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Barmer-Landeschef über ambulante und stationäre Versorgung: „Die Mauer muss weg“

Gesundheitswesen Barmer-Landeschef über ambulante und stationäre Versorgung: „Die Mauer muss weg“

Die Mauer zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ist schon lang nicht mehr zeitgemäß und muss endlich verschwinden, fordert Barmer-Landesgeschäftsführer Fabian Magerl. Er will eine neue Planung, die an Bundesländergrenzen nicht halt macht.

Sachsens Barmer-Landesgeschäftsführer Fabian Magerl (41).
 

Leipzig.  Sachsens Barmer-Landesgeschäftsführer Fabian Magerl spricht über Differenzen zwischen ambulanten und stationären Bereich, die elektronische Gesundheitskarte und das Pflegestärkungsgesetz.

Im Bundestagswahlkampf spielt das Thema medizinische Versorgung bei den meisten Parteien nicht die zentrale Rolle. Was müsste aus Ihrer Sicht künftig an Problemen angegangen werden?

Die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern muss das zentrale Thema der kommenden Legislaturperiode sein. Die Mauer zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ist schon lang nicht mehr zeitgemäß und muss endlich verschwinden. Das ist ein gewaltiges Vorhaben, weil diese Mauer in vielen Jahrzehnten gewachsen ist. Natürlich gibt es vereinzelte Mauerspechte, aber die Mauer insgesamt muss eingerissen werden - für eine Kontinuität in der Versorgung und eine Anschlussbehandlung ohne Wartezeiten.

Wie soll das gehen?

Das Wichtigste aus unserer Sicht ist, dass es zunächst bundesweit eine einheitliche Bedarfsplanung gibt. Durch Vertreter der niedergelassenen Ärzte, der Krankenhäuser, der Krankenkassen und natürlich auch der Bundesländer, die dann die Ausgestaltung des Rahmens regeln. Wenn man an das eng verflochtene Gebiet Leipzig, Halle, Erfurt oder auch Jena denkt, dann wird schnell klar, dass es einfach keinen Sinn macht, eine solche Planung nur nach Ländergrenzen auszurichten.

Damit hebeln Sie aber das föderale System aus, wonach ja die Krankenhausstruktur weitgehend Ländersache ist?

Das ist ein Riesen-Vorhaben, das ist völlig klar. Aber wir müssen den großen Wurf jetzt wagen, denn es dauert mit Sicherheit vier, fünf Jahre, bis ein neues System funktionsfähig ist. Wir brauchen dabei die Bundesländer genauso wie die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenhausgesellschaften. Doch wenn man jetzt nicht anfängt, schiebt man die Entscheidung für eine bessere Versorgung der Patienten immer weiter vor sich her.

Da reden wir auch über viel Geld?

Ja, doch dafür spricht, dass im Augenblick die finanzielle Situation in der Bundesrepublik so günstig ist, dass man es sich leisten kann, das Thema anzugehen.

Welche Effekte erhoffen Sie sich über die bessere Patientenversorgung hinaus?

Dahinter steht natürlich auch das Thema „Mangel an hoch spezialisierten Fachkräften“. In manchen Regionen, zum Beispiel den Großstädten Leipzig und Dresden, haben wir mehr Ärztinnen und Ärzte, als wir eigentlich brauchen. In ländlichen Gebieten dagegen fehlen sie. Eine wohnortnahe Versorgung der Patienten erfordert die stärkere Vernetzung und Kooperation zwischen den Ärzten sowie eine stärkere Koordination der medizinischen Angebote.

Was folgt nach der Bedarfsplanung?

Wir brauchen einheitliche Vergütungssysteme und Bewertungsmaßstäbe für Leistungen, die sowohl niedergelassene Ärzte als auch Krankenhäuser erbringen können. Das bedeutet gleiches Geld für gleiche Leistungen. Der Patient kann so entscheiden, ob beispielsweise die Behandlung eines Leistenbruches im Krankenhaus oder in der spezialisierten Arztpraxis erfolgen soll. Weiter müssen Versorgungsverbünde in den einzelnen Regionen entstehen, die ein interdisziplinäres, professionenübergreifendes Arbeiten möglich machen. Im Mittelpunkt steht dabei der Patient. Er muss bei Bedarf ohne lange Wartezeiten die notwendige Anschlussbehandlung erhalten. Derzeit hängt noch viel davon ab, wo der Patient im Gesundheitssystem ankommt. Das ist weder für den Versicherten noch für das Gesundheitssystem gut.

Weil die Kosten der Behandlung steigen?

Ja, und weil die Qualität gleichzeitig sinkt und längere Wartezeiten entstehen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ja, die Notfallversorgung, also die klassische Triage Notfallambulanz, kassenärztlicher Bereitschaftsdienst und Rettungsdienst. Es hängt vom Wohnort und vielen Zufälligkeiten ab, wie ein Patient Hilfe erhält und ob lange Wartezeiten entstehen. Viele gehen in die Notaufnahme, auch wenn das gar nicht immer nötig ist. Wenn sich mein Kind beispielsweise am Wochenende verletzt, brauche ich einen Ansprechpartner, der die notwendige Versorgung koordiniert.

Wie wird es nach der Bundestagswahl mit der elektronischen Gesundheitskarte weitergehen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir bei der Digitalisierung voranschreiten müssen. Wir brauchen die elektronische Patientenakte. Dabei muss der Patient stets Herr seiner Daten bleiben, und die Qualität der medizinischen Versorgung muss im Mittelpunkt stehen. Darüber ist man sich mittlerweile quer über alle politischen Lager hinweg einig. Hinsichtlich der elektronischen Gesundheitskarte sind wir zuversichtlich, dass die Speicherung von Notfall- und Arzneimitteldaten bis 2019 umgesetzt wird.

Wo klemmt es?

Wir Deutsche sind gern Perfektionisten, was bei Innovationszyklen von drei bis vier Jahren ausgesprochen schwierig ist. Denn wer nicht schnell genug in diesem Prozess ist, muss dann eben auf andere Produkte zurückgreifen. In der Gematik, der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte, waren die Krankenkassen für eine zügige Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und die Ärzte dagegen. Das hat die Umsetzung sehr erschwert.

Ist in Deutschland der Datenschutz ein Verhinderungsgrund für alles? Vielen Patienten ist es doch ziemlich egal, was mit ihren Daten passiert?

Meine Beobachtung ist: 70 Prozent der Patienten würden gern mehr Digitalisierung in Anspruch nehmen, doch es gibt auch die anderen 30 Prozent, die Sorge haben. Die Technik muss daher sicher sein. Wichtig ist uns aber auch, dass Patienten die Souveränität über die eigenen Daten behalten. Sie sollten entscheiden, wer Zugriff erhält und in welchem Umfang.

Wenn wir von Digitalisierung reden, geht es zumeist um eine bessere medizinische Versorgung. Entstehen nicht aber auch neue gesundheitliche Risiken?

Natürlich wirkt sich die Digitalisierung der Arbeitswelt auf die Gesundheit der Menschen aus. Psychische Erkrankungen nehmen am stärksten zu. Das hängt zum einen mit dem Anspruch zusammen, permanent verfügbar zu sein, aber auch mit dem Druck, immer schneller zu arbeiten, der Flut von E-Mails oder der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Barmer hat gemeinsam mit der Universität St. Gallen 8000 Beschäftigte in der Bundesrepublik befragt. Da wurde vor allem über Einschlafschwierigkeiten, Kopf- und Rückenschmerz sowie ein Gefühl des Ausgebrannt Seins geklagt.

Woran liegt das?

Wenn ich meine E-Mails mit nach Hause nehme und nicht mehr abschalten kann, wirkt sich das langfristig negativ auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit aus. Betriebliches Gesundheitsmanagement kann helfen, Führungskräfte und Beschäftigte vor Überforderung zu schützen. So sollten Chefs der Unternehmen Selbstdisziplin zeigen und auch darauf achten, dass sich die Arbeitnehmer regelmäßig Zeit zum Abschalten nehmen. Das Problem der digitalen Revolution ist das Problem aller Revolutionen: Man weiß vorher nicht, was am Ende dabei herausgekommen sein wird. Wichtig ist, dass wir auch im Berufsleben aufeinander achten.

In den Krankenhäusern sollen in Zukunft mehr Pflegekräfte vorhanden sein, hat die Bundesregierung beschlossen. Wo sollen die herkommen?

Der Fachkräftemangel fällt uns jetzt überall auf die Füße. Das eigentliche Problem liegt aber darin, dass der pflegerische Bereich an den Krankenhäusern in den vergangenen Jahren nicht in dem Maße aufgestockt worden ist, wie es notwendig gewesen wäre. Das hat mit dem Abrechnungssystem zu tun, das die Diagnose vergütet, aber die Pflege vernachlässigt. Man muss abwarten, ob das neue Programm der Bundesregierung auch zu einer Verbesserung des Personalschlüssels führt.

Was hat das Pflegestärkungsgesetz gebracht?

Es war die größte Reform der Pflegeversicherung seit ihrer Einführung im Jahre 1995. Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff werden die kognitiven Fähigkeiten der Patienten viel stärker in den Fokus gerückt. Mehr Versicherte bekommen Leistungen von der Pflegekasse. Vor allem die Pflege Zuhause wurde gestärkt. Und auch die Fachkräfte profitieren finanziell, was den Beruf hoffentlich attraktiver macht.

Wie ist der Stand bei der Videosprechstunde?

Die Videosprechstunde wurde im April in die vertragsärztliche Versorgung aufgenommen. Sie ist möglich bei Kontrollen von Operations- und anderen Wunden, Hauterkrankungen, zur Beurteilung von Bewegungseinschränkungen des Stütz- und Bewegungsapparates, zur Beurteilung der Stimme oder des Sprechens und zur Verlaufskontrolle nach einer Operation unter Narkose. Wir können noch nicht genau sagen, wie die Videosprechstunde angenommen wird. Die Abrechnung erfolgt zeitverzögert. Als Ergänzung zur eigentlichen Behandlung sehen wir die Videosprechstunde sehr positiv. Gerade in ländlichen Gebieten kann die Sprechstunde eine echte Erleichterung für Ärzte und Patienten bringen. Ein weiterer Schritt wäre es, wenn Behandlungen ohne vorherigen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt möglich wären. Dazu müsste das Fernbehandlungsverbot gelockert werden.

Wäre die Videosprechstunde am Ende womöglich sogar die Lösung zur Entlastung der Notdienste? Der Patient, der am Wochenende Bauchschmerzen bekommt, meldet sich in der virtuellen Notaufnahme?

Das wäre vorstellbar. Es gibt ja auch jetzt schon Angebote in der Online-Geschäftsstelle der Barmer, wo man per Video-Schalte zum Spezialisten weitergeleitet wird. Telemedizin kann einen großen Beitrag für die Sicherung einer hochwertigen Versorgung leisten. Aber das wichtigste ist: Die Versorgung muss sektorübergreifend organisiert werden.

Wie geht es mit der Barmer weiter?

Wir hatten 2015 größere Umstrukturierungen gerade in Sachsen. Durch Umstellung der Geschäftsstellen aber auch durch die Erweiterung des Onlinebereichs. Es freut uns, dass unsere neuen Serviceangebote gut angenommen werden. Maßstab ist die Zufriedenheit unserer Versicherten. Deshalb ist die Verbesserung des Service ein Dauerthema. Viele Kunden wollen digitale Elemente im Service und Fitnessbereich. Dafür gibt es beispielsweise auch zahlreiche Apps wie die Teledoktor-App - medizinischer Rat für unterwegs, die Arztnavi-App - Arztsuche und Arztbewertung oder die Fit2go-App, die bei der täglichen Bewegung unterstützt.

Von Roland Herold

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