Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland AfD zweitstärkste Kraft in Sachsen – keine Mehrheit für Schwarz-Rot
Region Mitteldeutschland AfD zweitstärkste Kraft in Sachsen – keine Mehrheit für Schwarz-Rot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:38 07.09.2018
Archivfoto Quelle: dpa
Leipzig

Ein Jahr vor der nächsten Landtagswahl in Sachsen ist die AfD mit 24 Prozent zweitstärkste politische Kraft im Freistaat. Nur fünf Prozentpunkte trennen sie von der CDU, die zwar die Spitze behauptet, aber unter die 30-Prozent-Marke gerutscht ist. Wäre schon am morgigen Sonntag Landtagswahl, hätte Schwarz-Rot keine Mehrheit mehr. Auch alle anderen bisher üblichen Koalitionen würden am Wahlergebnis scheitern. Den etablierten Parteien droht 2019 ein Schock an der Wahlurne.

Das ergab eine Umfrage der Leipziger Volkszeitung, für die das Leipziger Meinungsforschungsinstitut Uniqma vom 20. bis 28. August 703 repräsentativ ausgewählte wahlberechtigte Sachsen befragte. Die Ereignisse von Chemnitz nach dem tödlichen Messerangriff von Asylbewerbern auf einen 35-Jährigen, die erst in der letzten Phase des Befragungszeitraums stattfanden und noch andauern, spielen daher bei der Umfrage nur eine untergeordnete Rolle. Sie dürften die Zersplitterung der Wählerschaft vertieft haben.

CDU und SPD kämen zusammen nur noch auf 40 Prozent. Ein regierungsfähiges Zweierbündnis würden rein rechnerisch mit 53 Prozent nur CDU und AfD zusammenbekommen. Knapp würde es schon für eine vom schleswig-holsteinischen Regierungschef Daniel Günther (CDU) ins Spiel gebrachte Feuer-Wasser-Konstellation aus CDU und Linken (48 Prozent). Beide Varianten haben alle Beteiligten in Sachsen ohnehin ausgeschlossen. Auch bei den Wählern stoßen beide Koalitionen auf wenig Gegenliebe. Dass CDU und Linke zusammen regieren, können sich nur ganze drei Prozent vorstellen, dabei mehr Anhänger der Linken als der CDU. Einem Bündnis aus CDU und AfD geben nur zwölf Prozent den Vorzug, fast nur AfD-Wähler.

Die in Sachsen lange alleinregierende Union, die unter Kurt Biedenkopf 58,1 Prozent (1994) und 56,9 Prozent (1999) einfuhr, hat ihr Ergebnis inzwischen halbiert. Im Vergleich zur Landtagswahl 2014 (39,4 Prozent) sackte die CDU in der LVZ-Umfrage weitere zehn Prozentpunkte nach unten. Michael Kretschmer, dem neuen Chef an Sachsens CDU- und Regierungsspitze, ist es trotz seiner offensiven Gesprächskultur bislang nicht gelungen, den Trend umzukehren. Für den Leipziger Soziologieprofessor Holger Lengfeld hat das nicht nur mit Sachsen, sondern mit der Bundespolitik zu tun. Denn die Bürger seien mit der Sachpolitik der Landesregierung vor Ort gar nicht so unzufrieden. „Ich vermute“, so der Leiter des Instituts für Soziologie an der Leipziger Universität, „ein größerer Teil der Sachsen macht die Bundespolitik und hier insbesondere die Bundesregierung für empfundene Missstände verantwortlich. Wenn das stimmt, haben Kretschmer & Co. nicht viel Spielraum, um Unzufriedene zurückzugewinnen. Das drückt sich dann in den schlechten Umfragewerten aus.“

Die SPD in Sachsen, die mit 9,8 Prozent 2004 ihren Tiefpunkt erreichte, kommt auch derzeit aus dem Tal der Tränen nicht heraus. Und das, obwohl sie mit Landesparteichef Martin Dulig als Wirtschaftsminister und Petra Köpping als Integrationsministerin zwei populäre Kabinettsmitglieder stellt, die sich intensiv um ostdeutsche Belange kümmern. Mit elf Prozent büßen die Sozialdemokraten jetzt noch einen Prozentpunkt ein im Vergleich zu ihrem Wahlergebnis von 2014.

Mehr zum Thema

Kommentar: Sachsens Parteien zwischen Umfrage und Wirklichkeit

Sachsen muss sich auf eine superbunte Koalition vorbereiten“

Stabil gehalten haben sich die Linken, denen etwa jeder fünfte Sachse seine Stimme geben würde. Aber eine Regierungsoption haben sie damit nicht, denn Rot-Rot-Grün, wie von zwei Drittel der Anhänger der Linken gewünscht, bleibt in Sachsen reine Utopie.

Nach jetzigem Stand würden sechs Parteien in den Landtag in Dresden einziehen. Die FDP schafft den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde, und die Grünen legen zu auf sieben Prozent, bleiben damit aber unter dem bundesdeutschen Trend, der die Öko-Partei derzeit auf 14 bis 15 Prozent hochschraubt.

Etwa jeder fünfte Wahlberechtigte im Freistaat weiß entweder noch nicht, bei wem er sein Kreuz machen soll oder will gar nicht wählen. Vier Prozent haben jede Angabe zur Wahl verweigert.

Keine Chance auf Sitze im Landtag hat die blaue Partei von Ex-AfD-Chefin Frauke Petry. Auch andere Gruppierungen, wie die Freien Wähler, scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde.
„Eine Wunschkoalition, die eine große Mehrheit der Sachsen hinter sich hätte, ist derzeit nicht zu erkennen“, resümiert Andreas Czaplicki, der Chef des Uniqma-Instituts. Mit 19 Prozent stimmen die meisten noch für ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen. Das käme derzeit aber auch nur auf 47 Prozent.Als mögliches Regierungsbündnis bliebe eine Viererkonstellation aus CDU, SPD, Grünen und FDP. Die krachend gescheiterten Verhandlungen von Union, Grünen und Liberalen auf Bundesebene lassen indes erahnen, dass ein solches Unterfangen der Quadratur des Kreises gleichkommt.

Die Fortsetzung mit Reaktionen folgt am Montag in Ihrer LVZ.

Anita Kecke

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Etwa 65.000 Menschen kamen in der vergangenen Woche zu einem Konzert gegen Rassismus in Chemnitz zusammen – nun planen Initiativen eine Fortsetzung.

07.09.2018

Die selbst ernannte Bürgerbewegung Pro Chemnitz plant für Freitagabend erneut eine Demonstration in der sächsischen Großstadt. LVZ.de begleitet die Ereignisse wieder mit einem Liveticker.

07.09.2018

Der VW-Konzern verurteilte am Freitag die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz. Zugleich forderten Vorstand, Betriebsräte und rund 500 Angestellte im Motorenwerk Chemnitz, sich für Toleranz und Weltoffenheit einzusetzen.

07.09.2018