeit, Offenheit und absolute Gastfreundschaft auf der einen Seite, Beschuss auf der anderen. „Die Situation hat sich sehr gewandelt“, erzählte Daubitz, während er ein Bild von seinem ersten Einsatz im Jahr 2007 als Pionier zeigt. In einem T-Shirt ist er zu sehen, wie er die Bauarbeiten an einer Schule verfolgt. „Dieses Jahr hätte ich mich nicht mehr ohne Sicherheitsweste aus dem Lager herausgetraut“, sagte er.

Der Schulbau ist ihm in guter Erinnerung. Tagelang hätten da die Baumaterialien ungeschützt in dem bitterarmen Land rumgelegen – unberührt. „Hier wäre so etwas sicher nicht vorstellbar“, sagte der Hauptfeldwebel. „Die Dankbarkeit der Menschen und die riesige Freude eines Kindes, wenn es einen einfachen Stift geschenkt bekommt, treibt auch gestandenen Männern die Tränen in die Augen“, erzählte der Vater einer Tochter, der sich an den Anblick von Kindern, die bei Minus fünf Grad Sandalen tragen, nur schwer gewöhnen konnte.

Daubitz hat aber auch gelernt, was es bedeutet, „tief und schmutzig“ zu fliegen, wie es im Pilotenjargon heißt. Bei einem Flug war die Maschine aus einem Dorf heraus beschossen worden und musste zur Sicherheit so niedrig über dem Boden fliegen, dass jeder Hügel, jede Bodenwelle mitgenommen wurde. „Das ist wie eine Stunde Achterbahn fahren, am Anfang war ich noch recht entspannt, am Ende bin ich grün im Gesicht aus dem Flugzeug gewankt.“

Afghanistan – für viele Deutsche eigentlich ein unbekanntes Land. Deshalb gab Daubitz auch eine ausführliche Einführung in die Geografie und Bevölkerungszusammensetzung des Vielvölkerstaates, in dem die Hälfte der Menschen jünger als 14 Jahre alt ist. Mit Öl-, Erdgas- und Lithiumvorkommen eine Region mit riesigem wirtschaftlichem Potenzial, aber großen Sicherheitsdefiziten. So machte der Stadtrat auch die Probleme deutlich: Armut in einem von zwei Jahrzehnten Krieg zerstörten Staat, Korruption, in der Stammesrecht gewohnten Bevölkerung kaum Akzeptanz für die Zentralregierung, Analphabetismus und Drogenanbau. „Die Lösung ist nicht, den Anbau selbst zu bekämpfen, sondern den Bauern eine Alternative zu bieten, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können“, so Daubitz.

Auch der Alltag der Soldaten im Camp war Thema. Vier Toiletten, vier Duschen für 80 Personen, drei Mann in einem Zwölf-Quadratmeter-Zimmer, das verlangt viel Toleranz.

Die eigene Leistungsgrenze hatte Daubitz, erklärte er offen, erreicht, als über Ostern zunächst drei Soldaten getötet wurden, wenige Tage später dann vier weitere umkamen. Einen der Toten kannte er, hatte mit ihm die vorhergehende Trauerfeier organisiert. „Das zieht einem die Füße weg“, erinnerte sich der Soldat, der zuletzt im Bereich der Truppenpsychologie tätig war und eine notfallpsychologische Ausbildung hat. „Wenn ein unbedarfter 20-Jähriger mit dem Einsatz einfach nur etwas mehr Geld verdienen will, und dann die wenigen Überreste eines durch eine Mine Getöteten aufsammeln muss und dabei auch noch beschossen wird, ist es kein Wunder, wenn er später arbeitsunfähig ist. Aber die Bundeswehr tut mittlerweile sehr viel für die Soldaten“, sagte Daubitz.

Verständnis hat er aber auch für die Afghanen, die noch nie gute Erfahrungen mit Soldaten gemacht haben. Vor allem im Süden des Landes, wo die US-Streitkräfte sitzen, liefen sehr viele zu den Taliban über, so Daubitz. „Wenig gebildet sind sie leicht zu beeinflussen.“

Trotz aller Widrigkeiten ist der Stadtrat überzeugt: „Es macht Sinn dort zu sein. Man muss aber schauen, in welcher Weise man die Aufgaben am sinnvollsten anpackt.“

Kerstin Leppich

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