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Mitteldeutschland Nach Messerattacke: Demos in Beucha angekündigt
Region Mitteldeutschland Nach Messerattacke: Demos in Beucha angekündigt
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16:58 11.01.2019
Am Beuchaer Bahnhof verletzte ein 16-jähriger Syrer am vergangenen Wochenende einen 17-Jährigen. Am Sonnabend soll auf dem Vorplatz eine Demonstration stattfinden. Quelle: Frank Schmidt
Brandis/Beucha

Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz sitzt der junge Syrer, der am vergangenen Samstag auf dem Beuchaer Bahnhof offenbar im Streit um ein Mädchen zugestochen hatte und seinen mutmaßlichen Nebenbuhler schwer verletzte, noch immer in Untersuchungshaft. „Zu den gegen ihn erhobenen Tatvorwürfen hat er sich noch nicht geäußert – weder vor der Polizei noch vorm Ermittlungsrichter“, so Schulz. Dem Beschuldigten sei ein Pflichtverteidiger zugeordnet worden. Schulz hat zudem eine Nachricht, die aufatmen lässt: Der Beuchaer Junge sei weiter auf dem Weg der Besserung, habe das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen, hieß es auf Anfrage.

Syrischer Jugendlicher schon vorher verhaltensaufällig

Dem Vernehmen nach war der syrische Flüchtling, der als 13-Jähriger ohne seine Eltern nach Deutschland kam, bereits vor der Messerstecherei kein unbeschriebenes Blatt. Er sei verhaltensauffällig gewesen, heißt es in seinem Umfeld. Dort versteht man nicht, weshalb man ihn in seinem aggressiven Zustand in eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) unterbringen konnte. Der Vorwurf wiegt schwer: „Systemversagen!“ Straffällig gewordene Flüchtlinge müssten zu ihrem eigenen und zum Schutz der Allgemeinheit intensiv pädagogisch betreut werden.

Kritik aus den Reihen der Sozialarbeiter

Brigitte Laux, Sprecherin des Landkreises Leipzig, dürfe sich zur Vorgeschichte des Flüchtlings nicht äußern. Sie verweist auf strenge Jugend- und Datenschutzvorschriften. „In den aktuell drei Einrichtungen des Landkreises Leipzig leben 39 unbegleitete Flüchtlinge, davon 28 zwischen 15 und 18 Jahren in Waldsteinberg.“ Dort würden sie in mehreren Wohngruppen intensiv von Sozialarbeitern betreut. Das eigens dafür pädagogisch ausgebildete Personal sei speziell zur Betreuung dieser Zielgruppe geschult worden. Darüber hinaus hätten unbegleitete Minderjährige auch einen Vormund aus dem Jugendamt als Ansprechpartner, so Laux. Genau hier setzen die Kritiker an, die anonym bleiben wollen: „Auf einen Vormund kommen mitunter 30, 40 oder 50 Kinder und Jugendliche. Wie soll da ein unmittelbarer Kontakt möglich sein?!“

Christian Kamprad, Geschäftsführer des Bildungs- und Sozialwerks Muldental, kümmert sich seit Jahren um Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Eine Zeit lang hatten er und seine Mitarbeiter auch minderjährige Flüchtlinge zur Betreuung. Er lobt die Arbeit der Kollegen des DRK in Waldsteinberg, jener Einrichtung, in der auch der junge Syrer untergebracht war: „Unter den jungen Flüchtlingen gibt es eben auch Desperados, also beinahe noch Kinder, die sich auf ihrer Flucht bis nach Deutschland durchgeschlagen und Bilder gesehen haben, die wir uns nicht mal in den schlimmsten Alpträumen vorstellen. Sie davon abzubringen, sich auch hierzulande weiter im wahrsten Sinne des Wortes durchzuschlagen – ist verdammt schwer.“

„Gefährder sind nur die Spitze des Eisbergs“

Sonntagsreden der Politiker – er könne sie nicht mehr ertragen, sagt ein Erzieher aus dem Landkreis Leipzig, der über 40 Jahre in Wohngruppen gearbeitet hat: „Viele meiner ehemaligen Kollegen sind einfach nur hilflos und heillos überfordert. Und das nicht erst, seit die Flüchtlinge da sind.“ Dramatische Probleme gäbe es auch mit einheimischen Kindern. Mitunter habe man sich im Dienstzimmer einschließen müssen – aus Furcht vor dem mit Schläger randalierenden Bewohner. „Die Fluktuation beim Personal im Kinder- und Jugendnotdienst ist groß. Viele junge Kollegen, die in ihrer Ausbildung nur unzureichend aufs Leben vorbereitet werden, werfen schon nach kurzer Zeit das Handtuch.“ Wenn man Angst zeige, habe man schon verloren. Nein, mit Friede, Freude, Eierkuchen lasse sich der Kenner der Materie nicht mehr abspeisen: „Die Situation ist ernst. Nervosität, Unruhe und Aggression findest du inzwischen schon bei Erstklässlern. In unserer Gesellschaft ist was faul. Gefährder sind da nur die Spitze des Eisbergs.“

Auch im Jugendknast ist die Lage ernst

Hermann Göthel, Beiratsvorsitzender der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen, kann die Verzweiflung verstehen: „Auch in unseren Gefängnissen haben wir viel zu wenig Personal. Die Bediensteten sind überlastet, der Krankenstand ist hoch. Immer wieder gibt es Situationen, die nur schwer beherrschbar sind.“ Gerade bei Hofgängen müssten die Beamten genau hinschauen, um rivalisierende Gruppen zu trennen. Der Pfarrer im Ruhestand spürt, dass er gebraucht wird. Und er sagt auch scheinbar Unpopuläres: „Gefängnis ist nie ideal. Aber eine pädagogische Intensivbetreuung für mehrfach straffällig gewordene Jugendliche wird hier nicht nur angeboten – sie wird hier auch durchgesetzt: Schule, Berufsausbildung, Suchtberatung, für ausländische Insassen auch Sprachunterricht – wir gelten als eine der modernsten Anstalten in Deutschland.“ Es sei enorm, was sich der Staat das kosten lasse. Ein Hafttag koste etwa 150 Euro pro Person.

Eine 1:1-Betreuung gibt es in Einzelfällen auch in der Freiheit, entgegnet Brigitte Laux vom Landratsamt, ohne ins Detail gehen wollen, um gewachsene Strukturen nicht zu gefährden. Der 44-jährige Grimmaer Thomas Schuricht ist anerkannter staatlicher Erzieher. Seit zehn Jahren lebt er in Polen und kümmert sich an der Masurischen Seenplatte erfolgreich um die ihm zugewiesenen Jugendlichen deutscher Nationalität: „Hier drehen sich die Uhren langsamer. In der abgeschiedenen Natur kommen die Kinder bei Bootsfahrten und Wanderungen zur Ruhe und zu sich selbst.“

Leipziger Bündnis meldet Demo in Beucha an

Der Brandiser Bürgermeister Arno Jesse (SPD) bedauert, dass die Messerstecherei nun von außen politisch instrumentalisiert werde – von wem auch immer. Er hatte seinen Beuchaern Anfang der Woche ein Kompliment gemacht. Sie hätten besonnen reagiert auf den Gewaltexzess, für den es keinerlei Rechtfertigung geben dürfe. Er hofft, dass es im Dorf ruhig bleibt. Er hat inzwischen Flyer in Umlauf gebracht, mit denen er seine Bewohner über die bevorstehende, angemeldete Kundgebung informiert: „Vielleicht parkt der eine oder andere ja noch sein Auto um.“

Angemeldete Demonstration

„Solidarität statt rechter Hetze – Für ein friedliches Zusammenleben.“ Das ist das Motto einer Kundgebung am Sonnabend, 17 Uhr, auf dem Bahnhofsvorplatz in Beucha. Nach LVZ-Recherchen ist Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete der Linken, die Anmelderin. Auf Nachfrage bestätigt sie das, erklärt aber: „Ich habe die Veranstaltung für die Gruppe ,Jugend gegen Rechts’ angemeldet. Das ist ein Zusammenschluss junger Leute aus der Stadt Leipzig und dem Umland. Die haben von einem geplanten rechten Fackelmarsch gehört und für sich entschieden, an Ort und Stelle ein Zeichen dagegen zu setzen.“

Sie selbst werde auch in Beucha sein, sagt Nagel. Entschieden verurteile sie die Messerattacke des 16-jährigen Flüchtlings auf einen ein Jahr älteren deutschen Jugendlichen, empfinde es aber als unerträglich, dass diese Tat nun „rassistisch aufgeladen“ werde. Es sei verheerend und nicht tolerierbar, wenn sich in der Bevölkerung die Meinung festsetze, Messerattacken gehörten zur „Eigenart von Flüchtlingen“. Dabei sei die übergroße Mehrheit der Asylbewerber ernsthaft um Integration bemüht, findet sie.

Von Haig Latchinian

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