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Mitteldeutschland Behandlung übers Internet wird leichter
Region Mitteldeutschland Behandlung übers Internet wird leichter
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23:51 11.05.2018
Künftig sollen telemedizinische Beratungen auch ohne vorherigen Kontakt zwischen Arzt und Patient möglich sein. Quelle: obs
Erfurt

 Ärzte in Deutschland dürfen Patienten künftig auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt in der Praxis ausschließlich per Telefon, SMS, E-Mail oder Online-Chat behandeln. Voraussetzung ist, dass die Mediziner die ärztliche Sorgfalt bei Diagnostik, Beratung, Therapie und Dokumentation gewährleisten und ihre Patienten über die Online-Behandlung aufklären. Die Lockerung des Fernbehandlungsverbots – beschlossen am vergangenen Donnerstag auf dem 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt – stößt in Sachsen und Thüringen überwiegend auf Beifall und Erleichterung. Allerdings dürften die Vorbereitungen dafür noch mindestens zwei Jahre in Anspruch nehmen.

Man beobachte seit langer Zeit einen Trend hin zu Gesundheitsinformationen aus dem Internet, vor allem bei jungen Leuten, sagte der Präsident der Sächsische Landesärztekammer, Erik Bodendieck auf LVZ-Anfrage. Gleichzeitig hätte sich aber gezeigt, dass diese Informationen deutliche Qualitätsmängel aufwiesen. „Jetzt können Ärzte mit ihrer Expertise Patienten direkt online beraten, wohl wissend, dass dabei aufgrund der Beschränkung der Kommunikationsmedien dies nie vollumfänglich möglich sein wird.“ Einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt werde es deshalb in der überwiegenden Zahl auch weiterhin geben, versprach Bodendieck.

„Ich sehe die Entscheidung absolut positiv und sich der Macht des Faktischen beugend“ sagte auch der Vorsitzende des Sächsischen Hartmannbundes, Thomas Lipp. „Jetzt haben Ärzte und ärztliche Selbstverwaltung gemeinsam die Möglichkeit, die Patientenversorgung der Zukunft nicht privaten Konzernen und Dienstleistern zu überlassen.“ Da 50 Prozent alle Kontakte in der Hausarztpraxis Beratungen oder leichte Kontrollen seien, könnten die Regelung auch zu einer Entlastung beitragen. Lipp warnte vor zu großer Euphorie: „Das heißt aber nicht, dass wir ab morgen die Telemedizin haben werden. Dazu fehlen noch technische Voraussetzungen wie schnelles Internet, aber auch Regularien wie eine entsprechende Honorierung.“

Das sieht auch Stefan Windau, Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenärzlichen Vereinigung (KV) Sachsen so und fügt hinzu: „Dennoch ist es begrüßenswert, dass für diese ergänzende ärztliche Behandlungsmöglichkeit nun der Weg geebnet wird.“ Windau betonte, an erster Stelle sollte nach wie vor der persönliche Kontakt des Arztes zum Patienten stehen, doch könne es durchaus sinnvoll sein, bei der ärztlichen Beratung unterstützend digitale Medien einzusetzen. „Dies darf aber nur dann zur Anwendung kommen, wenn es aus ärztlicher Sicht vertretbar ist und klare Befunde vorliegen“, schränkte Windau ein.

Auch die Krankenkassen begrüßen den Schritt. AOK-Plus-Vorstandschef Rainer Striebel sagte, es sei letztlich nur eine Frage der Zeit gewesen.„Ärztemangel auf der einen Seite und die Möglichkeiten der Digitalisierung andererseits fordern geradezu heraus, neue Wege zu gehen“, so Striebel. Natürlich müssten Arzt als auch Patient einverstanden sein mit dieser neuen Form der Behandlung. Außerdem müsse der Arzt über Möglichkeiten, Grenzen und Risiken aufklären. „Unter Beachtung all dessen ist die Entscheidung ein Beitrag zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung unserer Versicherten“, so Striebel.

Bereits seit April geht die AOK Plus, die für Sachsen und Thüringen zuständig ist, mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Thüringen neue Wege, um die hausärztliche Versorgung sicherzustellen. Assistentinnen mit Messgeräten besuchen im Rahmen des Projektes „Tele-Arzt“ Patienten , um beispielsweise Puls, Blutzucker, Gewicht, Blutdruck, Lungenvolumen und Herzfunktion festzustellen. Gleichzeitig wird beim Hausbesuch ein Kontakt zwischen Patient und Arzt per Videotelefonie mit dem IPad hergestellt. Dann kann der Arzt aus der Praxis heraus bestimmte Entscheidungen zur Weiterbehandlung treffen.

Der Sprecher der KV Thüringen,Veit Malolepsy, sagte: „Wir haben uns eine solche Entscheidung – auch in der Art, in der sie gefasst wurde – gewünscht. Wichtig ist, dass Ärzte jetzt selbst entscheiden können, in welchem Zusammenhang sie einen telefonischen oder digitalen Kontakt zu ihren Patienten pflegen und wann der Patient in die Praxis kommen muss.“ Ärztliche Tätigkeit könne nicht durch Fernzentren oder Algorithmen ersetzt werden.

Sachsens Barmer-Landesgeschäftsführer Fabian Magerl betonte, die Entscheidung sei ein wichtiger Schritt in die digitale Zukunft der Medizin. „Jetzt geht es darum, schnell bundesweit einheitliche Standards zu schaffen, die die derzeitigen regionalen Ansätze harmonisieren“, so Magerl. Es sei daher auch zu begrüßen, dass der Freistaat Sachsen die digitale Infrastruktur ausbauen will, die für Mediziner und Patienten eine wesentliche Grundlage darstelle.

Von Roland Herold

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