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Mitteldeutschland Das Geheimnis des Kindermörders
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15:47 17.01.2019
Herbert M. vor seiner Gefängniszelle in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg. Quelle: Thomas Grabka
Brandenburg/Leipzig

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist vor wenigen Tagen in Brandenburg der älteste inhaftierte Mörder des Bundeslandes gestorben. Kurz nachdem er in der JVA Brandenburg/Havel sein 85. Lebensjahr vollendet hatte. Rund 55 Jahre seines Lebens verbrachte er hinter Gittern. Die Frage nach dem Motiv seiner grausamen Taten wird nie beantwortet werden. Über seine Verbrechen redete er kaum, sie bleiben sein gutgehütetes Geheimnis, das er mit ins Grab nahm. Immerhin erschließen sie sich aus seiner Akte. Der gebürtige Sachse Herbert M. hat zwischen 1950 und 1992 drei Kinder und eine Frau umgebracht, darunter ein Kind in Meerane (Landkreis Zwickau) und eine Frau im thüringischen Lauscha (Landkreis Sonneberg).

„Vor Gericht hat Herbert M. genüsslich erzählt, wie er zwei Kindern in einer Silvesternacht die Kehlen durchgeschnitten hat“, erinnert sich mit Schaudern ein Zeitzeuge an den Prozess 1992 vor dem Landgericht Berlin. Gegen Ende seines Lebens hat Herbert M. wiederholt Journalisten in seiner Zelle empfangen und im unverkennbaren Sächsisch aus seinem Leben erzählt. Als ein „freundlicher alter Mann, ein bisschen schwerhörig, die weißen Haare fallen ihm in den Nacken auf den Kragen seines Pullovers“, wird er von einem von ihnen beschrieben. Als einer, der hofft, irgendwann noch einmal rauszukommen und dann in einer Art Betreutem Wohnen anzukommen. An einer Therapie nimmt er nicht teil.

„Mücke aus Elefanten machen“

Herbert M. wird im Dezember 1933 in Meerane geboren. Er ist 16, als er ein Mädchen aus seiner Nachbarschaft in den Wald zum Beerenpflücken lockt. Er habe „ein bissel“ an der Fünfjährigen „rumgegriffen“, gibt er später zu Protokoll. „Beine und Dings da“. Sie schreit. Daraufhin würgt er sie und sticht auf sie ein. Ein DDR-Bezirksgericht verurteilt ihn danach zu acht Jahren Jugendgefängnis.

Nach seiner Entlassung heiratet er zweimal. Einem Spiegel-Mitarbeiter vertraut Herbert M. vor etwa fünf Jahren an, dass er seinen Ehefrauen von der Tat erzählt habe, aber nicht im Detail. Warum nicht? Herbert M. sagt im Spiegel-Interview, er habe Angst gehabt, die Frauen würden „aus einer Mücke einen Elefanten machen“.

Mit 34, also im Jahr 1968, begeht Herbert M. dann den nächsten Mord. Nach dem Kneipenbesuch in der thüringischen Kleinstadt Lauscha begleitet er eine junge Frau nach Hause. Als sie unter Alkoholeinfluss ein Zusammenleben mit ihm ablehnt, würgt er die Frau und sticht in ihre Brust. Wieder mit einem Taschenmesser.

Gericht diagnostiziert „Gemütskälte“

Das zuständige Gericht diagnostiziert eine „Gemütskälte“ bei M. und verurteilt ihn schließlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe, von der er am Ende 22 Jahre verbüßt. Bis 1990. Warum Herbert M., der sich nie mit seinen Taten auseinandergesetzt und nie an einer Therapie teilgenommen hat, dennoch in Freiheit kommt, erklärt der Spiegel-Autor Hauke Goos so: „Nach dem Fall der Mauer besuchten Beamte aus dem Westen die Gefängnisse der zerfallenden DDR. Sie sprachen gezielt Langzeithäftlinge an und verteilten Antragsformulare für eine Entlassung. Wer 15 Jahre oder länger in einem DDR-Gefängnis inhaftiert war, sollte wie in der BRD eine Chance auf Freilassung bekommen.“

Herbert M. beantragt also seine Freilassung und wird im September 1990 begnadigt. Sein neues Leben im ungeteilten Berlin mit Arbeit im Gartenbauamt hält etwas mehr als ein Jahr und drei Monate. Freunden erzählt er, die vergangenen 20 Jahre als Wärter im Strafvollzug verbracht zu haben.

Verhängnisvoller Irrtum

Silvester 1991 nimmt dann das Verhängnis erneut seinen Lauf. Eine Bekannte fragt ihn, ob er in der Nacht auf ihre beiden kleinen Töchter aufpassen könne, weil sie mit einer Freundin feiern möchte. Der damals 58-Jährige willigt ein, spielt am letzten Abend des Jahres mit den vier und fünf Jahre alten Mädchen, bis sie ins Bett gehen. Als die Kleinen schlafen, zieht M. sich in eine nahe gelegene Kneipe Zur Linde zurück. Am Neujahrsmorgen kehrt er leicht angetrunken zurück.

Was dann aus welchem Grund geschieht, welche Rolle beispielsweise sexuelle Motive spielen – auch dieses Geheimnis hat der Sachse mit ins Grab genommen. Dem Gericht erzählt er, dass die Kinder gequengelt hätten. Herbert M. lässt beide Mädchen jedenfalls tot in der Wohnung zurück. Mit dem Küchenmesser hat er seinen Opfern laut Gerichtsurteil „mit mächtigen Schnitten“ die Kehlen durchtrennt und den Bauch geöffnet. Dann kündigt er schriftlich an, sich zu stellen und vermacht einer Bekannten noch sein Geld und persönliche Gegenstände.

Offene Fragen

Wegen Totschlags verurteilt ihn das Landgericht in Berlin erneut zu lebenslanger Haft. Das Gefängnis verlässt Herbert M. fortan nie mehr. Er arrangiert sich mit seinem Leben hinter Gittern, verhält sich in der Gefängniswelt unauffällig. Gutachter und Psychiater werden über Jahre hinweg versuchen, M.s Fantasien auf die Spur zu kommen. Im psychiatrischen Gutachten wird dann zumindest das Eingeständnis M.s stehen, dass ihn das Gewesene noch immer sexuell erregt. Mit 62 lernt er noch einmal per Brieffreundschaft eine Frau aus der brandenburgischen JVA Luckau kennen. Die Verlobung wird bald wieder gelöst, weil die Frau nur sein Geld wollte, behauptet H. später.

Als er 80 Jahre alt wird, stellen die Ärzte eine schwere Krankheit fest. Seine Lebenserwartung geben sie da noch mit 84 Jahren an. Schwerstkrank vollendet Herbert M. schließlich sogar noch das 85. Lebensjahr. Ein Opfer war Anfang 20, als es in die Hände des Mörders fiel. Drei seiner Opfer sind nicht älter als vier und fünf Jahre geworden.

Von Jürgen Lauterbach, Roland Herold

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