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Mitteldeutschland Autobahn-Marsch und Sindermann-Stiefel
Region Mitteldeutschland Autobahn-Marsch und Sindermann-Stiefel
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06:00 27.07.2018
Halles SED-Chef Horst Sindermann (Mitte) begrüßt einen Soldaten. Mit dabei: Generalmajor Hans-Georg Ernst, Chef des Militärbezirks III, und Wolfgang Börner (hinten links). Quelle: privat
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Adorf/Leipzig

Sommer 1968. Er ist 27, junger und frisch gebackener Kompaniechef sowie Hoffnungskader: der heute 77 Jahre alte Wolfgang Börner. Im Juli vor 50 Jahren hält sich der Leutnant mit seiner Einheit der Nationalen Volksarmee (NVA) zum Gefechtsschießen in Annaburg in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg auf – dort, wo einst auch die Indische Legion in der deutschen Wehrmacht auf ihren Einsatz vorbereitet wurde. „Von dort wurden wir plötzlich zurückbeordert“, erinnert sich Börner. Erhöhte Gefechtsbereitschaft sei unmittelbar danach ausgelöst worden.

Unter sowjetischem Oberkommando

Im Stab der 11. motorisierten Schützendivision in Halle-Lettin herrscht gespannte Betriebsamkeit. Was Börner und seine Soldaten nicht wissen: Sie unterstehen ab Ende Juli direkt dem sowjetischen Oberkommando. Die drei Regimenter aus der halleschen Reil-Kaserne, aus Weißenfels und aus der Leipziger Georg-Schumann-Straße (1972 nach Bad Frankenhausen verlegt) marschieren in den Raum Hermsdorf, wo volle Gefechtsbereitschaft hergestellt wird. „Teilweise sind wir auf der Autobahn marschiert“, sagt Börner, dessen Einheit als Vorhut-Bataillon unterwegs ist.

Technik tarnen, Gefechtsausbildung, Langeweile – so sieht der Tagesablauf aus. Wie lange die Einheit in „feldmäßiger Unterbringung“ bleiben muss, weiß niemand. „Im Sommer war es ja noch recht gemütlich, was sich im Verlauf des Septembers und im Oktober aber deutlich änderte“, so der gebürtige Leipziger.

Die SED-Bezirksleitung Halle schickt Verstärkung. Was dem jungen Leutnant erst später bewusst wird: Die „Verstärkung“ trifft sich konspirativ mit IM-Soldaten (IM: informeller Stasi-Mitarbeiter), will herausbekommen, ob die Truppe zum Einmarsch in die CSSR bereit ist. Mit der Zeit gibt es zwar einige Erleichterungen für die Offiziere, die Informationslage ist jedoch sehr überschaubar. „Wir haben beispielsweise nur spärliche Infos bekommen, dass einige kleine Nachrichteneinheiten bereits auf tschechischem Territorium waren“ sagt Börner. Es sind die einzigen DDR-Soldaten, die kurzzeitig jenseits der Grenze stehen.

Wolfgang Börner, Oberstleutnant a.D. Quelle: Martin Pelzl

Abwechslung ganz anderer Art bringt Halles SED-Chef Horst Sindermann, der an seinem 54. Geburtstag die Truppe auf einem Schießplatz besucht. „Als er sah, dass außer den Offizieren kein Soldat Gummistiefel zur Verfügung hatte, organisierte er kurzerhand welche – die ,Sindermann-Stiefel‘“, erzählt Börner.

Von Hermsdorf aus geht es am frühen Morgen des 23. August in den Raum Plauen, Adorf, Oelsnitz und Auerbach – „mit der Aufgabe, bei Befehl auf drei Marschstraßen das Territorium der CSSR zu betreten und in Richtung Sokolov zu handeln“, erinnert sich Börner an diesen Tag. „Ich habe mit meiner Kompanie bei Gettengrün unmittelbar an der tschechischen Grenze campiert“, berichtet der einstige NVA-Offizier. Seit zwei Tagen sind die Grenzen zum Nachbarland da schon geschlossen sowie Waffen und Munition ausgegeben.

„Dort warteten wir auf die nächsten Befehle“, erzählt Börner, der seit 1967 als Kompaniechef eingesetzt ist. Voll aufmunitioniert sei das Tagwerk vollbracht worden. „Am Koppel die Magazintasche mit drei vollen Magazinen, die Waffe über dem freien Oberkörper – so wurde Frühsport gemacht.“ Ein besonderes Vorkommnis habe es bei der Nachbarkompanie gegeben – „aus Versehen wurde eine Kuh erschossen“. Der zuständige LPG-Chef habe es aber locker genommen und die Kuh der Einheit zur „weiteren Verwendung“ zur Verfügung gestellt.

Wenig unerlaubte Entfernungen

Die Stimmung in der Truppe ist ambivalent. „Unter den Offizieren waren schon einige, die auf die Invasion gewartet haben, unter den einfachen Soldaten gab es meiner Meinung nach niemanden, der unbedingt einmarschieren wollte“, so Börner. „Die Stimmung ist eher so gewesen: Es ist zwar Sch …, dass wir hier campieren, aber Befehl ist nun mal Befehl.“ Der Informationsfluss sei ja durch eine vor Ort eingerichtete Armeedruckerei massiv gesteuert worden. Den Ernst der Lage habe aber jeder begriffen. „Unerlaubte Entfernungen von der Truppe hat es wenig gegeben“, berichtet er weiter. Ein Oberleutnant, der damals erklärte, dass er bei einer Intervention nicht mitmache, sei sofort degradiert und entlassen worden. Nach der Wende habe man ihn dann rehabilitiert.

Die Thematik eines möglichen Einmarsches in die Tschechoslowakei 30 Jahre nach dem Münchner Abkommen – also eine Dualität der Ereignisse – hat laut Börner in der Truppe keine Rolle gespielt – wohl aber in den Überlegungen der Sowjetunion, die auch aus diesem Grund die NVA von einem aktiven Einsatz ausgeschlossen hat. Dies wird der DDR-Führung erst wenige Stunden vor Beginn der Aktion mitgeteilt, die – sauer über die Entscheidung – aus propagandistischen Zwecken getürkte Reportagen vom Einsatz der NVA-Truppen in der CSSR verbreiten lässt.

Erst am 16. Oktober werden die ostdeutschen Truppen wieder dem Oberkommando der DDR unterstellt. Einen Tag später findet die Verlegung in die angestammten Kasernen statt.

Und wie sieht jemand, der es später bis zum Oberstleutnant brachte, die Geschehnisse von damals heute? „Ich habe viel über meine Rolle nicht nur als junger Offizier nachgedacht“, sagt Börner, dem eine höhere Karriere samt Besuch der Militärakademie offenbar wegen der Westverwandtschaft seiner Frau versagt blieb. Es sei im Nachgang positiv, dass es nicht zum Einsatz ge­kommen sei. „Ich habe im Verlauf meiner Dienstzeit immer mehr festgestellt, dass es – und so sahen es einige andere Offiziere auch – so nicht weitergehen kann und dass etwas schiefläuft.“ Dies sei auch ein Grund gewesen, dass er nach der Wende „nicht im Groll“ aus dem Militär ausgeschieden sei und sich nicht um eine Stelle in der Bundeswehr beworben habe.

Im Herbst 1990 scheidet Börner nach knapp drei Dekaden aus der NVA aus, widmet sich als Parteiloser anderen Aufgaben. Unter anderem hinterlässt er im sachsen-anhaltischen Burgenlandkreis, wo er 1995 hinzieht, sieben Jahre als Bürgermeister von Kleinhelmsdorf sowie aktuell als Seniorenbeauftragter der Verbandsgemeinde Wethautal und als Amtsblatt-Redakteur Spuren.

Von Martin Pelzl

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