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Mitteldeutschland „Gegen die Leute muss vorgegangen werden, die sind gewalttätig“
Region Mitteldeutschland „Gegen die Leute muss vorgegangen werden, die sind gewalttätig“
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08:28 04.11.2018
Neonazi-Aussteiger Ronny trug Insignien der Nazis auf der Brust. Die Tattoos sind heute weg, doch der ehemalige Chemnitzer Neonazi kennt die Szene immer noch gut. Quelle: Monika Skolimowska/dpa
Chemnitz

Es sei normal gewesen, sich nach Waffen zu erkundigen. „'Was wäre zu haben?' Das war keine ungewöhnliche Frage bei uns“, sagt Ronny. Wenn Ronny von „uns“ spricht, meint er die Neonazi-Kameradschaft, in der er früher war. „'Es müssen Opfer gebracht werden.' Solche Sätze waren Standard im Szene-Sprech“, sagt er. Auf diese Worte folgten bei Ronny Taten, für die er drei Jahre ins Gefängnis kam.

Dass Opfer gefordert würden, sollen auch die Mitglieder von „Revolution Chemnitz“ in ihrem internen Chat geschrieben haben. Die mutmaßlichen Rechtsterroristen, die Anfang Oktober festgenommen wurden, hatten sich nach Angaben der Bundesanwaltschaft um halbautomatische Schusswaffen bemüht.

Tattoo des Reichsadlers auf der Brust

Einige von ihnen kennt Ronny aus den Zeiten, als er auf der Brust ein Tattoo des Reichsadlers hatte und mit seinen Kameraden bei Rechtsrockkonzerten die nächsten Schritte plante. „Gegen die Leute muss vorgegangen werden, die sind gewalttätig“, sagt er heute.

Ronny ist 27 Jahre alt und kommt aus dem Raum Chemnitz. Er hat sich zwar mit diesem Namen vorgestellt, heißt aber anders. Sieben Jahre ist es her, dass er nicht mehr in der Szene ist. Den Kontakt zum sächsischen Aussteigerprogramm habe er gesucht, nachdem er verurteilt wurde. Warum Ronny im Gefängnis landete, will er nicht sagen. Zu groß ist seine Befürchtung, erkannt zu werden. „Ich saß mit Anfang 20 im Knast. Auch vor der Haft habe ich schon angefangen, die Ideologie zu hinterfragen.“ Auseinandersetzungen hatte es vorher schon gegeben, zum Beispiel mit Antifas, bei denen es „vor die Fresse gab“, wie er sagt. „Ich wollte mal ernsthaft mit jemandem diskutieren.“

Weniger Aussteiger, weil extreme Ansichten akzeptierter sind?

Den Beginn seiner Nazi-Karriere bezeichnet er heute als „Party-Politisierung“. Mit 14 Jahren ging zum ersten Mal auf Rechtsrockkonzerte. Später schloss er sich erst Skinheads und dann so genannten Autonomen Nationalisten an. Diese kritisieren den Kapitalismus aus rechtsextremen Motiven heraus und vermengen dabei krude Verschwörungstheorien mit Rassismus. „Wir haben Einwanderung als das Symptom einer tieferliegenden Krankheit betrachtet“, erzählt Ronny.

Früher hätten Neonazis jederzeit vorgehalten bekommen, dass ihre Ansichten falsch seien, sagt Ricardo von der Kontaktstelle des sächsischen Aussteigerprogramms. Um seine Arbeit nicht zu gefährden, tritt er in der Öffentlichkeit nicht mit vollem Namen auf. „Unsere Sorge ist, dass Rechtsextremisten heute weniger Außenseitererfahrungen machen“, sagt er. Dass die Ächtung geringer werde, könne dazu führen, dass künftig weniger Neonazis aus der Szene aussteigen wollten.

Mindestens 30 Aussteiger pro Jahr in Sachsen

Mindestens 30 Menschen wenden sich jährlich an das sächsische Aussteigerprogramm, weil sie mit ihrem extremistischen Umfeld brechen wollen. Bei den meisten Beratungsfällen handelt es sich nach Angaben der Leipziger Kontaktstelle des Programms um ehemalige Rechtsextremisten.

Demnach begleiten die Mitarbeiter der Initiative, die vom sächsischen Innenministerium und von Sozialverbänden getragen wird, durchgehend etwa 15 Aussteiger. Bei 90 Prozent der Fälle handele es sich um Menschen aus dem rechtsextremen Spektrum. Zielgruppen des Programms sind aber auch Menschen, die islamistischen oder linksextremen Gruppen den Rücken kehren wollen.

Diese Befürchtung teilt auch Ronny. „Bei Pegida laufen bürgerliche Leute mit, die einem gewaltbereiten Milieu nicht abgeneigt sind“, sagt er. Das sei vor wenigen Jahren noch anders gewesen. Als Neonazi lerne man ein Schwarz-Weiß-Denken, das schwer aufzubrechen sei – und das noch viel mehr, wenn man den Eindruck habe, bürgerliche Menschen auf seiner Seite zu haben.

Freital: Vom lokalen Protest zum Terrorismus

Der Jenaer Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent bezeichnet dieses Phänomen als Legitimationseffekt. Aus diesem könne auch der rechte Terror schöpfen. „Der Rechtsterrorismus sieht sich als Vollstrecker einer mutmaßlichen Mehrheitsmeinung“, sagt er.

So hätten die Vorfälle in Freital 2015 gezeigt, dass aus lokalen Protestbewegungen gegen Asylunterkünfte, Terrorismus entstehen könne. Die so genannte Gruppe Freital hatte fünf Sprengstoffanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und politische Gegner verübt. Von der Vereinigung wurden im März acht Mitglieder vom Oberlandesgericht Dresden unter anderem wegen Bildung einer Terrorgruppe zu Haftstrafen verurteilt.

„Doof-prollige Idiotengruppen“

„Was gewaltbereite Neonazis angeht, ist der Unterschied zwischen heute und den 90er Jahren, dass das Feld, aus dem die Pflanzen wachsen, größer und besser gedüngt ist“, sagt Ricardo vom Aussteigerprogramm. Wörter wie „Bevölkerungsaustausch“ und „Überfremdung“ formulierten am rechten Rand eine andere Art von „apokalyptischer Dringlichkeit für Taten“. Hinzu komme, dass es gerade im Osten Deutschlands oftmals stabile Netzwerke aus gewaltbereiten Neonazis gebe, die seit den 90er Jahren bestünden.

Ronny nennt diese Menschen „doof-prollige Idiotengruppen“, mit denen er nichts mehr zu tun haben wolle. Es sei Zufall gewesen, dass er zum Neonazi wurde, er habe sich in seiner Jugend an seinem Umfeld orientiert. Heute lese er viel und alles was er in die Hände bekomme.

Er weiß, bei wie viel Prozent die Grünen aktuell bei Umfragen liegen, spricht sich für ein menschliches Asylsystem aus und bezeichnet sich als konservativen Menschen. Den Reichsadler auf seiner Brust hat er mit einem anderen Motiv überstechen lassen. „Man sieht ihn nur noch ein kleines bisschen durch“, sagt er.

Von dpa