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Mitteldeutschland „Demokratie oder Diktatur?“ – Wie die Leipziger Volkszeitung auf die Oktoberrevolution blickte
Region Mitteldeutschland „Demokratie oder Diktatur?“ – Wie die Leipziger Volkszeitung auf die Oktoberrevolution blickte
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17:16 23.10.2017
Es war das Kernstück der Oktoberrevolution von 1917. So stellte die Sowjetunion den Sturm auf das Petrograder Winterpalais in einem Film von 1928 dar. In Wahrheit leisteten die Wachen des Regierungssitzes kaum Widerstand. Quelle: dpa
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Leipzig.

Nur zwei Tage nach der Machtergreifung der Bolschewiki in Petrograd, der Hauptstadt des Russischen Reiches, titelte die Leipziger Volkszeitung: „Proletarische Diktatur in Rußland. Lenin Präsident, Kerenski gefangen“. Die Nachricht stimmte nur zum Teil: Zwar war es den kommunistischen Bolschewiki am 7. November (nach damaligem russischem Kalender der 25. Oktober) 1917 gelungen, mit einem bewaffneten Coup die Macht in der Hauptstadt zu erringen. Doch amtierte ihr Führer Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) seitdem nicht als „Präsident“, sondern als Vorsitzender eines gerade gegründeten „Rats der Volkskommissare“, einer neuen Regierung, die nur aus Mitgliedern seiner Partei bestand. Zudem befand sich Regierungschef Alexander Kerenski (1881–1970) auf der Flucht und nicht in Haft.

Mit allen anderen Informationen und Erklärungen aber lag die LVZ ziemlich richtig: Dass ein wichtiger Teil der Soldaten und der Arbeiterschaft hinter den neuen Machthabern stand, traf ebenso zu wie die Tatsache, dass die Führer der Bolschewiki sich ihren Handstreich von dem gerade tagenden „Hauptkongress der Arbeiter- und Soldatenräte“ hatten legitimieren lassen.

Die Frage, wie dieser „Umschwung möglich geworden“ war, beantwortete die Zeitung durchaus differenziert. Tatsächlich hatten die Vorgängerregierungen bei der Bewältigung der großen Herausforderungen seit dem Sturz des Zaren in der Februarrevolution 1917 versagt: Sie hatten für das ausgeblutete und vom Ersten Weltkrieg (1914–1918) ruinierte Land keinen raschen Frieden und keine Landreform zugunsten der kleinen Bauern eingeleitet. Und auch Wahlen zur lange versprochenen verfassunggebenden Nationalversammlung waren viel zu spät anberaumt worden.

Über die Frage allerdings, ob das neue Regime eine „Diktatur des Proletariats“ – wie von den Bolschewiki selbst verkündet – und damit reif für den Sozialismus sei, und ob das Regime diktatorische, ja terroristische Maßnahmen ergreifen dürfe, um das Volk in eine lichte sozialistische Zukunft zu führen, gingen die Meinungen in der Zeitung weit auseinander.

Kautsky fürchtet moralischen Bankrott

Unübersehbar war in dem eingangs erwähnten Artikel, dass ein Großteil der Redaktion den Ereignissen in Russland grundsätzlich positiv gegenüberstand. Doch gab es rasch unterschiedliche Sichtweisen auf die nächsten Schritte und Maßnahmen der Bolschewiki. Seit Anfang 1917 das bedeutendste regionale Organ der neuen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), spiegelten sich in der LVZ wie in der mächtigen Leipziger USPD-Parteiorganisation gemäßigte und radikal linke Einstellungen wieder.

Zum Autor

Historiker Mike Schmeitzner (49) ist Wissenschaftler am Dresdner Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung. Der gebürtige Dresdner studierte nach Abitur und Tätigkeit beim VEB Robotron Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften.

Forschungsschwerpunkte des promovierten und habilitierten Wissenschaftlers sind die Geschichte der Weimarer Republik, des Dritten Reichs, der Sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR. Aktuell befasst er sich unter anderem mit der Diktatur des Proletariats. Schmeitzner ist auch ehrenamtlicher Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung an der TU Dresden.

So prallten unmittelbar nach dem 7. November 1917 verschiedene Deutungen in der LVZ aufeinander. Als bemerkenswert darf die Debatte deswegen gelten, weil sie so früh und umfassend wie in keiner anderen deutschen Zeitung erfolgte und von einer hohen Streitkultur zeugte. An ihr beteiligt waren vorrangig drei einflussreiche USPD-Protagonisten: der langjährige Cheftheoretiker der deutschen Sozialdemokraten, Karl Kautsky (1854–1938), der vormalige LVZ-Chefredakteur Franz Mehring (1846–1919) und der heute weithin vergessene Alexander Stein (1881–1948), der als russisch-jüdischer Sozialdemokrat schon nach der russischen Revolution von 1905 nach Deutschland geflüchtet war.

Den Anfang machte ein Artikel Kautskys vom 15. November 1917, in dem er noch nicht den Stab über die Bolschewiki brach, aber Probleme offen ansprach. Zwar lobte er die „Friedensbereitschaft“ des neuen Regimes, zeigte sich aber bereits skeptisch, wie denn eine solche „Diktatur des Proletariats“ in einem bäuerlich geprägten Land zu verwirklichen sei. Er räume ein, dass der „Gedanke der Bolschewiki“, ihre proletarische Diktatur auch auf den „revolutionären Teil der Bauernschaft“ zu stützen, der „einfachste, der Klassenlage des Proletariats am meisten entsprechende“ war. Doch dieser Gedanke sei auch derjenige, der den „Widerspruch zwischen dem hohen proletarischen Streben und der niedrigen Entwicklungsstufe“ des Reichs „aufs äußerste zu steigern“ drohe.

Dann stellte Kautsky als Marxist die entscheidende Frage: „Ist Russland schon soweit“, anstelle der kapitalistischen eine „sozialistische Produktion zu setzen“? Eine erhebliche Portion Skepsis schien ihm angebracht: Das russische Proletariat sei nicht stark und entwickelt genug, eine entsprechende Diktatur drohe im Chaos, im „moralischen Bankrott der Revolution“ zu enden.

Stein: Diktatur der Lenin-Trotzki-Gruppe

Vier Wochen später, am 17. Dezember 1917, veröffentlichte die LVZ einen Artikel Steins, von dem sich die Redaktion eingangs etwas distanzierte: Die von Stein behandelte Frage „Demokratie oder Diktatur?“ sehe man in der Tendenz anders beantwortet, man fühle sich aber „unseren Lesern“ gegenüber verpflichtet, „auch diese Auffassung der Lage vorzulegen“. Im Übrigen erklärte die Redaktion zugunsten Steins, man schätze ihn als „guten Kenner der russischen Verhältnisse“. Tatsächlich sprach Stein fließend Russisch und hatte auch weiterhin Verbindung zu Vertretern der Bolschewiki und der gemäßigten russischen Sozialdemokraten. Dieses Insiderwissen gab seinen Artikeln auch ein hohes Maß an Authentizität. Innerparteiliche Rücksichtnahme lehnte er ab.

Gleich zu Beginn seines Artikels wies er die Selbstdarstellung der Bolschewiki zurück, es handele sich hier um eine „Diktatur des Proletariats und der ärmeren Bauernschaft“ verkörpert in den Arbeiter- und Soldatenräten, den „Sowjets“.

Am 9. November 1917 berichtete die LVZ in großer Aufmachung über die Errichtung der Diktatur in Russland. In der Folgezeit entbrannte auf der Titelseite ein Streit zwischen Karl Kautsky, Alexander Stein und Franz Mehring. Quelle: Grafik: Patrick Moye

Vielmehr bestehe seit den ersten Tagen des neuen Regimes die „Diktatur einer einzigen Partei, der Partei der Bolschewiki“. Ja mehr noch existiere die „Diktatur einer Gruppe der Bolschewikipartei“, nämlich der Gruppe um Lenin und Leo Trotzki (1879–1940). Als Beleg dafür zitierte Stein aus einer Erklärung eines gerade zurückgetretenen ZK-Mitgliedes der Bolschewiki, der sich bitter über die „willkürlichen Verhaftungen und Verfolgungen“ durch die neuen Machthaber, die Aufhebung des Koalitionsrechts, die Schaffung neuer Ausnahmegerichte und die fehlende Verständigung mit den anderen sozialistischen Parteien beklagte.

Stein warnte davor, dass die neuen Machthaber die gerade nach dem allgemeinen Wahlrecht gewählte verfassunggebende Versammlung auseinandertreiben könnten, wenn sie dort ohne Mehrheit blieben. Würde das aber nicht den „Grundsätzen der Demokratie ins Gesicht“ schlagen, wenn „sektiererische Machtdünkel“ triumphierten?

Mehring für revolutionären Terrorismus

Die Mehrheit der Redaktion hielt es zwar wie Stein für eine „dringende Pflicht der Bolschewiki, eine Koalition aller wahrhaft sozialistischen und demokratischen Elemente herbeizuführen“. Doch plädierte sie dafür, „auch harte diktatorische Maßregeln“ anzuwenden. In seiner direkten Entgegnung mahnte Mehring, den Appell an die „Grundsätze der Demokratie“ doch den „bürgerlichen Gegnern“ zu überlassen. Nicht „Diktatur oder Demokratie“ sei das augenblickliche Problem der Bolschewiki, sondern „Tragik oder Unvernunft“. Er – Mehring – sehe nur die Tragik angesichts der „objektiven Verhältnisse“ in dem schwer überschaubaren Reich.

Sodann erinnerte er mit einem Marx-Zitat von 1848 daran, welches Mittel das probate sei, um die „mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft“ und die „blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen“ – der „revolutionäre Terrorismus“.

In dem nun folgenden Schlagabtausch, der sich bis in das Jahr 1918 hineinzog, nahm die Interpretation der Äußerungen von Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) mit Bezug auf Russland breiten Raum ein. Doch hatten diese „Klassiker“ keine eindeutige Definition der Diktatur des Proletariats gegeben und auch kein neues Institutionengefüge beschrieben.

So nutzten Kautsky, Stein und Mehring die Zitate, die scheinbar jeweils zu ihrer eigenen Auslegung passten. Dabei waren Kautsky und Stein insofern im Vorteil, als der späte Engels die demokratische Republik samt allgemeinem Wahlrecht als „spezifische Form“ der Diktatur des Proletariats benannt und vor der Herrschaft einer „Avantgarde“ gewarnt hatte.

In Industriegesellschaften schien die Klassendiktatur der Arbeiter aufgrund deren Mehrheit demokratisch möglich, ja gewissermaßen als Selbstläufer verbürgt. Dass die Bolschewiki im Januar 1918 die gerade neu gewählte verfassunggebende Versammlung auseinanderjagten, weil sie dort nur zweitstärkste Partei geworden waren, prangerten Stein und Kautsky mit Verweis auf Engels denn auch an. Mehring wiederum warb unablässig weiter um Sympathien für die Bolschewiki.

Luxemburgs Kritik erscheint posthum

Die bei vielen heute noch bekannteste Kritikerin der Bolschewiki, Rosa Luxemburg (1871–1919), spielte in dieser LVZ-Debatte übrigens keine Rolle: 1918 veröffentlichte sie zwar in der Zeitschrift „Spartakusbriefe“ Artikel zu den außenpolitischen Ansichten der Bolschewiki.

Doch ihr großer, im Frühherbst 1918 geschriebener Essay „Zur russischen Revolution“ blieb zeit ihres Lebens unveröffentlicht. Erst Ende 1921 wurde der Text aus dem Nachlass von einem ihrer engsten Weggefährten veröffentlicht. Paul Levi (1883–1930), der kurz zuvor aus der KPD ausgeschlossen worden war, gab den Beitrag zur Veröffentlichung frei. In der hier formulierten Kritik an der Alleinherrschaft der Bolschewiki prägte Luxemburg auch den historischen Satz, Freiheit sei „immer Freiheit des anders Denkenden“, den DDR-Bürgerrechtler schon vor 1989 ins Feld führten.

Mike Schmeitzner

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