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Mitteldeutschland Antwort auf Hitlers Hetzschrift
Region Mitteldeutschland Antwort auf Hitlers Hetzschrift
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19:28 08.02.2016
Frank Kimmerle (58), Chef des Erich-Zeigner-Hauses in Leipzig und einer von elf Protagonisten des Buches „Mein Kampf – gegen Rechts“. Quelle: Kempner
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Leipzig

Frank Kimmerle ist entsetzt. So sehr, dass dieser wortgewandte Mann nach passenden Sätzen suchen muss. „Es ist unfassbar, dass Hitlers schlimmste Hetzschrift neu aufgelegt wird – und dass diese Propaganda auch noch im Unterricht behandelt werden soll, setzt allem die Krone auf“, macht sich der Leipziger hörbar Luft. Ausgerechnet jetzt, wo selbsternannte Wutbürger die Volksseele aufkochen lassen und rassistische Vorurteile schüren. Ausgerechnet jetzt, wo immer mehr Flüchtlingsheime angegriffen und angezündet werden, kehrt Hitlers Bekenntnisbuch zurück. „Einfach widerlich“, findet Kimmerle die Wiederveröffentlichung von „Mein Kampf“ nach 70 Jahren – und ist mit seinem Entsetzen nicht allein.

Der Verein „Gesicht zeigen!“, dem der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye vorsteht, setzt jetzt ein Zeichen: Den Sammelband „Mein Kampf – gegen Rechts“, an dem auch Iris Berben, Sascha Lobo und Konstantin Wecker mitgearbeitet haben. Ein Gegenbuch, eine Gegenrede, einen Gegenkampf. Das Buch vereint sehr berührende Erzählungen von Menschen, die ihre eigenen Kämpfe ausfechten: Kämpfe gegen Intoleranz, rechte Gewalt und Gesinnung. Elf Frauen und Männer schildern diese Kämpfe. Das Heldentum derer, die hier zu Wort kommen, ist leise, manchmal sogar sanft, aber es zeichnet sich durch seine Unbeirrbarkeit aus.

Da ist zum Beispiel der Chefdramaturg des Staatsschaupiels Dresden, Robert Koall, der erlebt, wie sich ganz normale Bürger radikalisieren und in aller Unschuld den Pegida-Parolen folgen – Koall begleitet die Aufmärsche, veröffentlicht seine Tagebücher dazu. José Paca, der vor 26 Jahren aus Angola nach Erfurt kam, erzählt von Anfeindungen, nur weil seine Hautfarbe nicht hell ist – und, wie er sich wehrt. Und da ist eben jener Kimmerle, 58, ein gebürtiger Schwabe, der seit der Wende in Leipzig lebt und mit dem Jugendalter begann, alten und neuen Nazis gewaltfrei die Stirn zu bieten. Sein Porträt wurde von dem Leipziger Journalisten und Rechtsextremismus-Experten Michael Kraske aufgezeichnet.

Auch Kimmerles Vita ist von unzähligen kleinen Kämpfen geprägt, die vor allem Jugendlichen Mut geben sollen. „Zivilcourage ist ein großes Wort, vor dem nicht selten zurückgeschreckt wird. Doch das Buch, und auch ich, wollen zeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt, menschlich zu handeln“, weiß Frank Kimmerle um die kleinen Kämpfe jedes Einzelnen – und um das Erschaudern und Zurückschrecken. Der Geschäftsführer des Erich-Zeigner-Hauses berichtet von Neonazis, die in sächsischen Städten patrouillieren und marschieren, die die Städte säubern wollen – und fast immer sind Kimmerle und seine Mitstreiter als Gegenpart zur Stelle. Mit Demonstrationen, Lesungen, Konzerten, Schülerprojekten und Diskussionsrunden kämpft er nimmermüde gegen den braunen Ungeist. Er setzt der grassierenden Fremdenfeindlichkeit, die längst in der sogenannten Mitte der Gesellschaft angelangt ist, seinen Humanismus entgegen, der manchem idealistisch erscheinen mag. Deshalb organisiert der Leipziger auch von Beginn an den Protest gegen Legida mit. Gerade liefert er sich einen juristischen Streit mit der Stadtverwaltung wegen des Verbots einer Mahnwache, der bundesweit für Schlagzeilen sorgt und die Unterstützung ihn abermals bestätigt.

Dieser Mann könnte stolz sein – doch er hält sein Engagement für die natürlichste Sache der Welt. Ein Engagement, von dem ihn auch die Angst nicht abhalten kann. „Natürlich ist es nicht leicht, stehen zu bleiben, wenn rechte Schläger dich vertreiben wollen. Aber auch das kann man lernen“, sagt Frank Kimmerle, der trotz häufiger Anfeindungen und gewalttätiger Drohungen noch nie von Nazis verletzt wurde. Mittlerweile sei er wohl zu bekannt, um angegriffen zu werden, sagt der 58-Jährige mit einer gewissen Lakonie. Wenn es mal ernst werden sollte, lautet sein Rezept: „Ich stelle mich mit ausgebreiteten Armen hin und rufe ’Keine Gewalt’. Das hat meistens geholfen.“ Ein Mittel, mit dem auch die Friedliche Revolution erfolgreich verlaufen konnte. Die Gewaltfreiheit ist für ihn das oberste Gebot. Mit der friedlichen Revolution möchte Kimmerle, der nur ungern über sich redet, sein Engagement allerdings nicht verglichen.

Stattdessen redet er über die Schülerprojekte des Zeigner-Hauses, über mehr als hundert in ganz Sachsen verlegte Stolpersteine aus unseren Jugendprojekten: Jugendliche erarbeiten die Biografien von Familien oder einer Person, die durch Nazis verfolgt oder ermordet wurden und bekommen damit einen konkreten Bezug zum Faschismus. „Diese Geschichten bleiben hängen“, ist sich der Familienmensch sicher. Und genau diese Geschichten sind es, die ihn in jeden Tag aufs Neue antreiben – und nicht etwa eine verhinderte Großdemonstration: „Die schönsten Momente sind, wenn die Schüler ihre Arbeiten abgeschlossen haben, voll Stolz und auch voll Anteilnahme sind, den jeweiligen Stolperstein verlegen. Dann weiß ich, weshalb ich das alles mache.“

Genau darin liegt die Chance, eine mündige Zivilgesellschaft gegen die Hass-Parolen zu verteidigen: Hartnäckiger als die Verbohrten zu sein – und die Herausforderung persönlich nehmen. Deshalb, sagt Kimmerle, sollte nicht Hitlers „Mein Kampf“ zum Unterrichtsstoff gemacht werden, sondern „Mein Kampf – gegen Rechts“. Nicht wegen seiner Beteiligung, sondern für die Menschlichkeit.

Verein Gesicht Zeigen! (Hrsg.): Mein Kampf – gegen Rechts. Europa Verlag Berlin; 168 Seiten, 14 Euro Quelle: Europaverlag

Die Buchpräsentation findet am 25. Februar in Berlin (Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 19 Uhr) statt. Veranstaltungen in Mitteldeutschland sind in Vorbereitung. Weitere Informationen und Kontakt: www.meinkampfgegenrechts.de

Von Andreas Debski

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