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Leitartikel zum Rücktritt Biedenkopf gab Tillich den Rest

Immer diplomatisch, immer moderat, kein hartes Wort, kein böser Blick. Stanislaw Tillich hat seinen Rücktritt gestaltet wie seine gesamte Amtszeit. Die Startbedingungen für den Nachfolger sind alles andere als günstig. Ein Leitartikel von LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer.

Da war die CDU-Welt noch in Ordnung: Kurt Biedenkopf (links) und Stanislaw Tillich mit ihren Gattinnen nach der Landtagswahl 2009.

Quelle: dpa

Dresden/Leipzig. Immer diplomatisch, immer moderat, kein hartes Wort, kein böser Blick. Stanislaw Tillich hat seinen Rücktritt gestaltet wie seine gesamte Amtszeit. Er tritt vor laufende Kameras, um es bekanntzugeben, und sagt erst einmal „wir können dankbar und stolz auf das Erreichte sein.“ Wer ist wir? Es ging um ihn und die wohl schwerste Entscheidung in seiner politischen Laufbahn.

Keine klare Kante, keine harte Analyse. Der sächsischen CDU ist nach 27 Jahren Dauerregierung eine Bundestagswahl um die Ohren geflogen, bei der sie nicht nur das schlechteste Ergebnis seit 1990 einfuhr, sondern stimmenmäßig rechts von einer anderen Partei überholt wurde. Ein Desaster – und der Partei- und Regierungschef zeigt – zumindest öffentlich – keinerlei Emotionen und sagt ein paar Tage nach der Wahl dann Sätze wie: „Wir wissen, dass wir Hausaufgaben zu erledigen haben.“

Solche Statements zeigen, dass das Wahlergebnis allein nicht ausreichte, um ihn zu der Entscheidung zu bringen, die er am Mittwoch verkündete. Da bedurfte es noch eines Vorvorgängers, der von der Biedermeiercouch am Chiemsee Tillichs Arbeit bewertete und dabei befand: dem Regierungschef fehle die Vorbildung für sein Amt, und die Sachsen würden nicht gut regiert. Getreu dem Schiller-Wort „vom sichern Port lässt sich's gemächlich raten“ übte Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (87!) in einem „Zeit“-Interview vernichtende Kritik an Tillich und seinem Führungsstil. Auch wenn der den dann einsetzenden Mediensturm äußerlich abprallen ließ und Biedenkopfs durchaus eitel und selbstgefällig zu nennende Einlassungen mit keinem Satz kommentierte – Stanislaw Tillich war schwer getroffen, angeknockt, wie man in der Boxersprache sagen würde, und er hat sich davon nicht mehr erholt.

Tillich-Rücktritt

Ist Michael Kretschmer der geeignete Tillich-Nachfolger?

Damit erlebt Sachsen ein politisches Erdbeben, wie es seit 1990 eher selten zu beobachten war. Das Land steht vor einem Neubeginn, und die Startbedingungen für den neuen Mann sind alles andere als günstig. Es handelt sich nicht um eine geplante, geordnete Amtsübergabe, sondern um einen Schachzug, mit dem die CDU aus den von der AfD erzeugten Turbulenzen kommen will. Der neue Mann, Michael Kretschmer, ist selbstbewusst, redegewandt und bringt die Dinge meist auf den Punkt. Er kennt sich in der Kommunalpolitik aus, hat langjährige Erfahrung als Parteimanager und als Bundestagsabgeordneter.

Aber gerade jetzt, wo ihm die Macht in die Hände fällt, ist auch Kretschmer schon angezählt: Er hat soeben sein Wahlkreismandat an Mister Noname von der AfD, Tino Chrupalla, verloren und gehört damit dem neuen Bundestag nicht mehr an. Das braucht er nun auch nicht mehr, aber eine direkt verlorene Wahl ist eben nicht die erste Empfehlung für einen solchen Aufstieg. Tillich geht als Geschlagener vom Platz, und Kretschmer betritt die Arena auch nicht als Sieger. Dabei ist viel zu tun in Dresden, und die Zeit drängt. Bleibt die Frage, warum man alles noch bis Dezember hinschleppt.

Von Jan Emendörfer

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