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Im Ernstfall schreien und weglaufen

Im Ernstfall schreien und weglaufen

Florian nähert sich dem Auto vor der Schule. Der Fahrer winkt ihn freundlich heran, fragt nach dem Weg, reicht einen ausgedruckten Zettel. Ganz nah tritt Florian heran an das Auto, streckt seine Hand durch das Fenster.

Markranstädt. Eine fatale Situation. Mit vertrauenserweckender Stimme fragt der Mann: „Ach, du hast auch eine Playstation. Und was spielst du gern?“ Innerhalb weniger Sekunden hat der Fremde den kleinen Jungen nicht nur nach dem Weg gefragt, sondern auch in ein Gespräch verwickelt und steht Momente später gemeinsam mit ihm vor dem geöffneten Kofferraum.

Klassenlehrerin Angela Bühnert stockt das Herz. „In einer realen Situation mit einem echten Verbrecher wäre er jetzt schon längst weggewesen“, stellt sie erschrocken fest. „Dies zeigt deutlich, wie wichtig das Üben mit den Kindern ist“, sagt Bernd Mattausch, der eben noch den Fremden gemimt hat. Gemeinsam mit Kriminalhauptkommissarin Nicole Salomon probt der Sicherheitsausbilder in dieser Woche mit der zweiten und dritten Klasse der Grundschule Nils-Holgersson in Großlehna den Ernstfall.

Ein Kind nach dem anderen soll an dem Auto auf dem Schulhof vorbeigehen und zeigen, was es in den Stunden zuvor gelernt hat. Ein Mädchen läuft zügig vorbei, ein Junge schaut zwar misstrauisch, unterhält sich dann aber doch mit dem Mann.

Das Projekt „Mit Grips gegen Gewalt“ will unter dem Motto „Klein aber nicht wehrlos“ schon die Jüngsten auf mögliche Gefahrensituationen aufmerksam machen. Geprobt wird der Umgang mit fremden Menschen. „Wir stellen oft fest, dass Kinder von ihren Eltern zwar schon viel gehört haben, aber dann gar nicht sicher sind, wen sie als fremd einstufen sollen“, berichtet Mattausch aus der Praxis. „Kinder werden normalerweise angehalten, freundlich zu sein, entsprechende Situationen laufen aber immer über einen freundlichen Kommunikationsaufbau. Darin liegt die Gefahr“, erklärt Salomon. In allen aus der jüngsten Vergangenheit bekannten Fällen seien die Kinder freiwillig mit den Tätern mitgegangen, berichtet sie.

„Oft überschätzen Kinder auch ihre Kräfte, glauben wie in einem Film das Autofenster einschlagen zu können“, erzählt Mattausch. Doch die Bedrohung beginnt bereits lange vor solchen Zusammentreffen. Deshalb gehört auch das Telefonieren zum Training. Ist der Anrufende nicht bekannt, sollten kleine Kinder nicht ans Telefon gehen. Zu schnell plappern sie sonst wichtige Informationen aus. Für den Fall, dass sie mal nicht rechtzeitig auf das Display geschaut haben, und ein Fremder am Apparat ist, denken sich die Kursleiter mit den Kindern aus, was sie sagen könnten. Hausaufgabe „Notlüge“ – auch das gehört zu der Vorbereitung der Drittklässler.

Besonders wichtig sei aber die Rolle der Eltern, die oft viel zu emotional reagieren. „Schimpfen oder sich aufregen, wenn ein Kind erzählt, dass es mit einem Fremden gesprochen hat, ist der falsche Weg. Damit erreicht man nur, dass das Kind nichts mehr erzählt“, sagt Mattausch. Besser sei es, in einem freundlichen Gespräch näheres herauszufinden und dann ruhig zu sagen: „Ich hab dabei ein schlechtes Gefühl und möchte nicht, dass du dich mit dieser Person unterhältst.“

Wenn Polizisten oder externe Kursleiter diese Übungen machen, kommt das bei den Kindern viel stärker an, als wenn Lehrer Vorträge halten“, stellt Schulleiterin Uta Jakob fest. Wie viele Schulen hat sich auch ihre Grundschule früh für das Sicherheitstraining der Polizeidirektion Westsachsen beworben. Doch das Projekt ist gefährdet. Wie alles hängt auch dieses von den finanziellen Zuweisungen des Landes ab. „Wie es weitergeht, wissen wir noch nicht“, erklärt Salomon.

Die Kinder der Grundschule in Großlehna immerhin haben die Chance zum Üben bekommen. Und Trainer Mattausch hat Florian, Josephin und ihre Klassenkameraden so lange am Auto entlanggehen lassen, bis sie sich von nichts mehr haben zum Stehenbleiben verleiten lassen.

Kerstin Leppich

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