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Mitteldeutschland „Armenien setzt auf die Kraft der jungen Leute“
Region Mitteldeutschland „Armenien setzt auf die Kraft der jungen Leute“
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22:02 29.05.2018
I Ashot Smbatyan ist seit Juli 2015 der armenische Botschafter in Deutschland. Er wurde im April 1969 in Jerewan geboren und kennt sich in Deutschland, besonders in Sachsen, bestens aus. Zunächst studierte er in Armenien Mathematik. Danach wechselte er 1990 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an die Technische Universität Dresden und studierte danach an der Universität Leipzig. In einem zweiten Studium an der Humboldt-Universität in Berlin widmete er sich der Volkswirtschaftslehre. In der armenischen Botschaft arbeitete er von 1999 bis 2008 als persönlicher Referent, dann als Leiter der Botschaftskanzlei. Nach seiner Arbeit im armenischen Außenministerium kehrte er 2014 nach Berlin zurück. Der 49-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Quelle: Christian Modla
Leipzig

In Armenien hat eine sogenannte Samtene Revolution mit friedlichen Straßenprotesten Anfang Mai einen neuen Ministerpräsidenten an die Macht gebracht: Nikol Paschinjan (42), Vater von vier Kindern, Journalist, erinnert mit Basecape, Tarnanzug und Vollbart an Fidel Castro in jungen Jahren. 2009 wurde er als Anführer einer Protestwelle gegen Vetternwirtschaft und Korruption inhaftiert, kam nach zwei Jahren durch eine Amnestie frei und saß seither für die Opposition im Parlament. In den vergangenen Wochen mobilisierte er Zehntausende Anhänger und brachte schließlich Ministerpräsident Sersh Sargsyan zu Fall, der nach zwei Amtsperioden als Präsident nunmehr eine dritte als Ministerpräsident weiter regieren wollte, was nach der neuen Verfassung möglich gewesen wäre. Zur Lage im Land sprach die LVZ mit Armeniens Botschafter in Deutschland, Ashot Smbatyan, der vergangene Woche in Leipzig an der Universität eine Vorlesung hielt.

Herr Botschafter, die Opposition in ihrem Land hat gerade die Macht erkämpft. Wie geht es nun weiter?

Sie wurde nicht erkämpft, der Wandel wurde durch friedliche Protestdemonstrationen der Bevölkerung erreicht. Unser neuer Ministerpräsident wurde am 8. Mai vom Parlament gewählt, die neue Regierung ist gebildet worden, die neuen Minister sind ernannt, und nun beginnt die Arbeit. Wir müssen die demokratischen Reformprozesse voranbringen, die Rechtsstaatlichkeit durchsetzen und gesetzliche Grundlagen schaffen für die Korruptionsbekämpfung.

Der neue Ministerpräsident ist auch mit den Stimmen der Republikanischen Partei von Ex-Präsident Sargsyan gewählt worden. Er hat keine Hausmacht im Parlament, da sind Reformen schwierig.

Ja, nach deutscher Lesart haben wir eine Minderheitsregierung. Aber der Ministerpräsident hat außerhalb des Parlaments eine riesige Unterstützung. Deshalb gehe ich davon aus, dass ihn im Parlament auch die Abgeordneten der Republikanischen Partei unterstützen werden, wenn es um Reformen geht. Ich bin kein Prophet, aber klar ist: Unsere Jugend steht hinter diesem Reformkurs; geht es doch um unser Land und die Zukunft der jungen Generation.

Es gibt in Ihrem Land eine starke Verflechtung von Wirtschaft und Politik. So gehört beispielsweise Gagik Zarukjan, einem Ex-Weltmeister im Armwrestling, die Weinbrandfabrik Ararat und die Partei „Blühendes Armenien“. So nehmen Oligarchen direkt Einfluss im Parlament. Lässt sich da überhaupt etwas ändern?

Oligarchen gab und gibt es fast überall im postsowjetischen Raum. Teilweise hat das etwas mit Denkweise, mit Mentalität und auch etwas mit Generationen zu tun. Wir setzen auf die Kraft und den Veränderungswillen der jungen Leute, dazu müssen wir neue Regeln schaffen um den Gesetzen zur Geltung zu verhelfen. Um bildlich zu sprechen: Korruption ist eine Krankheit. Man muss sie ausmerzen, ihre Wurzeln konservativ trocken legen.

Russlands Präsident Wladimir Putin war einer der Ersten, der Paschinjan gratuliert hat. War seine Wahl auch im Sinne Moskaus?

Das müssen Sie in Moskau erfragen. Fakt ist: Unser neuer Ministerpräsident hat klar gesagt: Armenien steht zu seinen Verträgen mit Russland, wird die Bündnisbeziehungen mit Moskau ausbauen und zugleich die Beziehungen zu Europa und zu den USA weiterentwickeln.

Es ist für Armenien sicher auch nicht so ganz einfach, Njet zu sagen. Russland steht mit 5000 Soldaten in Ihrem Land, stellt eine Art Schutzmacht gegen das feindliche Aserbaidschan dar.

Ich halte es nicht für angemessen, unser Verhältnis auf geografische Gegebenheiten oder Grenzen zu reduzieren. Die bilateralen Beziehungen basieren auf Jahrhunderte alter Freundschaft und gegenseitigem Respekt. Im Laufe der wechselhaften Geschichte haben wir gemeinsam Licht und Schatten erlebt. Das verbindet. Russland ist unser größter Handelspartner. Sie dürfen auch nicht die große armenische Gemeinschaft in Russland vergessen, die wichtige Verbindungen zwischen unseren Ländern schuf. Es gibt etwa 1400 armenisch-russische Unternehmen bei uns. Aber wir brauchen auch Partner aus dem Westen, zum Beispiel in Sachen moderner Technologie, wie etwa die IT-Branche.

Armenien ist Mitglied in der von Russland initiierten Eurasischen Wirtschaftsunion, will sich zugleich aber auch stärker der Europäischen Union zuwenden. Lässt Moskau das zu?

Wir denken, wirtschaftliche Zusammenarbeit muss über Bündnisgrenzen hinausgehen und hoffen, dass sich die Sache einmal von Lissabon bis Wladiwostok entwickelt.

Armenien hat seit Jahren Streit mit dem Nachbarland Aserbaidschan wegen der Kaukasusregion Berg-Karabach. Wie ist der Konflikt zu lösen?

Der Schlüssel zu einem langfristigen Frieden in der Region ist die Kooperation. Ich spreche von einer beiderseitigen Zusammenarbeit zur Entwicklung der gesamten Region. Wir haben gemeinsam mit der OSZE mehrmals versucht, Aserbaidschan zu einer konstruktiven Lösung des Karabach-Konflikts zu bewegen. Leider mussten wir im April 2016 schmerzhaft erfahren, dass Vereinbarungen nicht immer umgesetzt werden. Aserbaidschan hat nicht nur den Waffenstillstand gebrochen, sondern auch gezeigt, dass dem Land – entgegen eigener Bekundungen – nicht wirklich an einer friedlichen Regelung gelegen ist. Seit dem Waffenstillstand von 1994 ist in beiden Ländern eine Generation herangewachsen, die mit dem brüchigen Frieden zu leben gelernt hat. Es ist unsere Aufgabe, diese Generation auf eine langfristige, friedliche und konstruktive Lösung des Konflikts vorzubereiten. Hier geht es um das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung von Berg-Karabach. Die Menschen müssen die Chance bekommen, durch ein Referendum zu entscheiden, wie sie ihre Zukunft sehen.

Sie waren bereits im September letzten Jahres in Leipzig – was zieht Sie so häufig hierher?

Ich habe mich mit Oberbürgermeister Burkhard Jung getroffen und ihn nach Armenien eingeladen. Unsere Hauptstadt Jerewan, eine der ältesten Städte der Welt, begeht im Oktober ihre 2800-Jahr-Feier. Wir hoffen, dass Herr Jung unserer Einladung folgt und würden es sehr begrüßen, wenn es zu einer Kooperation zwischen Leipzig und Jerewan käme. Übrigens: Der erste armenische Verein in Deutschland wurde 1860 in Leipzig gegründet, also noch vor dem von den Türken am armenischen Volk verübten Völkermord. Dieser Leipziger Verein bestand überwiegend aus Intellektuellen, von denen einige dann später zu den Gründungsvätern unserer ersten armenischen Universität gehörten.

Stichwort: Armenien –Binnenland mit wechselvoller Geschichte

Armenien ist ein Binnenstaat im Kaukasus und liegt im Bergland zwischen Georgien, Aserbaidschan, dem Iran und der Türkei zwischen Asien und Europa. Das Land entspricht dem nordöstlichen Teil des ehemals viel größeren armenischen Siedlungsgebiets, das jedoch in der wechselvollen Geschichte Armeniens nur selten ein vereintes Reich war.

Die Hauptstadt ist Jerewan (über eine Million Einwohner). Die Fläche von knapp 30 000 Quadratkilometern entspricht knapp einem Viertel der Fläche der ehemaligen DDR. Armenien hat gut 3,2 Millionen Einwohner. Hinzu kommen fast eine Million Menschen, die in Armenien geboren wurden und in aller Welt verstreut leben. Das Verhältnis von Auswanderern zur Gesamtbevölkerung ist mit 25 Prozent das vierthöchste der Welt.

Das Land gehörte zu den frühesten christlichen Kulturen und weist zahlreiche religiöse Stätten auf. Dazu gehören der griechisch-römische Tempel von Garni und die aus dem 4. Jahrhundert stammende Kathedrale von Etschmiadsin, Sitz des Oberhauptes der armenisch-apostolischen Kirche. Das Kloster Chor Virap ist eine Pilgerstätte unweit des Ararats, eines ruhenden Vulkans hinter der türkischen Grenze. Die zwischenzeitliche Sowjetrepublik war immer wieder von fremden Mächten besetzt. Der Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 durch das osmanische Reich gilt als einer der ersten Genozide des 20. Jahrhunderts.

Von Jan Emendörfer

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