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Mitteldeutschland Der falsche Prinz: Die Jahrhundertgeschichte des Harry Domela
Region Mitteldeutschland Der falsche Prinz: Die Jahrhundertgeschichte des Harry Domela
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10:49 04.06.2018
Harry Domela alias Prinz Wilhelm von Preußen im Jahr 1927. Quelle: Foto: SZ Photo/Scherl
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Leipzig

 Der Betrachter sieht eine junge Frau Anfang dreißig im Sommerkleid am Tisch mit einem älteren Herrn, der spitzbübisch lächelt. Das Foto entstand 1961 in der venezolanischen Hafenstadt Maracaibo und zeigt die Schriftstellerin Gudrun Pausewang und Victor Zsajka. Jedenfalls glaubte die junge Frau zu dieser Zeit noch, dass der Mann mit dem streng gescheitelten dünnen Haar, den fein geschnittenen Gesichtszügen und der spitzen Nase Victor Zsajka ist, denn unter diesem Namen hatte sie ihn an der Deutschen Schule in Maracaibo kennengelernt. Er war damals Mitte fünfzig, arbeitete als Zeichenlehrer, trat sehr vornehm auf und „sprach ein überaus korrektes Hochdeutsch“, wie sich Pausewang später erinnerte.

Dieses Foto, das hier erstmals veröffentlicht wird, ist literaturgeschichtlich eine kleine Sensation. Denn der Mann am Tisch mit Gudrun Pausewang, die heute 90-jährig in Hessen in einer Seniorenresidenz lebt, ist Harry Domela – „Der falsche Prinz“! Unter diesem Titel kam in den späten 1920er-Jahren im Berliner Malik-Verlag ein Bestseller heraus. Sechs Auflagen mit über 120  000 verkauften Exemplaren. „Leben und Abenteuer von Harry Domela“, so der Untertitel, brachte Zehntausende Leser zum Lachen und trieb der gehobenen Gesellschaft, vor allem in Thüringen, die Schamesröte ins Gesicht. Wochenlang hatte man in Erfurt, Gotha, Eisenach und Weimar geglaubt, Prinz Wilhelm von Preußen, den ältesten Sohn des Kronprinzen und Enkel des letzten deutschen Kaisers, zu Gast zu haben. Doch es war nur der arme Harry Domela, der 1905 im Dorf Grusche in Livland das Licht der Welt erblickt hatte.

Maracaibo 1961: Die junge Deutschlehrerin Gudrun Pausewang im Gespräch mit Harry Domela. Das Bild ist bisher nie veröffentlicht worden. Jetzt, in ihrem 90. Lebensjahr, stimmte Gudrun Pausewang dem Abdruck in der Leipziger Volkszeitung zu. Quelle: privat

In Lettland ein Hochverräter

Domela gehörte der deutsch-baltischen Minderheit im heutigen Lettland an, die zumeist das gehobene Bürgertum repräsentierte. Der Vater, ein Müller, stirbt kurz nach der Geburt des Jungen, die Mutter zieht ihn und ältere Brüder allein auf. Durch die Wirren des Ersten Weltkrieges und die Oktoberrevolution wird er entwurzelt und schließt sich als 14-Jähriger dem nach Cordt von Brandis (1888–1972) benannten Freikorps an, das 1919 im Baltikum zunächst gegen die Bolschewiken, dann gegen die Letten und die Litauer kämpft. Zurückverlegt, wird das Freikorps „Brandis“ schließlich 1920 in Jüterbog in Brandenburg aufgelöst. In Lettland gilt Domela als Hochverräter, weil er an der Seite der Deutschen gekämpft hat, in Deutschland gilt er als Ausländer und erhält keine Papiere. Ohne Pass bekommt er keine Arbeit, schlägt sich als Saisonkraft auf Ziegeleien und Bauernhöfen durch, arbeitet als Hausbursche und Gärtner. Das Landsknechtsdasein hatte ihm Halt gegeben und auch ein Auskommen gesichert, nun verarmt er, treibt ihn die Polizei in Berlin nachts aus den Bahnhofshallen. „Ich sah entsetzlich abgemagert aus. Hohläugig, hohlwangig  ...  verkommen in Schmutz und Lumpen.“ Als er sein Spiegelbild im Schaufenster sieht, befindet der Achtzehnjährige, das „war nur noch ein Schatten eines Menschen, war der Schatten Harry Domelas“.

Arbeit suchend, kämpft er sich durch Deutschland, wandert immer wieder ins Gefängnis, weil er als „Ausländer“ keine Legitimation hat, und merkt schließlich an der Seite von Betrügern, dass Namen nicht nur Schall und Rauch, sondern manchmal auch nützlich sind. So schleicht er sich in Heidelberg als Prinz Lieven, Leutnant im 4. Reichswehrregiment Potsdam, in den Kreis der Saxo-Borussen ein und besteht mit falschem Namen die Feuerprobe unter den maßlos saufenden Korpsstudenten grandios.

Ein paar Wochen später beginnt dann in Erfurt, was die „Neue Leipziger Zeitung“ am 29. Dezember 1926 unter der Schlagzeile „Die Prinzenkomödie in Thüringen“ zusammenfasste: Domelas furioser Auftritt als Hohenzollernprinz und sein Aufstieg in die feine Gesellschaft. Dabei lässt er sich zunächst im prächtigen „Erfurter Hof“ „nur“ als Baron Korff nieder, wird aber bald schon vom Hotelpersonal auch dank seines weltgewandten Auftretens als ältester Sohn des deutschen Kronprinzen ausgemacht. Und obwohl der Kaiser längst abgedankt, der Adel in der jungen Weimarer Republik formal nichts mehr zu sagen hat, beginnt eine große Katzbuckelei: Empfang hier, Opernbesuch dort. Festliche Banketts und Hasenjagd. Man redet ihn mit „Königliche Hoheit“ an, die Herren knallen die Hacken, die Damen knicksen. Hotelbesitzer Georg Kossenhaschen, den Domela im Buch „Kommerzienrat H.“ nennt, lädt den falschen Prinzen aufs Schlosshotel nach Gotha ein. „Der Hoteldirektor stürzte mit wehenden Rockschößen dienstbeflissen an unser Auto und riss den Schlag auf ...“

Zurück in Erfurt will sich Domela nach Weimar absetzen. Als er zum Bahnhof geht, lauert schon der Chef vom „Erfurter Hof“ in Mantel und Hut auf ihn: „Ich kann doch Königliche Hoheit nicht allein reisen lassen, Königliche Hoheit kennt doch auch Weimar nicht.“ Sie steigen im Hotel „Erbprinz“ ab und landen bald im vornehmen „Fürstenkeller“. Als Domela sich auf Drängen der Wirtin ins Goldene Buch als Prinz Wilhelm von Preußen einträgt, schreibt sein „Schatten“ darunter: „In Begleitung Hoteldirektor Sch., ,Erfurter Hof’, Erfurt“. Mit Kossenhaschen besucht er dessen Creuzburg nordwestlich von Eisenach. Domela: „Aus irgendeiner Ecke des Hofes stürzt mit wildem Geheul eine Hundemeute hervor. Ungefähr ein Dutzend Dackel, dazu ein prachtvoller Bernhardiner, mit dem ich mich bald anfreundete ...“

Immer wieder brenzlige Situationen

Domela kommt mit kleinen und großen Tieren zurecht. Aber je tiefer er eindringt in die gehobene Gesellschaft, desto heikler wird sein königliches Dasein. Man stellt ihm Fragen zum Hause Hohenzollern, zu Verwandten und Bekannten, er verwickelt sich zuweilen, windet sich jedoch immer wieder aus brenzligen Situationen heraus. Er will sich endlich absetzen aus Thüringen, „das entfesselte Arschkriechertum lässt ihn aber nicht los, und er ist zu schwach, den Bitten zu widerstehen“, schreibt Egon Erwin Kisch 1927 in seinem Zeitungsartikel „Falsche Prinzen“. Und er schlussfolgert, Domela wird „etwas, was die Kriminalgeschichte noch nicht kannte: ein Hochstapler aus Schüchternheit, aus mangelndem Widerspruchsgeist“.

Am 8. Dezember 1926 steigt Domela letztmalig in Weimar ab. In Begleitung von Hofbäckermeister Arno Schmidt, der im Buch „Schlosser“ heißt und Betreiber von acht Dampfbacköfen ist, beginnt eine große Zechtour. Vom Weinlokal „Fürstenkeller“ geht es über den „Weißen Schwan“ zum „Goldenen Adler“. Domela erleichtert den Hofbäcker um 35 Flaschen Sekt, als dieser ihn um ein königliches Autogramm bittet. Im Morgengrauen setzt sich Domela per Bahn in Richtung Süden ab. Als er in Koblenz den Zug nach Frankreich nehmen will, um sich für die Fremdenlegion zu melden, wird er von der Kriminalpolizei verhaftet.

In der Untersuchungshaft in Köln schreibt er seine Abenteuer auf, und der auf avantgardistische Literatur spezialisierte Malik-Verlag bringt sie heraus. Das Buch wird ein Renner, Domela wird reich, verdient 250 000 Mark, wird so etwas wie ein Medienstar. Zeitungen berichten über ihn, Theater engagieren ihn. In Leipzig tritt er in der Komödie „Seine Durchlaucht“ auf, in Berlin in der Revue „Die ganze Welt lacht“. Die Rote Hilfe spannt ihn vor den Propagandakarren, er sympathisiert mit der KPD, tritt jedoch nicht ein. Er kauft sich in Berlin ein Kino, in dem die Verfilmung „Der falsche Prinz“ läuft, in der er selbst die Hauptrolle spielt. Und: Er bringt sein Geld durch, geht pleite ...

Neuauflage bei „bb“ 1983 in der DDR

Jahre später entsteht das Foto in Maracaibo in Venezuela. Da kennt man in Europa Harry Domela nur noch als Legende. In der DDR erscheint plötzlich 1983 in der Taschenbuchreihe „bb“ des Aufbau-Verlages (Berlin/Weimar) eine Neuauflage von „Der falsche Prinz“. Wieland Herzfeld (1896–1988) schreibt als Ex-Malik-Verleger ein Nachwort und berichtet dort, Domela habe sich während des Bürgerkriegs in Spanien „am Kampf gegen die Faschisten“ beteiligt. Nach dem Krieg seien Gerüchte aufgetaucht, Domela „lebe in Südamerika, anonym, und wolle mit seiner europäischen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben“. Der Weimarer Literaturwissenschaftler Jens Kirsten (51) hat Domelas Abenteuer zum ersten Mal als 14-Jähriger gelesen und seitdem hat ihn die Geschichte nicht mehr losgelassen. 2010 brachte er in der Reihe „Weimarer Schriften“ den Band „Nennen Sie mich einfach Prinz“ heraus und fasste dort zusammen, was er recherchiert hat: Für den „Hochstapler“ Domela, verbandelt mit Linken und Anarchisten, selbst ewiger Vagabund und noch dazu homosexuell, verhieß das Jahr 1933 nichts Gutes. Er verlässt Nazideutschland, geht über Wien und Paris unter dem Namen Victor Zsajka nach Amsterdam. Hier lernt er den ebenfalls homosexuellen Schriftsteller Jef Last (1898–1972) kennen, der ihn mit anderen Linksintellektuellen bekannt macht, darunter André Gide und André Malraux. Durch Vermittlung der beiden kommen Last und Domela 1936 in die Republikanische Armee an der spanischen Bürgerkriegsfront, nachdem Domela zuvor von einem „kommunistischen Komitee als Trotzkist beschimpft und mehrfach als Freiwilliger abgelehnt worden war“.

Bekanntschaft mit Ludwig Renn

In Spanien kämpft Domela an vorderster Front und trifft unter anderem auf Ludwig Renn (1889–1979). Der in Dresden geborene Schriftsteller, der 1956 beim Aufbau-Verlag das Buch „Der Spanische Krieg“ veröffentlichte, lässt darin die Figur „Benno“ auftreten, hinter der er Domela verbirgt. Während Renn mit vielen authentischen Namen arbeitet, etwa Hans Beimler, bleibt Domela unerwähnt. Kirsten: „Offensichtlich war Domela in der DDR zur Persona non grata geworden, die man, wie viele andere inzwischen in Ungnade Gefallene auch, besser nicht erwähnte.“ Kirsten hat die homosexuelle Neigung Domelas „nicht herausgestellt“. „Es ging mir nicht um ausgelebte Sexualität, sondern um Geschichte.“ Aber: Auch Renn war schwul und hatte möglicherweise auch deshalb Vorbehalte, Domela na-mentlich zu nennen, denn beider Bekanntschaft war „politisch und sexuell konnotiert“, wie Kirsten schreibt. Domela floh nach dem Zusammenbruch der spanischen Volksfront im Januar 1939 in Richtung Frankreich, wurde beim Grenzübertritt als Offizier eines Divisionsstabes verhaftet und im berüchtigten Lager Gurs interniert.

Von dort schreibt er Briefe, die Jahre später in einem Archiv in Amsterdam gefunden werden und aus denen seine Resignation über die Haltung der Kommunistischen Partei spricht: „Diese Partei wird die deutsche Einheitsfront nie zustande bringen. Solange die K.P. keine Erneuerung an Geist und Gliedern durchmacht, wird sie uns von Niederlage zu Niederlage führen.“

Auf Intervention von André Gide bei den französischen Behörden wird Domela aus dem Lager entlassen, geht nach Luxemburg, von dort nach Belgien, wo er im März 1940 wegen unerlaubten Aufenthalts verhaftet wird. Er kommt wieder frei und flieht nach Südfrankreich. Noch einmal hilft Gide und vermittelt ein Visum für Mexiko. Im ersten Hafen, den das Schiff anlief – es war Jamaica – wurde Domela von einem Mitreisenden als „trotzkistischer Agent“ denunziert und von der englischen Militärpolizei verhaftet. Man sperrte ihn in ein Internierungslager, wo er „dann für die nächsten zweieinhalb Jahre einfach vergessen wurde“, wie er es später seinem Freund Jef Last schildert. Nach seiner Entlassung reist er nach Kuba, weil er dort Hilfe erhofft, die ihm aber versagt bleibt. Er versucht sich das Leben zu nehmen, überlebt, und schafft nach Ende des Zweiten Weltkrieges den Absprung nach Venezuela.

Einen Job als Zeichenlehrer

Hier kommt er langsam auf die Füße, findet einen Job bei Coca-Cola, arbeitet sich hoch und ist schließlich von 1954 bis 1961 als Zeichenlehrer an der Universität Maracaibo tätig, danach als Gymnasiallehrer für Kunstgeschichte. Als die Schriftstellerin Gudrun Pausewang 1961 als Lehrerin an die Deutsche Schule nach Maracaibo kam, fiel ihr der „ältere Herr Zsajka“ auf, „dem der Nimbus der Vornehmheit anhaftete ...“ Sie unterhielt sich gern mit ihm und irgendwann entstand dann das Foto.

In Europa galt Domela weiterhin als verschollen, und er tat alles dafür, dass seine wahre Identität nicht herauskam. Da war die Angst, wieder verfolgt, als ehemaliger Spanienkämpfer ausgewiesen oder als abgetauchter Ex-Nazi bezichtigt zu werden, was durch einen Kollegen an der Schule auch geschah. Domela blieb Zsajka und schrieb in den 1960er-Jahren nur engsten Freunden, warum: „Nach wie vor gibt es keine Behörde auf der Welt, die für mich einen Pass ausstellt, nach wie vor gibt es für mich keine Legalität.“ Jens Kirsten: „Im Grunde war er seit Ver­lassen des Baltikums sein Leben lang auf der Jagd nach nichts anderem als gültigen Identitätspapieren.“ Noch heute ist bei Wikipedia zu lesen, Domelas letztes Lebenszeichen datiert vom März 1978. Kirsten hat lange in Venezuela recherchiert und schließlich heraus­gefunden: Victor Zsajka („nombre Harry Domela“) ist am 4. Oktober 1979 in Maracaibo gestorben. Ein Jahrhundertschicksal.

Von Jan Emendörfer

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