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Mitteldeutschland Tod von zwölf Deutschen: Der Horror-Crash von Lukla
Region Mitteldeutschland Tod von zwölf Deutschen: Der Horror-Crash von Lukla
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15:23 06.10.2018
Einheimische nähern sich am 8. Oktober 2008 im nepalesischen Lukla dem brennenden Wrack der verunglückten Maschine von Yeti Airlines. Beim Absturz der Twin Otter kamen im Landeanflug auf den in knapp 3000 Meter Höhe gelegenen Airport 18 Menschen ums Leben – darunter zwölf deutsche Urlauber. Quelle: Suraj Kunwar/dpa
Leipzig/Kathmandu

Für ein Pärchen ist es die Hochzeitsreise, für andere die Erfüllung eines lang gehegten Traumes von einer Trekking-Tour zum Fuß des höchsten Berges der Welt, dem Mount Everest (8848 Meter). Doch die Reise von zwölf Deutschen und ihrem Bergführer Govinda Sharma endet wenige Tage nach ihrer Ankunft in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu in einer Katastrophe.

Am 8. Oktober 2008 stürzt eine Twin Otter der Fluggesellschaft Yeti Airlines beim Anflug auf den rund 2800 Meter hoch gelegenen Airport Lukla nur etwa 50 Meter vor der Landebahn ab und geht in Flammen auf. Außer den Deutschen und ihrem Begleiter sterben zwei Australier, der Co-Pilot, die Stewardess und ein weiterer Nepalese. Nur der Pilot kann sich mit einem Sprung aus der brennenden Maschine retten.

Das Drama an einem der gefährlichsten Flugplätze der Welt beschäftigte vor zehn Jahren die Medien weltweit. Eine Dekade später kommt heraus: Die Deutschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen sowie ihr Bergführer könnten noch leben. Sie fielen einer dramatischen Verkettung unglücklicher Umstände zum Opfer. Der nepalesische Bergführer Binaya Dhakal (38) – kürzlich auf Besuch in Leipzig und Halle – kennt die ganze Geschichte.

Verhängnisvolle Verspätung

Die beginnt am frühen Morgen des höchsten nepalesischen Feiertags innerhalb des zehntägigen Dashein-Festivals. „Ein Teil meiner norwegischen Gruppe hat sich beim Frühstück mächtig Zeit gelassen und kam wegen des morgendlichen Staus mehr als eine halbe Stunde zu spät am Inlandsflughafen an“, berichtet Dhakal. Es ist Hauptsaison. Hunderte wollen schnell nach Lukla. Im kleinen Terminal warten kurz nach 6 Uhr schon die anderen Skandinavier auf ihren Flug – und die Zuspätkommer. Die werden allerdings von der langen Schlange vor der einzigen Eingangstür samt erster Gepäckkontrolle nicht vorbeigelassen. „Ich habe mit den dort wartenden Touristen gesprochen und unsere Flugtickets gezeigt – doch keine Chance“, so der Vater zweier Töchter. Ein Teil der anderen Trekker hätte seinen Kunden mit drohenden Mienen bedeutet, sich hinten anzustellen und nicht vorzudrängeln.

Der Flugplatz in Lukla (Nepal)

Der damals 28-jährige Binaya Dhakal muss reagieren – und findet die Lösung in Govinda Sharma, dem Guide der deutschen Gruppe, die bereits vollständig im Inneren des Inlandairports versammelt ist. „Wir kannten uns flüchtig, wussten, dass wir beide mit Dhading westlich von Kathmandu die gleiche Heimatstadt haben“, erinnert sich Dhakal. Und sie machen das, was seit vielen Jahren in solchen oder ähnlichen Fällen an nepalesischen Inlandflughäfen durchaus üblich ist: Sie tauschen einfach die Tickets der beiden Gruppen.

Wetter verschlechtert sich schlagartig

Da alle nach Lukla fliegenden Airlines bei gutem Wetter in der Hauptsaison mehrere Flüge am Tag anbieten, ist dies auch kein Problem. „Beide Gruppen waren auf Yeti Airlines gebucht, das machte es noch einfacher“, so Dhakal. So wandern die Tickets für den Flug Yeti Airlines 103 von norwegischer in deutsche Hand. Zwei andere Maschinen gleichen Typs sind unterdessen schon sicher in Lukla gelandet.

Bei den Deutschen herrscht um 6.51 Uhr Vorfreude, kommen sie doch um einiges früher ihrem Sehnsuchtsziel näher und sind anderen Gruppen um mindestens eine Dreiviertelstunde voraus. Unter ihnen das frisch vermählte Paar Thorsten B. und Nadine J. aus Braunschweig, Uwe und Andrea T. aus Chemnitz sowie Thomas und Silke K. aus dem sachsen-anhaltischen Bebertal. Es herrschen Sonnenschein, blauer Himmel und angespannte Erwartung. Dann startet die zweimotorige Propellermaschine, eine de Havilland Canada DHC-6 Twin Otter mit der Kennung 9 N-AFE (Baujahr 1980), vom Tribhuvan International Airport Kathmandu.

Beim Landeanflug in knapp 3000 Metern Höhe auf den Flughafen Lukla im Himalaya stürzte 2008 eine kleinere Passagiermaschine ab. Dabei kamen 18 der 19 Menschen an Bord ums Leben. Quelle: dpa

Doch das Wetter am Zielflughafen rund 150 Kilometer weiter im Osten verschlechtert sich rapide. Aus dem engen Tal vor Lukla ziehen plötzlich Nebelschwaden hoch. Ein Instrumentenlandesystem gibt es nicht, es muss auf Sicht geflogen werden. Und: Die Landebahn ist nur 30 Meter breit, gut 500 Meter lang und hat eine Neigung von knapp zwölf Prozent, was einen Höhenunterschied von 60 Metern zwischen beiden Endpunkten ausmacht. Der Pilot kann sie gegen 7.31 Uhr nur noch erahnen, weil Nebel und Wolken immer höher ziehen. Mit den feststehenden Rädern der Twin Otter bleibt er am Flughafenzaun oder einem Felsen kurz vor der Landebahn des Tenzing-Hillary-Airports hängen. Die Maschine überschlägt sich und geht in Flammen auf – 50 Meter vor der rettenden Runway.

„Ich dachte, mein Blut gefriert"

„Ich habe gesehen, wie das Flugzeug in den Landeanflug ging, dann verschwand es in den Wolken und wir hörten eine lauten Knall und sahen Feuer“, wird ein nepalesischer Reiseleiter später zu Protokoll geben. Zwei Stunden kämpfen Sicherheitskräfte und Freiwillige gegen die Flammen. Hunderte Touristen beobachten das Drama, viele unter Tränen. Ein kurzes Youtube-Video im Internet zeigt den Horror-Crash in den Wolken. Eine Gedenktafel am westlichen Ortsausgang von Lukla erinnert seitdem an die Opfer.

Die nepalesischen Behörden verhängen zunächst eine Nachrichtensperre. Doch wenig später flimmern die Namen der Opfer über die Fernsehbildschirme in der Abflughalle in Kathmandu, kurz darauf auf sämtlichen Fernsehkanälen. „Ich dachte, mein Blut gefriert, als ich meinen Namen und die meiner Gruppe auf dem Bildschirm gelesen habe“, erinnert sich Dhakal. In der Hektik waren zuvor nur die Tickets, aber nicht die Passagierdaten getauscht worden. „Mehrere Verwandte, die ich später im Minutentakt angerufen habe, konnten es zunächst gar nicht fassen, dass ich noch lebe“, so der Bergführer. Zwei seien bei der Überbringung der eigentlich guten Nachricht zusammengebrochen.

Der 8. Oktober – für die norwegische Gruppe ein zweiter Geburtstag

Binaya Dhakal erzählt die traurige Geschichte bei einem gemeinsamen Treffen mit Mingmar Sherpa (50) in einem Café in Nepals Hauptstadt. Sherpa ist ebenfalls Bergführer und damals Chef der nepalesischen Partneragentur für die deutsche Reisegruppe. Die beiden schätzen sich, arbeiten trotz des verhängnisvollen Tickettauschs gelegentlich bei Touren vertrauensvoll zusammen. Ist dies nach solch einer Tragödie überhaupt möglich? „Wem soll ich die Schuld geben? Den verspäteten Norwegern? Den Touristen vor dem Airport, die die Skandinavier nicht vorbeigelassen haben? Meinem Guide? Binaya? Dem plötzlich aufsteigenden Nebel?“, fragt Sherpa. Es hätte ja auch genauso andersherum kommen und das nächste Flugzeug abstürzen können. Alles liege allein in der Macht von Buddha, so der Buddhist.

Und Dhakal? Hat er sein gesamtes Glücksreservoire im Leben bereits aufgebraucht? „Ich weiß es nicht. Vielleicht“, sagt er nachdenklich. Am Ende hätten es immer die Götter in der Hand, so der Hindu. Viele aus seiner norwegischen Gruppe feiern seitdem den 8. Oktober als zweiten Geburtstag. Einige brechen die komplette Reise ab, kommen nie wieder. Mit den anderen habe es Tage später an der Absturzstelle eine große Trauerzeremonie gegeben. Manche sind nach wie vor seine Klienten. „Noch immer schließe ich bei all meinen Gebeten die damals ums Leben Gekommenen ein“, sagt Dhakal mit feuchten Augen.

Sicherheitsvorkehrungen verschärft

Seit dem Horror-Crash fliegt Yeti Airlines nicht mehr unter dem Label Yeti nach Lukla, sondern unter der Kennung der Tochtergesellschaft Tara Air. Ein Tickettausch ist heute ohne Änderung der Namen nicht mehr möglich. Viele Sicherheitsbestimmungen sind deutlich verschärft worden, Beispielsweise, dass bei unklaren Witterungsbedingungen Lukla nicht mehr angeflogen wird. Dies führt teilweise dazu, dass sowohl in dem kleinen Himalaya-Dorf wie auch am Airport in Kathmandu Touristen tagelang auf eine Beförderung warten müssen. Der Pilot, der sich aus der brennenden Maschine retten konnte, verlor seinen Verstand und ist heute in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Die Menschen in Lukla gedenken seitdem jährlich der wohl schlimmsten Flugkatastrophe seit Inbetriebnahme des kleinen Airports vor über 50 Jahren.

Von Martin Pelzl

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