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Mitteldeutschland Bürgergespräch und Gegendemo in Chemnitz verlaufen friedlich
Region Mitteldeutschland Bürgergespräch und Gegendemo in Chemnitz verlaufen friedlich
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23:16 30.08.2018
Teilnehmer einer Demonstration, zu der die Bewegung "Pro Chemnitz" aufgerufen hatte, am Donnerstag in Chemnitz. Quelle: dpa
Chemnitz

„Man würde gern etwas tun, damit dieser Hass und diese Gewalt endlich aufhören. Aber ich weiß ehrlich gesagt gar nicht was“, sagt am Donnerstagabend die Chemnitzerin Stefanie Opitz. Wie der Büroangestellten geht es in diesen Tagen nach dem gewaltsamen Tod des 35-jährigem Deutschkubaners Daniel H. und den anschließenden Übergriffen in der westsächsischen Industriestadt vielen.

Und nicht wenige haben Donnerstagabend ein mulmiges Gefühl. Die Polizei zieht ein Großaufgebot zusammen, das Chemnitz zur Festung macht. Neonazis filmen derweil aus einem Auto mit Rochlitzer Kennzeichen heraus Journalisten mit dem Handy. Der Pächter des Kiosk „Heidelberg“ überlegt noch, ob er den Grill anwerfen soll. „Wenn die Demo beginnt, kann das auch nach hinten losgehen“, grübelt er. Die Bäckerin um die Ecke, die grüne „Sachsenherzen“ verkauft, will dagegen nur noch weg. „Dafür sind wir nun auf die Straße gegangen“, raunzt sie.

Hunderte Chemnitzerinnen und Chemnitzer und auch Journalisten sind zum Sachsengespräch mit Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU), seinem Kabinett und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) ins Stadion an der Gellertstraße gekommen, wo sonst eigentlich der Regionalliga-Tabellenführer CFC kickt und das nun einer Festung gleicht. Viele von ihnen waren vorher am Tatort mit den Blumen und den Kerzen. Nun hat es sie auf der Suche nach Antworten hierher getrieben. Mit dabei eine seit dem Wochenende stetig wachsende Zahl von Journalisten, Fotografen und Kameraleuten aus der ganzen Bundesrepublik. Auch aus Russland, Großbritannien und Tschechien – am Ende sind es 650 Menschen.

Schweigeminute für das Opfer

Kretschmer bittet zunächst um eine Schweigeminute für das Opfer. Er sagt zu den Chemnitzern, was er in diesen Tagen oft sagt: „Wir werden dafür sorgen, dass nicht Halbwahrheiten die Oberhand haben. Grundlage der Demokratie ist die Rechtstaatlichkeit.“ Der 43-Jährige, der sonst gern auf solchen Veranstaltungen einen Witz reißt, wirkt grau. Das Geschehen der vergangenen Woche, die Pannen vom Pegida-treuen LKA-Mann bis zur illegalen Veröffentlichung des Haftbefehls gegen die mutmaßlichen Täter, sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen.

Immer wieder habe er Menschen in den vergangenen Tagen in Chemnitz getroffen, die ihm gesagt hätten: Wir sind doch nicht rechtsradikal. Kretschmer versichert: „Ich weiß das. Das ist nicht so.“ Aber er habe auch viele Menschen getroffen, die gesagt haben: Was passiert ist, müsse aufgeklärt werden. Und er verspricht: „Das wird passieren. In aller Klarheit werden wir darlegen, was da passiert ist. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber sehr gründlich.“

Allumfassende Antworten oder Lösungen kann auch er nicht aus dem Hut zaubern. Mehr noch: Er weiß, dass seine Worte nicht nur hier in Chemnitz, sondern mittlerweile weit darüber hinaus argwöhnisch zur Kenntnis genommen werden. Immer wieder schreien Krakeeler aus dem Publikum. Eine Frau fährt wütend dazwischen: „Hört doch erst mal zu, bevor ihr rumbrüllt.“

Ludwig, die noch mehr niedergeschrien wird, ergänzt: „Die Stadt schwankt wie vielleicht noch nie zwischen Liebe und Hass. Trauer aber ist ein Ausdruck von Liebe.“ Wenn man in einer Stadt lebe, in die niemand mehr kommen möchte, „dann ist das kein guter Ort“. Sie erinnert an dringend benötigte Fachkräfte, unter anderem im Handwerk.

Rechte Gruppierung "Pro Chemnitz" protestiert mit 900 Anhängern

Draußen hat die rechtspopulistische Initiative „Pro Chemnitz“ zum Protest geblasen und laut Polizei etwa 900 Gegendemonstranten sind gekommen, skandieren lautstark „Lügenpresse“ und „Merkel muss weg“. Ein Mann trägt ein Plakat mit der Aufschrift: „Regieren Esel und Schafe, wird Chemnitz zur afrikanischen Enklave.“ Ein anderer älterer Herr mit grau meliertem Haar steht am Sperrzaun und deckt Polizisten mit Schimpftiraden ein: „Ich habe auch ein paar Fragen an Herrn Kretschmer. Wieso lassen Sie mich hier nicht durch? Willenlose Staatsbüttel!“

Mehrere Redner brüllen Parolen von „Überfremdung“ und „Abschlachtung der eigenen Bevölkerung“ die Gellertstraße hinunter. Es kommt zu gelegentlichen Rangeleien mit der Polizei, wenn Demonstranten die Absperrungen nicht einhalten. Die Staatsmacht hat ein Großaufgebot aufgefahren, das mit Einsatzkräften der Bundespolizei sowie Bereitschaftspolizei aus fünf Bundesländern verstärkt ist. Dennoch hat das Bündnis „Chemnitz Nazi-frei“ auf eine eigene Demo vorsichtshalber verzichtet, weil man die Sicherheit der Teilnehmer nicht gewährleistet sieht.

An Kretschmers Seite sind Innenminister Roland Wöller, Justizminister Sebastian Gemkow, Finanzminister Matthias Haß, Europaminister Oliver Schenk (CDU), Wirtschaftsminister Martin Dulig, Integrationsministerin Petra Köpping, Wissenschaftsministerin Eva Maria Stange (alle SPD) sowie mehrere Staatssekretäre. Auch Landtagspräsident Matthias Rößler zeigt Flagge. Dazu ist die komplette SPD-Landtagsfraktion erschienen und der Grünen-Landtagsabgeordnete Volkmar Zschocke. Sie alle hören sich geduldig an, was den Leuten auf den Nägeln brennt.

Dem Ärger Luft machen

Viele aber wollen ihrem Ärger einfach nur Luft machen. Wöller muss sich fragen lassen, warum die 800 Demonstranten am Sonntag einfach als Neonazis abgestempelt wurden. Ein anderer Chemnitzer beschwert sich bei Köpping, dass die Flüchtlinge in Chemnitz nicht die Rechtstaatlichkeit akzeptieren würden. Eine Frau wiederum sieht die ganze Schuld bei den Medien, die alles hochgeschaukelt hätten und die der Staat doch stärker kontrollieren müsse.

Der Polizeieinsatz verläuft ohne Störungen – bis 21 Uhr wurden acht Straftaten – Verstöße gegen das Versammlungsgesetz und Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen – registriert. Zwei mutmaßliche Täter aus den Reihen der „Pro Chemnitz“-Demo vom Montag wurden erkannt, Strafverfahren eingeleitet.

In Chemnitz brodelt es, auch wenn die Demo draußen inzwischen vorbei ist. „Es stellt sich die Frage, ob wir emotional mal ein Stück abrüsten wollen“, sagt Kretschmer. Ob dafür am Abend genügend Dampf abgelassen wurde, wird am Wochenende klar werden, wenn die AfD zum Trauermarsch aufgerufen hat.

Roland Herold

Alle Entwicklungen des Abends im Live-Ticker von LVZ.

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