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Bautzen statt Barcelona? Umstrittener Vorstoß zu Ost-West-Schüleraustausch

Debatte Bautzen statt Barcelona? Umstrittener Vorstoß zu Ost-West-Schüleraustausch

Auch knapp drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung streitet Deutschland über Ost-West-Probleme. Können mehr Schüleraustausche da helfen, wie der neue Chef der Kultusministerkonferenz meint?

Ein Politiker hat vorgeschlagen, es sollte mehr Schüleraustausche zwischen Ost und West geben.

Quelle: dpa

Berlin. An der Europaschule in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen) werden in Klassenstufe 6 regelmäßig die Koffer gepackt. Auf freiwilliger Basis geht es dann zum Schüleraustausch. Allerdings nicht nach Frankreich oder Spanien - sondern nach Sachsen. Seit rund 20 Jahren pflegen die Rheinberger den Austausch mit dem Lessing-Gymnasium in Hohenstein-Ernstthal, wie der zuständige Lehrer Christian Drummer sagte. Ein deutsch-deutscher Austausch 28 Jahre nach der Wiedervereinigung? Drummer: „Wir sind der Meinung, dass das sehr viel bringt.“

Das Projekt, das einst im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Hohenstein-Ernstthal zustande kam, dürfte Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) erfreuen. Als neuer Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) sprach er sich am Montag für mehr Ost-West-Schüleraustausch aus. „Ich stelle immer wieder fest, sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen, dass insgesamt zu wenig über die Geschichte in der alten Bundesrepublik und in der DDR bekannt ist“, sagte Holter. Mehr Begegnungen, mehr Gespräche könnten da helfen.

Die Schüler aus NRW und Sachsen stellen laut Drummer durchaus Vergleiche an. „Der Lebensalltag ist schon unterschiedlich, die Schulsysteme sind unterschiedlich.“ Bei den gegenseitigen Austauschen - die Hohenstein-Ernstthaler fahren auch nach Rheinberg - bekämen die Schüler Einblicke. „Und es entstehen auch Freundschaften.“ Dass es ins Erzgebirge und nicht nach Barcelona geht, sei für die Schüler überhaupt kein Problem. „Das macht denen wahnsinnig viel Spaß. Ich habe noch keinen erlebt, der das langweilig fand“, sagte Drummer.

Holters Vorstoß für mehr Austausche sieht dessen Kollege Marco Tullner aus Sachsen-Anhalt allerdings kritisch. „Im Jahr 28 nach der Deutschen Einheit sollten wir keine ideologischen Mauern konstruieren, wo keine mehr sind“, sagte der CDU-Politiker. Es gebe bereits unzählige gemeinsame Projekte zwischen Schulen aus unterschiedlichen Bundesländern. „Es muss vielmehr darum gehen, Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zu betonen“, sagte Tullner.

Seine NRW-Kollegin Yvonne Gebauer (FDP) erklärte, Schüler sollten ihr Land kennenlernen und deutschlandweit Kontakte knüpfen. Aber: „Die heutigen Schüler sind die Nach-Wende-Generation und für sie ist die deutsche Teilung oftmals nur noch eine Epoche aus dem Geschichtsbuch. Statt eines Ost-West-Austauschs brauchen wir einen unverstellten Blick auf die deutsche Geschichte und eine aktive Erinnerungskultur an die Opfer von Krieg, Unrecht und Unfreiheit im letzten Jahrhundert in unserem Land.“

Holter selbst will nach eigener Auskunft keine Programme ins Leben rufen. „Mir geht es nicht um großen Aufwand. Sondern mir geht es darum, möglichst niederschwellig Begegnungen zu organisieren“, sagte er. Ob gemeinsame Projektarbeiten oder Jugendcamps - „Begegnungen sind möglich“. Mehr Austausch könne einen Beitrag zur Demokratiebildung liefern, was sein Schwerpunkt als KMK-Präsident sei.

Den Historiker Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin erinnert der Vorschlag Holters an ähnliche Schüleraustausche in den 1990ern. Damals hätten die Jugendlichen allenfalls festgestellt, dass sie aus unterschiedlichen Milieus kämen und seien dann wieder auseinandergegangen, sagt der Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat. „Es ist schnell versandet und hat nicht viel gebracht.“

Der Vorstoß an sich wundere ihn jedoch nicht. „Das überrascht mich überhaupt nicht, weil die Differenzen noch da sind“, sagte Schroeder. „Meine These ist ja inzwischen, es ist wie beim Rauchen. Angeblich dauert es ja nach dem Aufhören noch mal ebenso so lange, wie man geraucht hat, bis die Spuren verschwinden. Wir waren 45 Jahre geteilt und es wird wahrscheinlich auch 45 Jahre dauern, bis wir nicht mehr über Ost-West-Unterschiede reden.“

Von Birgit Zimmermann

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