Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland 10 000 Leipziger auf dem Untersuchungstisch
Region Mitteldeutschland 10 000 Leipziger auf dem Untersuchungstisch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:14 06.07.2018
Der Leipziger Markus Löffler (63) ist der Leiter der LIFE-Studie. Quelle: André Kempner
Leipzig

Erstens macht Arbeit gesund. Zweitens schlägt sich Übergewicht vermutlich auch im Gehirn nieder. Und drittens ist Diabetes wahrscheinlich weiter verbreitet als gedacht. Das sind drei Zwischenergebnisse der bisher größten gesundheitlichen Langzeituntersuchung in Sachsen, der LIFE-Erwachsenenstudie. Zwischen Ende 2011 und 2014 haben fünf Leipziger Forschungsstellen und ein Institut aus Nordrhein-Westfalen in zwölf Arbeitsgruppen 10 000 zufällig ausgewählte Leipziger zwischen 20 und 80 Jahren befragt und körperlich untersucht, um der Entstehung von Zivilisationskrankheiten auf die Spur zu kommen. Das Projekt, von Freistaat und Europäischer Union seit 2009 mit mehr als 44 Millionen Euro unterstützt, geht jetzt in die zweite Runde.

Bisher haben 2400 der damaligen Teilnehmer erneut Post aus dem Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationskrankheiten (LIFE) bekommen, wo die Fäden zusammenlaufen. Die übrigen 7600 Bürger erhalten die dicken Umschläge noch, 25 gehen momentan pro Woche in der Reihenfolge der ersten Erhebung heraus. Die DIN-A4-Kuverts enthalten Fragebögen, für deren Beantwortung LIFE-Leiter Markus Löffler zwei Stunden veranschlagt. Der Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Universität Leipzig weiß, wovon er spricht: Der Zufallsgenerator hat ihn seinerzeit selbst als Probanden ausgewählt.

Die Nachuntersuchung gibt der LIFE-Studie ihren eigentlichen Sinn. „Jetzt stellen wir fest, was sich in den sechseinhalb Jahren geändert hat“, sagt Löffler. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wollen die Wissenschaftler die Daten miteinander vergleichen und auf Wechselwirkungen zwischen Lebensumständen, Lebensstilen und gesundheitlicher Verfassung schließen. Für die mehrdimensionale Perspektive erweise sich der Wissenschaftsstandort Leipzig als ideal, findet Steffi Riedel-Heller, Leiterin des Instituts für Sozial- und Arbeitsmedizin an der Uni Leipzig. Neben Instituten und Kliniken der Universitätsmedizin sind aus Leipzig das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, das Herzzentrum, das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beteiligt. Weiterer Partner ist das Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf.

Arbeit schützt vor Demenz

Die Sozialmedizinerin Riedel-Heller wertet die bisherigen Ergebnisse als Ehrenrettung der Berufstätigkeit: „Es heißt immer: Arbeit macht krank. Burn-Out und Überforderungen sind medial große Themen“, sagt die Ärztin. Doch das Gegenteil sei ebenso der Fall: „Arbeit macht gesund. Sie ist sinnstiftend, strukturiert den Tag, bringt soziale Kontakte mit sich.“ Die LIFE-Daten zeigten, dass Arbeitslosigkeit das Risiko einer Depression erhöhe. Arbeit hingegen schütze offenbar vor Demenz: „Wen der Beruf mental fordert, dessen Gehirn funktioniert auch später im Leben besser.“

Rund 120 Publikationen in namhaften Fachzeitschriften hat die Erhebung bisher hervorgebracht, „aber die Auswertung der Basisdaten ist längst nicht abgeschlossen“, sagt Studienleiter Löffler. Dennoch werden bis 2020 weitere Daten gesammelt: Über den Fragebogen hinaus bitten die Wissenschaftler in den nächsten Monaten 2500 Teilnehmer zu einer mehrstündigen körperlichen Untersuchung. Unter anderem durchleuchten sie die Gehirne von 700 gesunden 66- bis 86-jährigen Probanden zum zweiten Mal nach sechs Jahren. „Es ist in Deutschland die erste systematische Untersuchung zu MRT-Veränderungen im Laufe der Zeit“, betont Löffler.

Bereits aus den ersten Daten schließt ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften, dass starkes Übergewicht das Risiko einer Alzheimer-Demenz erhöht. Eine Adipositas sei auch an Veränderungen der Hirnregion zu erkennen, die den Appetit reguliert, erklärt Löffler. Wobei die Frage nach Henne und Ei offenbar noch nicht völlig geklärt ist: Verändert Adipositas das Gehirn oder sollte man von vornherein auch im Kopf nach Ursachen von Fettleibigkeit suchen?

„Gerade um solche Kausalitäten zu klären, ist die zweite Untersuchung so wichtig“, findet Riedel-Heller. Die Leipziger erwiesen sich als überaus verlässlich, lobt sie. Ihrem Kollegen Löffler zufolge kommen 60 Prozent der Fragebögen ohne weitere Aufforderung ausgefüllt zurück, „dafür sind wir sehr dankbar“ – im Sinne der Wissenschaft. Mancher Studienteilnehmer profitiere zudem ganz direkt: „Im ersten Durchlauf haben wir bei drei Prozent eine Typ-2-Diabetes entdeckt, von der die Betroffenen nichts wussten“, sagt Löffler.

Von Mathias Wöbking

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Noch immer dauert es viel zu lange, bevor psychisch Erkrankte im Osten eine Behandlung erhalten. Das liegt offenbar auch daran, dass es zuwenig Psychotherapeuten dafür gibt.

29.06.2018

Aus drei mach eins: Mit der Eröffnung von Europas modernster Zugbildungsanlage in Halle endet die Ära des Güterumschlags auf Schienen in Leipzig-Engelsdorf und Dresden-Friedrichstadt. Beide Bahnhöfe gehen zum Fahrplanwechsel im Dezember vom Netz.

29.06.2018

Mitteldeutschlands Urlaubsregionen melden gute Auslastung zum Auftakt der Sommerferien. Im warmen Sommer sind Mitteldeutschland und besonders die sächsische Schweiz gefragt.

29.06.2018