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Mitteldeutschland „Bei den Sachsen ist das Bedürfnis sehr groß, ein Sachse zu sein“
Region Mitteldeutschland „Bei den Sachsen ist das Bedürfnis sehr groß, ein Sachse zu sein“
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22:00 13.09.2018
Der Leipziger Sozialpsychologe Oliver Decker. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Die Sachsen sind besonders heimatverbunden – das hat die LVZ-Umfrage ergeben. Der Sozialpsychologe Oliver Decker (49) sagt, weshalb das so ist.

Laut LVZ-Umfrage legen knapp zwei Drittel großen Wert auf ihre sächsische Identität. Wie bewerten Sie diese Zahl?

Das ist tatsächlich ein relativ hoher Wert. Aus der Sozialpsychologie wissen wir, dass nahezu jeder Mensch das Bedürfnis hat, zu einer Gruppe zu gehören – die Frage ist allerdings, wie stark dieser Wunsch dann auch ausgeprägt ist und gelebt wird. Bei den Sachsen ist das Bedürfnis offensichtlich sehr groß, ein Sachse zu sein, sich so zu fühlen und als solcher wahrgenommen zu werden. Das bedeutet gleichzeitig eine Abgrenzung nach außen.

Das klingt, als würden Sie diese Verbundenheit nicht nur positiv sehen.

Genau, denn es geht in diesem Zusammenhang insbesondere darum, das eigene Selbstwertgefühl durch die Gruppe zu steigern. Das heißt, es wird sich auch oft gegen andere abgeschottet, nicht selten, weil sie als Bedrohung wahrgenommen werden. Das führt leider auch dazu, dass fremde Gruppen abgewertet und die eigene Gruppe aufgewertet wird. Hintergrund ist stets: Wenn man selbst zu einer als positiv angesehenen Gruppe gehört, macht es das einzelne Mitglied gefühlt auch zu einem besseren Menschen. Und das ist für den Selbstwert entscheidend.

Ist Heimat nicht eher ein Grundgefühl?

Wenn Menschen beginnen, von Heimat zu sprechen, machen sie das meist aus einem Verlust oder aus Ängsten heraus – also wenn sie ihre Heimat verloren haben. Es ist anzunehmen, dass die Wendeerfahrungen und die damit verbundenen Erschütterungen zu einer besonders starken Identifikation als Sachse und der sächsischen Heimat geführt haben. Das liegt sehr nahe, da Ältere, die die Wende am eigenen Leib erlebt haben, eine deutlich stärker ausgeprägte sächsische Identität haben als Jüngere. Dieser Alterseffekt ist in der LVZ-Umfrage tatsächlich sehr auffällig.

Möglicherweise liegt die geringere Verwurzelung jüngerer Menschen aber auch daran, dass Heimat in unserer heutigen Zeit als ein veralteter Begriff angesehen wird?

Es ist offensichtlich: Viele junge Menschen haben nicht das Bedürfnis nach Heimat. Diese Sehnsucht kommt bei vielen erst mit den Jahren – wenn ein Ort gesucht wird, auf den man sich positiv beziehen kann. Wer heute zwischen 20 und 30 Jahre ist, lebt häufig in einem sozial abgefederten Raum. Dabei spielt die Identiftikation mit der Region, der Heimat, nur eine unterordnete Rolle im Leben, weil das Bedürfnis nach einem Ausgleich für Verunsicherungen im Leben meist eher mit dem Alter anwächst.

Und dieses verunsichernde Element ist für viele Sachsen die Wendeerfahrung, meinen Sie?

Genau das ist meine Vermutung. Das große Bedürfnis, sich des eigenen Selbstwertes zu versichern, hat etwas mit den Wendeerfahrungen und den grundlegenden Verunsicherungen zu tun. Für Menschen, die damals zwischen Mitte 20 und etwa 50 gewesen sind, hat eine gewaltige Entwertung stattgefunden. Das Erstaunliche ist: Bis heute sind diese Erschütterungen und Verluste, die ganz viele Menschen durchleben mussten, kaum thematisiert worden. Stattdessen wird, besonders von offizieller Seite, häufig auf diesen Ausgleich durch Identifikation mit Sachsen gesetzt. Und es wird auch gerne angenommen, denn es ist für den Einzelnen meist schmerzhafter, sich mit den persönlichen Tälern zu befassen – da ist es wohltuender, sich als Teil einer Gruppe zu sehen.

Sie sagten, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe andere Menschen ausgrenzt. Bei einer stark ausgeprägten sächsischen Identität würde das bedeuten: Zuwanderer haben es in Sachsen besonders schwer anzukommen.

Ja, das ist so. Man muss sich ja nur mal die sächsischen Verhältnisse vergegenwärtigen. Als Grundidee steht wieder dahinter: Man möchte selbst eine möglichst positive Identität haben. Um das eigene gute Gefühl noch zu steigern, werden andere Gruppen, in diesem Fall also Zuwanderer, Muslime oder einfach Menschen, die aus irgendeinem Grund als anders wahrgenommen werden, abgewertet – und damit die Differenz zwischen sich und „den Anderen“ noch vergrößert. Eigentlich müsste aber genau das Gegenteil der Fall sein, um Zuwanderer besser integrieren zu können. Konkret heißt das zum Beispiel: Obwohl in Sachsen mehr als 90 Prozent der Menschen keine oder kaum Erfahrungen mit Muslimen haben, werden diese mehrheitlich abgelehnt.

In der LVZ-Umfrage wurde das Flüchtlingsthema aber nicht als das dringlichste Problem bezeichnet, sondern es waren die Bereiche Bildung, Kitas und Pflege. Wie passt das zusammen?

Es ist wirklich ein interessantes Ergebnis, dass für viele der Befragten das Thema Migration nicht vorherrschend ist – sondern dass es soziale Bereiche sind, die die Menschen beschäftigen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, der aber auch auf die Wendeerfahrungen hindeutet: Es geht um soziale, gesellschaftliche Fragen. Und natürlich um Zusammenhalt. Trotzdem sehen wir an anderer Stelle – Stichwort Sachsenmonitor – auch viele Ressentiments.

Sachsen gilt als Musterland der wirtschaftlichen Nachwende-Entwicklung, gleichzeitig auch als Sparmeister. Daneben wird einiges unternommen, um eine positive Grundstimmung zu betonen. Weshalb genügt das alles offenbar nicht?

Natürlich wäre es schön, wenn das klappen würde. Allerdings glaube ich nicht daran, weil die Landesregierung zwar ein Bedürfnis der Menschen befriedigt, indem Positives betont und herausgestellt wird – aber das eigentliche Bedürfnis ist ein anderes und wird nicht befriedigt. Denn was die Politik bislang unter dem Siegel Heimatgefühl und Sachsenstolz verbreitet, ist nur die zweitbeste Lösung. Eine Auseinandersetzung mit den Erschütterungen, die viele Menschen erfahren haben, hat bislang nicht oder nur völlig unzureichend stattgefunden. Natürlich bedeutet die Wende die Befreiung aus einem autoritären System – es wird aber häufig vergessen, dass mit diesem System auch Leben verbunden waren. Ich denke, es war und ist der Grundfehler, diesen Verlust nicht anzuerkennen. Und die soziale Frage lässt sich auf Dauer mit einem Bezug auf die starken Sachsen auch nicht verschieben.

Was wäre Ihr Ausweg?

Dass viel offensiver mit den Erfahrungen von Sachsen – und selbstverständlich allen Ostdeutschen – umgegangen wird. Diese Aufarbeitung darf aber nicht in Wessi-Bashing ausarten. Den Weg, den Frau Köpping in Sachsen eingeschlagen hat, halte ich für den richtigen. In dieser Beziehung muss aber noch viel mehr getan werden.

Unterm Strich steht: Sie sehen den Sachsenstolz kritisch?

Ich möchte das Heimatgefühl keineswegs verteufeln. Positiv kann ein Heimatbegriff sein, der in diese Verbundenheit auch Solidarität und Freiheit einschließt. Eine Heimat, die sich durch Offenheit auszeichnet, und in der die Menschen wissen, dass sie ein hohes und auch zerbrechliches Gut ist, ist durchaus etwas Positives. Dagegen fällt es mir schwer, Positives zu sehen, wenn der Einzelne in der Gruppe aufgeht – weil das in den allermeisten Fällen mit einer Abgrenzung gegenüber Menschen, die anders sind, einhergeht. Ich würde mir dagegen ein Heimatgefühl wünschen, das mitdenken und wachsen kann.

Interview: Andreas Debski

Von Andreas Debski

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