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Mitteldeutschland Deutsche lehnen Muslime und Asylbewerber ab - Interview zur "Mitte"-Studie der Uni Leipzig
Region Mitteldeutschland Deutsche lehnen Muslime und Asylbewerber ab - Interview zur "Mitte"-Studie der Uni Leipzig
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12:11 04.06.2014
Oliver Decker leitet die "Mitte"-Studie, die seit 2002 alle zwei Jahre Erhebungen zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland macht. Quelle: Insa van den Berg
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Leipzig

Trotzdem ist jeder fünfte Deutsche ausländerfeindlich. Im Interview spricht Oliver Decker, Leiter der Studie, über Ost-West-Differenzen, Gründe für die Ablehnung bestimmter Gesellschaftsgruppen wie Muslime und Asylbewerber und den Rechtsruck bei der EU-Wahl.

Frage:

Ein überraschendes Ergebnis Ihrer Studie: Mehr als die Hälfte der Deutschen lehnen Asylsuchende, Muslime, Sinti und Roma ab. Warum richtet sich der Fremdenhass so konkret gegen diese Gesellschaftsgruppen?

Dr. Oliver Decker:

Immerhin gibt es einen Abwärtstrend in der manifesten rechtsextremen Einstellung. Das wollen wir betonen, denn wir überbringen gerne auch einmal gute Nachrichten. Auch wenn 20 Prozent ausländerfeindlich Eingestellte in der deutschen Bevölkerung kein absolut gutes Ergebnis sind, so ist es doch im Verhältnis zu den Erhebungen, die wir seit 2002 durchführen, eine positive Entwicklung.

Darüber hinaus konnten wir beobachten, dass die Menschen inzwischen beginnen, Migranten differenzierter wahrzunehmen, allerdings weniger, was ihre Bedürfnisse anbelangt. Es wird vielmehr danach unterschieden, welchen Gewinn diese Zuwanderer Deutschland bringen. Wenn sie also die Vielfalt der Küche bereichern, als Haushaltshilfe arbeiten oder als Ärztin in ländlichen Regionen, dann verbessern sie in der Wahrnehmung das Leben hier. Diese Migranten sind gerne gesehen und auch akzeptiert.

 

Das sind also die „guten Ausländer“?

Genau. Anders ist es bei Muslimen, Sinti und Roma, Asylsuchenden. Deren Ablehnung ist sprunghaft angestiegen. Sicher hängt das damit zusammen, dass die Zahl der Asylanträge in den letzten Jahren angestiegen ist. Selbst solche, die diesen Flüchtlingen zugestehen, aus Not hergekommen zu sein, meinen, der deutsche Staat solle sie nicht großzügig behandeln. Offensichtlich geht es bei der Gewährung von Asyl nämlich stark ans Eingemachte: Asylbewerber werden als Bedrohung des Wohlstands wahrgenommen.

Bei der Islamfeindschaft geht es um Vorurteile, die daraus resultieren, dass diese Bevölkerungsgruppe als religiös fremd wahrgenommen wird – ähnlich wie beim Antisemitismus. Das ist selbst in einer vermeintlich säkularisierten Gesellschaft ein bestimmender Faktor. Denn eine so klare Trennung zwischen Kirche und Staat gibt es bei uns nur in Teilbereichen. Das fällt auf, wenn konservative Politiker Muslimen in der Öffentlichkeit Frauenfeindlichkeit vorwerfen. Während sie nun die Emanzipation der Frau behaupten, waren im Zweifel sie es, die noch vor nicht ganz zwanzig Jahren im Bundestag gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe stimmten. Wenn eigene Konflikte oder auch Wünsche auf andere Personen übertragen werden, sprechen Sozialpsychologen von projektiven Anteilen.

Auch bei Sinti und Roma tritt dieses Übertragungsphänomen deutlich hervor. Sie sind immer als Fahrende, Ungebundene wahrgenommen worden, die keinen Regeln unterworfen sind. Viele Menschen sehnen sich nach so einer romantisierten Form von Freiheit. In der Folge werden sie wütend auf Personen, die das, was sie selbst begehren, vermeintlich besitzen.

In Ihrer Studie heißt es, rechtsextreme Einstellung entstehe auch durch ein starkes Gefühl der Überforderung, weil diese Gesellschaft permanent Leistungsanforderungen an seine Mitglieder stelle.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die wirtschaftliche Stabilität Deutschland mit einem Preis bezahlt worden ist – einer starken Unterordnung in sämtlichen Lebensbereichen.

Die "Mitte"-Studie wird seit 2002 fortlaufend an der Universität Leipzig erstellt. Quelle: Volkmar Heinz

Wir verzichten zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung auf viele unserer persönlichen Wünsche, auch unbewusst. Wir wissen, wie stark die Idee der Selbstoptimierung in das Denken der Menschen Eingang gefunden hat. Sie übernehmen es sogar selbst, zu überwachen, dass diese Leistungsanforderungen eingehalten werden. Eigentlich ist niemand mehr nötig, der sie mit Androhung von Bestrafung dazu anhält. Wer sich aber die ganze Zeit unterordnet, der erwartet auch einen Lohn dafür. Ist das nicht möglich, zum Beispiel, weil die Wirtschaft schwächelt, dann wird auch die Akzeptanz des demokratischen Miteinanders eher infrage gestellt.

Es sind insbesondere die 14- bis 30-Jährigen, die eine rechtsautoritäre Diktatur befürworten, die daran glauben, dass Menschen ungleich viel wert sind. Sie sind es auch, die am stärksten den Nationalsozialismus verharmlosen. Wird in Deutschland zu wenig Aufklärungsarbeit geleistet?

Reine Bildungsarbeit kann mit diesen Problemen nicht aufräumen. Um zu begreifen, wie ein demokratisches Miteinander funktioniert, bedarf es Erfahrungen. Die machen Jugendliche und junge Erwachsene in unseren Bildungseinrichtungen aber nicht, weil diese Institutionen alles andere als demokratisch organisiert sind. Möglichkeiten der Teilhabe sind nicht vorgesehen. Natürlich sind solche Aushandlungsprozesse sehr mühselig. Wer aber nicht frühzeitig die Erfahrung macht, dass Verhandeln zum Erfolg führen kann, wird eher für antidemokratische Positionen anfällig sein, bei denen fälschlicherweise vermittelt wird, es gebe ein gemeinsames Interesse aller.

Darüber hinaus fehlen allgemein Freiräume. Theoretisch kann zwar jeder demonstrieren, es tut aber heute keiner mehr– ganz im Unterschied zu den 1980er Jahre, wo sich in Folge des Nato-Doppelbeschlusses oder der Volkszählung unter Helmut Kohl ganze Bürgerbewegungen bildeten. Das rührt daher, dass die Sorge, aus dem Raster zu fallen, nicht gering ist.

Bei der Europa-Wahl Ende Mai haben rechtspopulistische Parteien Erfolge gefeiert. Wie lässt sich das mit dem allgemeinen Abwärtstrend, den Ihre Studie rechtsextremen Einstellungen bescheinigt, in Zusammenhang bringen?

Im Vergleich zu anderen Ländern der EU ist die Zustimmung zu rechtsextremen Parteien in Deutschland tatsächlich eher gering. Das ist unserer Meinung nach der Insellage Deutschlands geschuldet. Die wirtschaftliche Lage ist im Gegensatz zu Nachbarstaaten vergleichsweise gut und das minimiert antidemokratische Tendenzen. Die besondere Stellung der Wirtschaft hat sehr viel damit zu tun, dass die Menschen nach dem Ende einer allgemein gültigen Religion nicht ganz ohne Trostmittel auskommen. In einer Gesellschaft, die ausschließlich Waren hervorbringt, können diese Trostmittel auch nur Waren sein. Und wenn diese Waren nicht ständig verfügbar sind, dann verliert das System seine Legitimation.

Insa van den Berg

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