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„Die Frauen sind in einer Situation, für die sie keine Lösung haben“

Kindstötungen „Die Frauen sind in einer Situation, für die sie keine Lösung haben“

Wie kann es dazu kommen, dass eine Mutter ihr Neugeborenes tötet? Expertin Anette Kersting erklärt im Interview, warum Frauen ihre Schwangerschaft verdrängen, was bei der Geburt in ihnen vorgeht – und was die Gesellschaft tun kann.

Anette Kersting, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Leipzig, sagt: „Kindstötungen direkt nach der Geburt können in allen Altersgruppen vorkommen und sind immer mit einer persönlichen Konfliktsituation verbunden.“
 

Quelle: privat

Leipzig.  Nach dem  Fund von zwei toten Säuglingen in einer Wohnung in Benndorf (Sachsen-Anhalt) ist noch unklar, woran die Babies gestorben sind und ob sie bei der Geburt noch gelebt haben. Dennoch fragen sich viele, aus welchen Gründen eine Frau ihr eigenes Kind tötet. Die LVZ hat darüber mit Anette Kersting (57), Direktorin der Klinik für psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Leipzig, gesprochen.

Wieso tötet eine Frau ihr neugeborenes Kind?

Kindstötungen stehen oft am Ende einer verheimlichten oder verleugneten Schwangerschaft. Letzteres ist ein psychischer Abwehrmechanismus. Die Frauen können sich die Schwangerschaft nicht eingestehen und handeln so, als ob sie nicht schwanger wären.

Warum reagieren die Frauen so auf die Schwangerschaft?

Häufig haben sie Angst, aus ganz individuellen Gründen, zum Beispiel, wenn der Vater kein Kind möchte und sie fürchten, von ihm verlassen zu werden. Oder es gibt Konflikte anderer Art. Die Mutterschaft wird abgelehnt und die Frauen entwickeln keine innere Bindung zum Kind. Sie realisieren, dass sie schwanger sind, erkennen gleichzeitig die damit verbundenen Probleme und versuchen, durch die Verdrängung einer unangenehmen Realität zu entfliehen. Dieser psychische Abwehrmechanismus kann auch das soziale Umfeld betreffen und dazu führen, dass die Schwangerschaft auch von anderen nicht bemerkt wird. Die Verdrängung kann also kollektiv erfolgen.

Die Frauen rauchen also weiter, trinken Alkohol, gehen nicht zum Arzt?

Genau. Übelkeit wird damit erklärt, dass man sich einen Infekt zugezogen hat, die Veränderung des Körpers wird einfach ignoriert. Oft haben diese Frauen auch keine Schwangerschaftsbeschwerden, kaum Wehen, die Geburt geht sehr schnell.

Oft lehnt auch der Vater das Kind ab

Also werden diese Frauen dann richtig von der Geburt überrascht?

Genau, und dann befinden sie sich in einer Situation, für die sie keine Lösung haben. Wenn sie ihr Kind töten, ob aktiv oder passiv, dann ist das oft die Folge einer seit Monaten bestehenden Abwehrhaltung. Diese Frauen ziehen sich zurück und gehen in der Regel nicht zur Geburt ins Krankenhaus.

Gibt es bestimmte Muster im Leben dieser Frauen?

Das ist schwer zu sagen, auch, weil die Dunkelziffer so hoch ist und es wenige Studien gibt. Kindstötungen direkt nach der Geburt können in allen Altersgruppen vorkommen und sind immer mit einer persönlichen Konfliktsituation verbunden. Häufig haben die Frauen Persönlichkeitsprobleme oder eine Persönlichkeitsstörung mit einer ausgeprägten Fähigkeit, unangenehme Dinge auszublenden. Das bedeutet nicht, dass eine psychische Erkrankung allein ein erhöhtes Risiko mit sich bringt, sein Kind nach der Geburt zu töten. Weitere Stressoren müssen hinzukommen.

Welche Rolle spielen die Väter?

Die Kinder werden von den Vätern oft auch abgelehnt. Viele der Frauen befinden sich in einer Abhängigkeitsbeziehung zum Vater und haben Angst, dass die Partnerschaft durch die Schwangerschaft zerbrechen könnte.

Wer einen Verdacht hat, sollte die Frau darauf ansprechen

Die Möglichkeit einer Abtreibung kommt dann nicht in Frage?

Dazu muss eine Frau ihre Schwangerschaft wahrnehmen. Diese Frauen haben solche Angst, sich mit der Situation zu beschäftigen, dass die Schwangerschaft wirklich komplett verdrängt wird.

Was kann die Gesellschaft tun, um diesen Frauen zu helfen?

Hinschauen und nachfragen. Man merkt ja vielleicht, dass sich der Körper einer Frau, die man kennt, verändert und dass sie schwanger sein könnte, spürt aber auch, dass sie nicht darüber sprechen möchte. Dann sollte man dennoch nachfragen, behutsam aber. Wenn die Betreffende dann leugnet – womit zu rechnen ist – sollte man einige Zeit später noch einmal nachhaken und sich vorsichtig an das Thema herantasten. Tut man es nicht, wird man Teil der kollektiven Verdrängung. Das Wichtigste ist, dass die Öffentlichkeit versteht, was in den Frauen vorgeht und dass sie sich in einer Notsituation befindet. Das fällt sicher sehr vielen schwer. Sein eigenes Kind zu töten, ist eine der schlimmsten Vorstellungen in unserer Gesellschaft.

Von Sophie Aschenbrenner

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