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Markranstädt Morsch und marode
Region Markranstädt Morsch und marode
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17:31 24.05.2011
Sind bei jeder Gelegenheit auf dem Wasser: Die Kinder und ihre Trainer des Kanuvereins, hier Tino Zehring mit Matthias Riedel und Kajakfahrer Rick Böttcher mit Rene Oelßner (von links). Quelle: André Kempner
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Markranstädt

Vorsitzende Birgit Riedel befürchtet, nicht mehr lange durchhalten zu können. „Uns fällt das Dach auf den Kopf“, sagt sie und meint das wörtlich. Die Verkleidung fällt von den Decken und das ist nicht das einzige Problem, das der Verein hat, der am Westufer des Kulkwitzer Sees liegt.

Das Gebäude ist bereits 80 Jahre alt, es stand schon als, in Markranstädt noch Braunkohletagebau betrieben wurde. Damals war das Haus ein Lokschuppen, Restschienen zeugen davon. Heute sollen hier Kinder turnen, Sportler sich umziehen, duschen, feiern. 1974 wurde das Gebäude als Bootshaus eingeweiht. Seitdem ist nicht mehr viel passiert. „Alles, was hier gemacht wurde – wie Umkleideräume und Duschen – haben Ehrenamtliche übernommen“, erzählt Riedel. „Aber wir kommen an unsere Grenzen.“

Denn nach dem harten Winter sind nicht nur Risse in den Wänden, in manche Räume dringt Feuchtigkeit ein, sie können nicht mehr genutzt werden. „Wir brauchen trockene Räume als Lager“, erklärt Riedel. Es herrscht Platzmangel. „DDR-Charme“, sagt die Vorsitzende, wenn sie vom Sanitärbereich spricht. Sauber, aber alt. Die Duschen lassen sich nicht direkt von den Umkleiden erreichen. Aber ohnehin werden die Sportler gebeten, sich zuhause zu duschen. Grund: Das Vereinsheim ist nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Abwässer müssen aus der Grube des Vereins abgepumpt werden, ein Kostenfaktor.

84 Mitglieder im Alter von sieben bis 65 Jahren hat der Verein, die meisten sind Kinder und Jugendliche. Auf die Nachwuchsförderung wird viel Wert gelegt. Drei ADHS-Kinder werden in der Sportgemeinschaft selbstverständlich integriert. „Zu uns kommen auch viele Kinder aus sozial schwachen Familien. Viele wohnen sogar in Grünau und Lützen in Sachsen-Anhalt“, sagt Riedel, die über ihre Söhne zu dem Verein fand. Für viele Jungen und Mädchen sei dieser Platz am Kulkwitzer See auch ein Stück Heimat, sie rudern nicht nur, sondern machen ihre Hausaufgaben, verbringen ihre Freizeit hier. Für die Erwachsenen wird neben Rudern auch Fußball, Volleyball, Tischtennis und Pilates angeboten. In den kalten Monaten sei Muskelaufbau besonders wichtig, auch wenn der Kraftraum winzig und schlecht ausgerüstet sei. Denn Sommersportler werden im Winter gemacht“, so Riedel. Zwei sportliche Vorbilder hat der KFC mit Steffen Kühnert und André Kowlatschek schon hervorgebracht. Jedes Jahr veranstaltet der KFC im Spätsommer die größte Kanuregatta in Sachsen. „Doch wir überlegen, sie dieses Jahr ausfallen zu lassen, um Geld zu sparen“, so Riedel.

Sie und ihre Vereinskollegen wünschen sich eine Zuwegung zum Vereinsheim. Bisher existiert nur eine private und unbeleuchtete Schotterpiste, die zudem mit einer Schranke versperrt ist. „Immer wieder haben wir Diskussionen mit den Eltern, die sich um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen“, berichtet Riedel, die den Zustand nicht nur deshalb für untragbar hält. „Bei einem Notfall würde der Kranken- oder Feuerwehrwagen gar nicht vorfahren können.“ An die Elektrik des Vereinsheims mag sie gar nicht denken. „Ich bete immer, dass nichts passiert.“

Für die dringendsten Arbeiten sind 200 000 Euro nötig, schätzt Riedel. „Mit 400 000 Euro könnten wir es hier richtig schön machen“, sagt sie. Auch eine neue Gymnastikhalle wünscht sich der Verein. Die Halle ist alt und nicht heizbar. Im Winter würden sich die Turnerinnen mit den Matten in den Flur vor die Heizungen legen, berichtet Riedel. „Wir würden eine neue Turnhalle gern auch anderen Clubs oder Schulen anbieten“, sagt sie.

Trotz oder sogar wegen der schlechten Verhältnisse: Der Verein öffnet sich nach außen. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft ist von der Ost- auf die Westseite des Sees gewechselt. Der KFC hat sie mit ihren Booten aufgenommen. Die eigenen müssen jetzt teils draußen bleiben. Auch die Leipziger Universität gibt hier Kurse: Surfen zum Beispiel. Angler sind immer auf dem Gelände des KFC willkommen. Einige Schulen haben hier bereits Projekttage durchgeführt.

Riedel sieht einen Teufelskreis auf den Verein zukommen. „Wir können bestenfalls noch zwei Jahre durchhalten. Wenn sich nicht bald etwas ändert, werden wir aber auch keine Kinder mehr herlocken können. Die brauchen wir aber, damit wir Fördergelder bekommen können“, erklärt Riedel die Situation. Deshalb hofft sie, dass schnellstmöglich ein Bauplan kommt, der den KFC miteinschließt. Denn ohne den seien auch den engagiertesten Vereinsmitgliedern die Hände gebunden. Riedel fürchtet jede Verzögerung. „Denn der Landessportbund fördert immer weniger, die Mittel aus dem Konjunkturpaket werden aufgebraucht. Es ist tatsächlich ein Zeitfrage“, sagt Riedel. Sie hofft auf der Prioritätenliste des Stadt hochzurutschen, auch wenn Rudern weniger medienträchtig als Fußball oder Handball sei. „Bisher fühlen wir uns eher wie Stiefkinder.

Kerstin Leppich

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