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Mitteldeutschland „Der historischste Ort Thüringens“: Reinhardsbrunn wurde enteignet
Region Mitteldeutschland „Der historischste Ort Thüringens“: Reinhardsbrunn wurde enteignet
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11:07 25.08.2018
Blick auf das Schloss Reinhardsbrunn (Thüringen).  Quelle: dpa
Friedrichroda

Wenn Elisabeth Hügel ihren alten Arbeitsplatz besucht, schwingt immer die Wehmut mit. „Ich hänge an diesem Haus“, sagt die Ex-Empfangschefin vom thüringischen Schloss-Hotel Reinhardsbrunn (Kreis Gotha) und blickt beim Empfang des Fördervereins voller Erinnerungen auf das schwer geschundene neogotische Bauwerk. Nur die Fassade erzählt noch etwas vom früheren Glanz des Schlosses, die Innenräume dürfen schon lange nicht mehr betreten werden. „Es ist dennoch ein wunderschöner Ort“, sagt die in Leipzig studierte Gastronomin, die von 1980 bis 1995 die Hotel-Geschäfte in Reinhardsbrunn mitgeführt hat und heute das Top-Hotel „Frauenberger“ in Bad Tabarz leitet.

15 Jahre Reinhardsbrunn – Elisabeth Hügel hat vom DDR-Sozialismus bis zu den von der Treuhand schwer enttäuschten Hoffnungen im neuen Westen turbulente Jahre in diesem Ortsteil von Friedrichroda miterlebt. Den Glauben daran, dass noch einmal neues Leben ins Schloss einziehen könnte und der Verfall gestoppt wird, hatte sie eigentlich schon aufgegeben. Doch jetzt fasst sie – wie jeder der rund 200 Gäste beim Empfang des Fördervereins im idyllischen Rosengarten des Schlosses – wieder neuen Mut. In einem juristischen Präzedenzfall für Deutschland hatte die rot-rot-grüne Landesregierung Anfang Juli entschieden, die bisherigen Schlossbesitzer zu enteignen. Das historische Ensemble (mehr zur Geschichte siehe Hintergrund) soll gerettet werden – und die Auflagen des Denkmalschutzes bieten die gesetzliche Grundlage für diesen einmaligen Schritt.

„Millionen-Gelder um die Ecke gebracht“

Der Haupt-Initiator des Enteignungs-Beschlusses schlendert an diesem Abend aufgeräumt durch die Gästereihen. Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) verhehlt seine Genugtuung über den juristischen Coup nicht. Als Landesvater verweist er immer wieder auf die Bedeutung von Reinhardsbrunn. „Es ist der historischste Ort Thüringens, geprägt von großen Aufstiegen und Niederlagen“, sagt er zur Begrüßung. Der frühere Gewerkschafter bringt auch ganz persönlichen Gefühle ins Spiel. Als damaliger Landeschef der Gewerkschaft HBV (heute Verdi) hatte er von 1990 bis 1991 selbst im Schloss gewohnt und die Übernahme von 2000 Thüringer Mitarbeitern der DDR-Handelsorganisation (HO) durch die Handelskette Rewe mitverhandelt. Jahre, die seine Beziehung zu Reinhardsbrunn emotional geprägt haben.

Dessen Schicksal habe ihn auch als Oppositionsführer nie kalt gelassen. „Hier sind Millionen-Gelder von Gaunern und Hasardeuren um die Ecke gebracht worden, dubiose Eigentümer haben das Schloss in Geiselhaft genommen“, legt er noch einmal den Finger in eine tiefe thüringische Wunde. Den Beschluss zur Enteignung („Das ist keine Erfindung der Linken“) will er sich aber nicht allein ans Revers heften. Ausdrücklich lobt Ramelow seine CDU-Amtsvorgängerin Christine Lieberknecht. Sie habe das Schicksal des Thüringer Kleinods schon zur Chefsache erklärt und das Enteignungsverfahren in Gang gesetzt. „Wir haben gemeinsam für die Zukunft von Reinhardsbrunn gekämpft“, sagt der Regierungschef.

Knapp zwei Millionen Euro bringt der Freistaat jetzt auf, um nur allernötigste Sicherungsarbeiten am Schloss zu finanzieren. Ein erster Schritt, aber immerhin. „Die Geschichte dieses kulturhistorisch einzigartigen Ortes kann nun endlich neu und zukunftssicher geschrieben werden“, sagt Ramelow und dankt den vielen ehrenamtlichen Helfern aus der Region und dem Förderverein. „Der aktuelle Erfolg ist maßgeblich ihr Verdienst, ich verneige mich vor ihnen.“

Mit Blick auf nächste Etappen-Ziele hält sich der Ministerpräsident aber auch auf Nachfrage bedeckt. Grund ist, dass mehrere Verfahrensbeteiligte Anträge eingereicht haben, um die Entscheidung der Enteignungsbehörde gegen die bisherigen Eigentümer gerichtlich überprüfen zu lassen. Ramelow will sich mit Verweis auf schwebende Verfahren nicht näher zu Zeiträumen äußern. Er bittet da in der Öffentlichkeit um Verständnis, um der Gegenseite keine juristische Angriffsfläche zu bieten. Thüringens Kultusminister und Staatskanzleichef Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) hatte aber – schon kurz nachdem die Anträge beim Landgericht Meiningen eingegangen waren – klar gemacht, dass die Eigentumsübertragung auf den Freistaat „zügig erfolgen soll“.

Prinz Andreas lobt Förderverein

Da der letzte Eigentümer das Grundstück des Schlosses mit einer Hypothek von zehn Millionen Euro belastet hatte, kam auch ein Kauf für einen Euro für den Freistaat nicht in Frage. Thüringen hätte in diesem Fall die Grundschuld mit übernehmen müssen. „Ich will aber lieber die zehn Millionen ins Schloss investieren und nicht irgendjemand hinterherwerfen“, macht Ramelow vor den Festgästen klar und erntet viel Beifall. Am liebsten wäre es ihm, wenn Reinhardsbrunn wieder „als Schloss für alle öffnet“. Ganz im Geiste von Herzog Ernst I. (1784–1844) von Sachsen-Coburg, der es als liberaler Freigeist und Verfechter freiheitlicher Rechte im 19. Jahrhundert auf den Trümmern eines Klosters errichten ließ. Ob die von Ramelow avisierten zehn Millionen Euro zur Sanierung des Schlosses reichen werden, ist aber fraglich. Denkmalpfleger haben bereits die Rechnung aufgestellt, dass allein der Erhalt der neogotischen Bausubstanz sieben Millionen Euro kostet.

Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Sachsen, Nachfahre des legendären Ernst I., nutzt die Chance, um sich bei beiden Regierungschefs zu bedanken. „Das Schloss wurde wieder nach Thüringen geholt.“ Und an die Adresse des ehrenamtlichen Fördervereins fügte der betagte Adelsspross hinzu, dass es für seine Vorfahren eine Freude gewesen wäre, dieses Engagement zu sehen.

Eine von vielen Anerkennungen, die Christoph von Berg mit Freude registriert. Der Leipziger Star-Anwalt mit dem Spezialgebiet für hochkomplizierte internationale Raubkunst-Fälle ist der Vorsitzende des Fördervereins und hat zu Reinhardsbrunn wie Ramelow vor allem eine emotionale Bindung. Kurz nach der Wende kam er 1990 beruflich nach Thüringen und hat zuerst im Schloss-Hotel und dann für sechs Jahre in einer Wohnung im Schloss gewohnt. „Ich war der letzte Bewohner von Reinhardsbrunn“, sagt von Berg voller Stolz. „Wer einmal dieses Flair an diesem historischen Ort erlebt hat, der kommt davon nicht wieder los.“ Umso mehr freue er sich jetzt, dass es aufwärts gehe und dass er für diesen Ort etwas tun könne. „Der Geist von Reinhardsbrunn lebt wieder.“ Auch, weil alle an einem Strang zögen.

Der Vereinschef bringt als Idee wieder ein Schloss-Hotel ins Spiel. „Weil der Ort ideal in der Mitte Deutschlands liegt.“ Noch ist das nur eine Vision, schon Wirklichkeit ist an diesem Sommer-Abend die vom Förderverein organisierte romantische Beleuchtung des Schlosses. „So schön hat Reinhardsbrunn zum letzten Mal vor 27 Jahren gestrahlt“, sagt von Berg.

André Böhmer

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