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Markranstädt Helfen, indem man einfach da ist
Region Markranstädt Helfen, indem man einfach da ist
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17:44 20.02.2012
Als Feuerwehrmann bereits lange im Dienst und jetzt mit der neuen Aufgabe des Notfallseelsorgers betraut: Ronny Bettzüge. Quelle: André Kempner
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Markranstädt

Kein Geistlicher, sondern eine speziell ausgebildete Kraft, die für Angehörige und Betroffene da ist, wenn Unfälle oder Unglücke das Leben von Menschen aus den Fugen bringen.

Der erste Einsatz hat nicht lange auf sich warten lassen. Gerade hatte Bettzüge die einwöchigen Ausbildung abgeschlossen, da musste er bereits zu seinem ersten Einsatz als Notfallseelsorger: Am Markt war eine Seniorin bei einem Unfall mit einem Laster ums Leben gekommen. Zeugen, Mitarbeiter und Passanten, die zur Hilfe eilten, vor allem aber der Fahrer standen unter Schock, brauchten Zuwendung.

Situationen wie diese kennt Bettzüge. Er ist nicht nur städtischer Angestellter beim technischen Service, im Sommer Schwimmmeister, sondern auch aktiver Kamerad bei der Freiwilligen Feuerwehr in Markranstädt. In dieser Funktion musste er in den vergangenen Jahren häufig ausrücken. Bettzüge war bei vielen Einsätzen mit Schwerstverletzten und sogar Toten vor Ort, auch hat er geholfen einen Suizid zu verhindern. Das war auch Auslöser für ihn, die Fortbildung zum Notfallseelsorger zu machen. Denn die Zahl der schweren Unfälle ist in der jüngsten Vergangenheit gestiegen. „Mich hat immer beschäftigt, wer sich um die Angehörigen, Beteiligten oder auch Zeugen kümmert“, erzählt der 45-Jährige. Denn Polizei und Feuerwehrleute sind in die Rettung voll eingebunden, freie Kapazitäten, um sich um die anderen Beteiligten zu kümmern haben sie in der Regel nicht. Auch zukünftig wird Bettzüge auf eine strenge Trennung der Aufgaben achten. „Denn eine Vermischung ist nicht förderlich“, erklärt er.

Als Notfallseelsorger ist er für die Hinterbliebenen da, kann von der Polizei auch als Unterstützung hinzugezogen werden, wenn Todesnachrichten überbracht werden. Die Reaktionen der Angehörigen unterscheiden sich erheblich. Von der Verleugnung im ersten Moment, über Apathie, bis zu schierer Verzweiflung reicht die Bandbreite. Allen sei aber die Frage gemeinsam: ’Wieso gerade mein Mann? Wieso mein Kind?’, berichtet Bettzüge. Dann hört er den Menschen zu, wenn sie reden möchten, oder ist einfach nur da, ohne Druck oder zeitliche Einschränkungen.

„Da braucht es ein großes Einfühlungsvermögen, aber auch eine gewisse innere Sicherheit und eine ausgeglichene Persönlichkeit“, sagt Bettzüge. Wichtig sei auch einen Abstand zu der Situation zu waren. Bettzüge sieht sich als „Anwalt der Verstorbenen“, will helfen ihre Interessen zu wahren.

Der Markranstädter ist vor einigen Monaten mit dem Wunsch, Notfallseelsorger zu werden, auf die Stadt zugegangen und dort auf offene Ohren gestoßen. Denn das Problem der zahlreichen Unfälle war bekannt. Zwar gibt es beim Landkreis Leipzig auch einen Notfallseelsorger, doch Entfernungen führen in Notfällen zu großen Zeitverzögerungen.

„Wir sind froh, dass Ronny Bettzüge, dies von sich aus angeboten hat, denn das ist eine Aufgabe, die man nicht einfach jemandem übertragen kann. Ohne die innere Bereitschaft ist die Erfüllung kaum denkbar“, sagt auch Heike Helbig, Sprecherin der Stadt.

Seine Ausbildung hat Bettzüge in Leipzig beim Institut für Seelsorge absolviert. Sie wird zwar von vielen Geistlichen durchgeführt, doch sie erfolgt religionsoffen. Dennoch gehört neben Psychologie, Kommunikation und vielen Fallbeispielen auch eine Einführung in verschiedene Glaubensrichtungen dazu. Und die hat Bettzüge, obwohl Atheist, neugierig gemacht. „Es ist wichtig zu wissen, wie in den Glaubensgemeinschaften mit dem Tod umgegangen wird. In unserer Gesellschaft wird er ja völlig ausgeblendet“, sagt Bettzüge. Deshalb will er auch in Kontakt mit verschiedenen Gemeinden, darunter der Jüdischen in Leipzig, treten. Denn der persönliche Austausch und ständige Fortbildungen gehören ebenso zu seiner neuen Aufgabe, wie eine gefestigte Persönlichkeit. Bettzüge jedenfalls hofft, sehr lange für Betroffene und Hinterbliebene da sein zu können.

Kerstin Leppich

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