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Mitteldeutschland Ausbau von Ganztagsschulen kommt schleppend voran: 3,3 Millionen Plätze fehlen
Region Mitteldeutschland Ausbau von Ganztagsschulen kommt schleppend voran: 3,3 Millionen Plätze fehlen
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17:13 17.10.2017
Kinder beim Essen in einer Ganztagsschule Quelle: dpa
Gütersloh/Leipzig

Um Kindern in Deutschland flächendeckend den Besuch einer Ganztagsschule zu ermöglichen, sind laut einer aktuellen Studie mehr als 3,3 Millionen weitere Ganztagsplätze nötig. Zudem würden mehr als 30.000 zusätzliche Lehrer und rund 16.000 weitere Erzieher und Sozialpädagogen gebraucht, erklärte die Bertelsmann Stiftung am Dienstag in Gütersloh. Auch der Deutsche Städtetag sowie Lehrer- und Schulverbände verlangen mehr Investitionen. Die Forderung der Stiftung nach einem Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz stieß auf unterschiedliche Reaktionen.

Mit der vorgeschlagenen Aufstockung von Personal und Investitionen könnten bis zum Jahr 2025 rund 80 Prozent aller Schüler ganztags betreut werden, erklärten die Autoren der Studie. Die zusätzlichen Personalkosten bezifferte die Studie auf jährlich rund 2,6 Milliarden Euro. Um die nötige räumliche Infrastruktur aufzubauen, müssten die Schulträger insgesamt 15 Milliarden Euro investieren. Die Stiftung mahnte eine gemeinsame Anstrengung von Bund, Ländern und Kommunen an.

Ausbau kommt zu langsam voran

Etwa drei Viertel der Eltern wünschen sich laut Studie inzwischen einen Ganztagsplatz für ihr Kind. Zwar sei der Ausbau seit Anfang des Jahrtausends vorangekommen. Ein flächendeckendes Angebot würde bei gegenwärtigem Tempo jedoch noch mehr als vier Jahrzehnte dauern. Die Bertelsmann-Stiftung kritisiert, dass der Ausbau der Ganztagsbetreuung nach dem Auslaufen der Bundesförderung 2009 merklich verlangsamt habe. So verdreifachte sich zum Beispiel in Sachsen der Anteil der Kinder in Ganztagsbetreuung vom Schuljahr 2002/2003 von 22,3 Prozent auf 72,7 Prozent im Schuljahr 2009/2010. In den Jahren danach gab es im Freistaat in den sechs Jahren bis 2016 nur noch einen marginalen Anstieg auf 77,5 Prozent. Bundesweit stieg die Kapazität von 9,8 Prozent in 2002/2003 auf 27,1 Prozent in 2009/2010 beziehungsweise auf29,3 Prozent in 2015/2016.

Die neue Bundesregierung müsse dem Thema Priorität geben, sagte der Vorstand der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger. Die Investitionen sollten Bund, Länder und Kommunen in einem nationalen Kraftakt gemeinsam schultern. Nötig seien auch gemeinsame Qualitätsstandards und ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Der Rechtsanspruch habe auch den Kita- und Krippenausbau erst richtig ins Rollen gebracht.

Betreuungslücke in der Schulzeit

Auch Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) sprach sich dafür aus. Es sei nicht einzusehen, warum der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz mit dem Schuleintritt erlösche, erklärte Barley in Berlin. Viele Eltern stünden vor einer Betreuungslücke. Während 80 Prozent der Kinder im Kita-Alter ganztags oder im erweiterten Halbtags-Modus betreut würden, hätten bei den Grundschulkindern 44 Prozent kein Betreuungsangebot nach dem Unterricht. „Deshalb brauchen wir einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Schulkinder - ohne Wenn und Aber“.

Der Deutsche Städtetag befürwortete den Ausbau von Ganztagschulen, einen Rechtsanspruch lehnte er hingegen ab. Ein Anspruch über die kommunale Jugendhilfe, wie er auf Bundesebene diskutiert werde, sei der falsche Weg, sagte die Verbandspräsidentin Eva Lohse den Zeitungen der Essener Funke Mediengruppe (Mittwoch). Die kommunale Jugendhilfe sei dazu aus finanzieller, personeller und organisatorischer Sicht nicht geeignet. Mehr Investitionen und Personal für die Ganztagsbetreuung forderten auch der Ganztagsschulverband und der Verband Bildung und Erziehung (VBE).

Für die Studie „Gute Ganztagsschule für alle“ ermittelten die Autoren die Höhe der baulichen Investitionen und der laufenden Kosten für zusätzliches pädagogisches Personal, die bei einem Umbau zu einem Ganztagsschulsystem anfallen.

epd/joka

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