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Mitteldeutschland „Die Erde bricht zuerst in Sachsen auf“
Region Mitteldeutschland „Die Erde bricht zuerst in Sachsen auf“
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12:05 30.08.2018
Olaf Schumann, geboren 1961 in Dresden, Chef der Agentur Schmidt & Schumann. Quelle: Foto: Archiv
Leipzig

Der Dresdner Werbe-Profi Olaf Schumann sieht in den Unruhen von Chemnitz die Vorboten weiterer Proteste. Dass es vor allem in Sachsen so rumort, überrascht ihn allerdings nicht.

Es gibt PR-Strategen, die sagen, Sachsen sei nicht mehr vermarktbar. Stimmt das?

Man kann zumindest nicht so weiter kommunizieren wie bisher. Ich denke da beispielsweise an die Image-Kampagne „So geht sächsisch“. Da werden viele Dinge aus dem Freistaat aufgezählt, die den Betrachter überzeugen sollen, dass Sachsen ein tolles Land ist. Diese Art der Kommunikation ignoriert vollständig, dass es noch andere Dinge dort gibt, die medial auch bekannt sind. Stichwort Chemnitz, Stichwort Freital und so weiter.

Also sollte man gar nicht mehr für Sachsen werben?

Doch, die Lösung kann ja nicht sein: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Aber man muss eben zeigen, wie Sachsen wirklich ist.

Junge Damen mit schönen Weingläsern und brüllender Mob vor dem Landtag?

Nein, natürlich nicht. Den Fehler hat vor vielen Jahren die Staatskanzlei gemacht. Der Slogan „So geht sächsisch“ ist an und für sich wertfrei und bedarf einer Ergänzung. Nur ist das bei einem Bundesland anders als bei einem Markenartikel. In einem Bundesland gibt es immer eine Opposition und Leute, die eine andere Sicht vertreten. Das muss man berücksichtigen.

Was schlagen Sie vor?

Anders zu kommunizieren. Man kann darstellen, dass Sachsen ein vielschichtiges Land ist mit unterschiedlichen Facetten. Eine Medaille mit zwei Seiten. Auf der einen Seite die Friedliche Revolution beispielsweise und auf der anderen diese permanente Unzufriedenheit. Die etwas Positives sein kann, wenn man daraus etwas entwickelt. Wenn daraus Ansiedlungen oder Innovationen entstehen.

Was nicht immer passiert.

Natürlich kann aus politischer Unzufriedenheit auch etwas entstehen wie Pegida. Wenn ich jedoch sage, „Die Sachsen sind ein Volk, dass nie zufrieden ist“, dann kann ich das eben positiv, aber auch negativ sehen. Positiv im Gegensatz zu Mecklenburg-Vorpommern, über das Bismarck sinngemäß gemeint hat: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Mecklenburg-Vorpommern. Dort passiert alles 100 Jahre später“. Wenn es brodelt in der Gesellschaft, dann bricht die Erde zuerst in Sachsen auf. Wer wissen will, was die Zukunft bringt, muss hierher kommen.

Ist es also ein reines Vermittlungsproblem?

Teils, teils. Zum einen meine ich, dass die Sachsen schon ein spezielles Völkchen sind, weil sie in so einer Schnittstelle liegen. Eingeklemmt zwischen einem protestantisch-preußischen Norden, einem katholisch-heißblütigen Süden, einem romanischen Westen und einem slawischen Osten. In dieser Schnittstelle sind sie nie stark genug gewesen, sich selbstständig zu behaupten. Sie waren über Jahrhunderte fremdbestimmt von größeren Mächten und mussten sich anpassen. Denken Sie an die französische Besetzung und daran, dass das Wort „vigilant“ ins Sächsische übernommen wurde. Von den Russen ist unter anderem die „Datsche“ geblieben.

Das wirkt bis heute nach?

Die Sachsen waren treue Nationalsozialisten und gute DDR-Staatsbürger. Aber so ist das mit Kindern, die alles in sich hineinfressen – irgendwann platzt ihnen der Kragen. Das war 1989 auch so. Es ist die Eigenart der Sachsen, dass sie erst opportunistisch sind, und wenn sie das Gefühl haben, es geht nicht mehr, explodieren sie. Das überrascht die herrschende Klasse dann immer. Jetzt ist es wieder so.

Was schon Kanzler Helmut Kohl erfahren musste.

Nach der Wende wurde Kohl mit seinen „blühenden Landschaften“ schon fast peinlich angehimmelt. Die Ost-Marken hatten plötzlich keine Chance mehr. Dann wurden aus den neuen Bundesbürgern „Jammer-Ossis“, als sie nämlich feststellten, dass die Versprechen nicht eingelöst wurden. Es wurde zwar besser, aber nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten. Die Sicherheit blieb aus. Erst kam die Finanzkrise, dann die Eurokrise, die Griechenlandkrise und schließlich die Flüchtlingskrise.

Warum beobachten wir solche Ausbrüche wie in Sachsen nicht auch in Sachsen-Anhalt oder in Thüringen?

Große Unterschiede zu Thüringen und Sachsen-Anhalt sehe ich gar nicht. In Sachsen, in Dresden ist der Grad der Unzufriedenheit am größten. Das hängt auch mit dem Phantomschmerz zusammen, dass die Elbmetropole einmal die viertgrößte Stadt im Deutschen Reich war. All das wurde quasi über Nacht weggebombt. Der Wiederaufbau nach der Wende erfolgte vor allem durch westdeutsche Investoren. Nun herrscht die Angst, dass alles wieder verloren gehen könnte, weil West-Eliten nicht die Risiken der Flüchtlingskrise erkennen. Dass die Rente gekürzt werden könnte, weil die Neuankömmlinge das Geld bekommen und der Staat die Kontrolle verloren hat.

Es ist also auch so eine Art Heimatliebe?

Es gibt eine große Identifikation mit der Stadt. Die ist in Dresden wahrscheinlich noch größer als in Chemnitz.

Wie kommt Sachsen aus dem Dilemma wieder heraus?

Mit Marketing allein nicht. Aber mit Ehrlichkeit. Indem man Dinge hinterfragt und gegebenenfalls auch mal korrigierend eingreift.

Woran denken Sie dabei?

Dass man nicht mehr blind alles übernimmt. Das beginnt bei der Gender-Sprache, ein typisch westdeutsches Phänomen, das im Osten gar nicht vermittelbar ist. Man kann doch auch nicht in der Zeitung in jedem zweiten Satz alles gendern. Da fühlen sich die Ostdeutschen bevormundet. Aber eine ganz kleine Minderheit von Extrem-Feministinnen maßt sich an, die Sprache zu manipulieren, die Elite übernimmt es und das Volk muss es dann ausführen. Das ist wie ein Wahlprogramm für die AfD.

Dabei hatte die Gender-Sprache ursprünglich die Absicht, mehr Gleichberechtigung zu schaffen...

Wir sind alle für Gerechtigkeit. Aber als Ostdeutscher muss ich Ihnen sagen, statt über die Sprache zu reden, müssen wir doch mal über Gleichstellung von Frauen reden. Darüber, wie es Frauen möglich war, zu DDR-Zeiten Beruf und Familie zu verbinden. Da könnte man Dinge nennen wie Betriebskindergärten, Haushaltstage oder den Ehe-Kredit. Stattdessen kamen die Westeliten und verlangten, das Studentenwerk in das Studierendenwerk umzubenennen.

Jetzt sind wir aber doch ein Stück weg vom Thema Chemnitz.

Das hat natürlich nichts mit Rechtsextremismus zu tun. Aber, wenn man dazu peinlich schweigt, dann treibt auch das den Rechtsextremen Leute zu.

Von Roland Herold

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