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Mitteldeutschland Bedrohliches Erdbeben-Szenario für die Region Leipzig-Halle
Region Mitteldeutschland Bedrohliches Erdbeben-Szenario für die Region Leipzig-Halle
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16:12 17.05.2018
Am geophysikalischen Observatorium Collm der Leipziger Uni werden Erdbeben aufgezeichnet. Wissenschaftler der Uni waren jetzt auch an der Studie zu seismischen Risiken im Raum Leipzig-Halle beteiligt. | Quelle: dpa
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LEIPZIG

Wissenschaftler halten schwerere Erdbeben, die zu Schäden führen können, im Raum Leipzig-Halle für möglich. In einer jetzt veröffentlichten Studie, stufen die Experten die Ergebnisse der Untersuchungen als alarmierend ein: „Auf solche Ereignisse sind wir nicht gut vorbereitet“, sagte am Donnerstag Sigward Funke, der am Institut für Geophysik und Geologie der Leipziger Universität für die seismische Überwachung zuständig ist. Präventiv sei mehr geophysikalische Forschung nötig, um mögliche Konsequenzen für die Region zu minimieren.

Der beunruhigende Befund stützt sich auf die Resultate eines Großprojektes, bei dem Fachleute aus Potsdam, Halle, Hannover und Leipzig mit modernsten Messmethoden und vereinten Kräften den Beben vom 16. April 2015 und vom 29. April 2017 auf den Grund gegangen waren. Ihre Epizentren lagen nördlich von Leipzig in Kleinliebenau und in Gröbers in einer Tiefe zwischen 22 und 29 Kilometern. Die Magnitude betrug jeweils etwa drei auf der Richterskala, damit waren es die stärksten je im Bereich Leipzig-Halle gemessenen Erschütterungen seit Beginn der instrumentellen Aufzeichnungen.

In der Messestadt klirrten die Gläser und vibrierten die Wände, die Auswirkungen waren im Umkreis von bis zu 50 Kilometern zu spüren. Bei der Bevölkerung schlugen die Naturereignisse hohe Wellen, viele besorgte Bürger riefen in den betroffenen Bereichen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bei der Polizei und der Feuerwehr an. Es blieb allerdings bei Schrecksekunden, Schäden verursachten die Erdstöße keine. Das könnte sich perspektivisch ändern, warnen die Forscher in der Studie, die in der jüngsten Ausgabe des renommierten „Journal of Seismology“ erschienen ist.

Vor allem die Tiefe der Bebenherde gilt als wichtiges Indiz dafür, dass es im Untergrund größere Verwerfungen gebe. „Das macht künftig stärkere Erdbeben wahrscheinlicher“, erklärte Funke. Dank neuer Sondierungsmethoden, die am Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam entwickelt wurden, konnten die Spezialisten das Geschehen bei den beiden Erdstößen in der sogenannten Unterkruste teilweise rekonstruieren. „Sehr wahrscheinlich sind sie auf der gleichen Bruchfläche aufgetreten“, meinte Professor Torsten Dahm, der am GFZ die Sektion für Erdbeben und Vulkanphysik leitet.

Er und seine Kollegen an dem Projekt beteiligten Kollegen sehen die Gefahr, dass die zwischen Leipzig und Halle großräumig existierenden Verwerfungssysteme durch Beben wie die in der jüngsten Vergangenheit aktiviert werden könnten. Initiiert durch solche Erdstöße, so das Szenario, würden dann massivere Wellenausbreitungen und Bodenbewegungen ausgelöst. Sollte sich diese These erhärten, dann wären auch Beben mit Magnituden möglich, die zu Schäden in der Region führen, schreiben die Wissenschaftler. Zugleich verweisen sie auf weiteren Forschungsbedarf und dringen auf den Erhalt des bestehenden seismischen Beobachtungsnetzwerkes in Mitteldeutschland, mit dem auch die regelmäßig im Vogtland auftretenden Schwarmbeben verfolgt werden. Erst am Montag hatte es dort eines mit der Stärke 3,5 gegeben.

Historisch überliefert sind für Mitteldeutschland auch Beben, die folgenreich waren. So berichten Chronisten von einem bei Schmölln anno 1872, dem eine Magnitude von über fünf zugeschrieben wird. Die Gemäuer der Burg Posterstein bekamen Risse, Kirchtürme wankten, Häuser und Schornsteine wurden in großer Zahl beschädigt.

Von Mario Beck

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