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News Denkmal schützt vor Leerstand nicht - historische Bauten in Sachsen gefährdet

Denkmal schützt vor Leerstand nicht - historische Bauten in Sachsen gefährdet

In der Leipziger Münzgasse reiht sich Bar an Bar in herausgeputzten Gründerzeithäusern. Lediglich an einem Gebäude sind die Sanierer vorübergezogen: Mit den alten Konzertplakaten am Erdgeschoss, den vernagelten Fenstern und dem Gras, das aus der Regenrinne wuchert, wirkt die Nummer 9 wie der letzte Schandfleck.

Leipzig. Doch der Schein trügt: Unter dem aschgrauen Putz verbirgt sich ein altes Fachwerkhaus. Mindestens seit dem Mauerfall steht das denkmalgeschützte Haus leer und verkommt zur Ruine. Damit gehört es laut der Leipziger Denkmalstiftung zu den 2000 Monumenten der Stadt, die in ihrem Bestand massiv bedroht sind.   

Denkmäler sind eine Stärke Sachsens, weil es so viele wie in kaum einem anderen Bundesland gibt: Ungefähr 105 000 bewahrenswerte Bauwerke jeder Art verzeichnet der Freistaat - von historischer Brückenkonstruktion über Postgebäude bis hin zum Industrieturm. Den überwiegenden Teil bilden der sächsischen Denkmalbehörde zufolge jedoch Wohnhäuser. Diese können angesichts schrumpfender Städte für die Eigentümer zu einer kostspieligen Angelegenheit werden - besonders wenn sie leer stehen. Dieses Problem besteht weniger in den schicken Innenstädten von Leipzig oder Dresden, sondern macht sich vor allem in den Ausläufern der Städte oder auf dem Land bemerkbar.   

Die Gründe, warum Besitzer ihre denkmalgeschützten Altbauten verfallen lassen, sind vielerorts dieselben: Oft stehen dahinter mehrere Erben, die nur auf dem Papier eine Gemeinschaft darstellen, sich ansonsten aber uneinig darüber sind, was mit der Immobilie geschehen soll. Vielen älteren Besitzern fehlt das Vermögen, genauso wie den Spekulanten, die die Häuser in den 90er Jahren für wenig Geld in der Hoffnung auf „blühende Landschaften“ erwarben. Wolfram Günther, Rechtsanwalt und Mitbegründer der Leipziger Denkmalstiftung, will verhindern, dass wertvolle Häuser verfallen. Er hofft, dass die Bürgerinitiative auf privater Ebene auf die Besitzer zugehen kann.   

Gerade aus „wohnwirtschaftlicher Sicht“ sei die Sanierung von denkmalgeschützten Häuser wegen strenger Auflagen aufwendiger und auch nervenaufreibender als bei normalen Häusern, erklärt Gregor Hoffmann, Sprecher der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB), die selbst eine Vielzahl von geschützten Altbauten mitbetreut. Über die Miete kämen die Mehrkosten nicht wieder rein: „Die Mieter zahlen nicht mehr dafür, dass sie im Denkmal wohnen. Für sie ist die Lage, der Preis, die Ausstattung entscheidend.“ Auch im Denkmal gibt es Leerstand - das große Problem im Osten.  

Die Stiftung um Wolfram Günther will mit den Besitzern leerstehender Denkmäler ins Gespräch kommen. „Wir wollen ihnen Hinweise geben, was alles überhaupt möglich wäre“, von Fördermöglichkeiten zur Sanierung bis hin zur Vermittlung potenzieller Käufer. Nicht immer sei Geld das Problem. „Manche Besitzer lassen ihr Haus verkommen, allein, weil der Verkauf ihnen zu viel Aufwand bedeuten würde.“ Einige hofften Günther zufolge sogar darauf, dass die Stadt das einsturzgefährdete Gebäude irgendwann selbst abreißt und das Grundstück für einen Neubau frei würde.   

In Chemnitz machte die Stadt kräftig davon Gebrauch, dass bis Ende 2008 der generelle Abbruch von Altbauten an Stadträndern gefördert wurde, und riss mehrere denkmalgeschützte Häuser entlang der Leipziger Straße ab. Heute steht dort eine Lärmschutzmauer, weil die Anwohner in der zweiten Häuserreihe den Krach der Ausfallstraße nicht ertrugen. Seit 2009 wurden die Regeln präzisiert: Denkmalgeschützte Wohnhäuser müssen stehen bleiben.   

Damit ist das Durchhaltevermögen der Besitzer gefragt, während sich der Anblick mancher Ausfallstraßen bisweilen deprimierend ausnimmt. „Wir wollen die Menschen überreden, ihre Häuser über die Zeit zu retten, auch dort, wo der Gewinn des Erhalts noch nicht so offensichtlich ist“, sagt Wolfram Günther. Seine Stiftung möchte ihr Wirken nicht auf Leipzig beschränken. Vor allem in der sächsischen Provinz sieht Günther die Notwendigkeit, die Hausbesitzer zu unterstützen. Wenn dort in fernerer Zukunft die Stadtzentren wiederbelebt würden, könne es für viele Häuser schon zu spät sein.

Juliane Wienß, dpa

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