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Mitteldeutschland „Die These vom kurzen Glück ist nur ein Mythos“
Region Mitteldeutschland „Die These vom kurzen Glück ist nur ein Mythos“
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23:00 29.12.2017
Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Leipzig. Hannes Zacher (38), Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Leipziger Universität erklärt, wie man sich die richtigen Vorsätze fürs neue Jahr sucht und warum es richtig und wichtig ist, seinen Kopf bis zur Rente zu martern.

Machen gute Vorsätze zu Silvester einen Sinn?

Natürlich, vor allem wenn sie spezifisch, herausfordernd und realistisch sind. Es bringt wenig zu sagen: Ich möchte im nächsten Jahr erfolgreicher bei der Arbeit sein. Besser ist es, sich beispielsweise vorzunehmen, nächstes Jahr drei konkrete Projekte durchzuführen oder fünf wissenschaftliche Aufsätze in hochrangigen Fachzeitschriften zu veröffentlichen.

Nun scheitern aber viele an dem herausfordernden Ziel, weniger zu rauchen oder zu trinken ...

„Weniger“ ist hierbei nicht spezifisch genug. Und: es ist besser, positive Ziele zu formulieren. Zum Beispiel: Ich werde im neuen Jahr dreimal in der Woche für jeweils 30 Minuten sportlich aktiv sein. Vermeidungsziele sind tatsächlich schwieriger zu erreichen.

Umfragen zeigen, dass die Deutschen – trotz Wutbürgertums – zufrieden sind. Wie ist das zu interpretieren?

Wir stellen seit Jahrzehnten fest, dass die meisten Menschen alles in allem mit ihrem Leben zufrieden sind. Zwischen 70 bis 80 Prozent sind zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Interessant ist, dass die meisten Menschen einen bestimmten Punkt der Zufriedenheit haben, auf den sie immer wieder zurückkehren. Wir nennen das Set-Point. Nach einschneidenden Lebenserfahrungen wie Trennungen, Tod von nahestehenden Menschen oder Arbeitsplatzverlust kann es sein, dass die Zufriedenheit zurückgeht. Später kehren die meisten Menschen aber wieder zu ihrem Set-Point zurück.

Der Set-Point ist bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich?

Richtig. Meistens wird Lebenszufriedenheit auf einer Skala von null bis zehn gemessen. Der Set-Point der meisten Menschen liegt zwischen sechs und acht. Natürlich gibt es Phasen in Beruf und Familie, in denen es weniger harmonisch läuft, aber langfristig kehrt man immer wieder zu diesem Set-Point zurück. Häufen sich jedoch die negativen Lebensereignisse, kann es auch passieren, dass die Rückkehr zum Set-Point nicht mehr erfolgt und die Zufriedenheit auf einem niedrigeren Stand verbleibt.

Kann man den Set-Point beeinflussen?

Er ist zum Teil genetisch bedingt, aber man kann ihn auch beeinflussen. Entweder, indem man sein Leben selbst fundamental umstellt oder auch durch Beratung und Psychotherapie. Beispielsweise können Menschen durch kognitive Umstrukturierung lernen, Ereignisse konstruktiver zu bewerten.

Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern?

Ja, generell sind Menschen in Ländern, in denen die objektiven Lebensumstände gut sind, zufriedener. Es gibt aber auch Ausnahmen: Costa Rica beispielsweise. Dort geht es den Menschen nicht besser als in Deutschland. Sie sind aber trotzdem zufriedener.

Was spielt neben den Lebensumständen noch eine Rolle?

Soziales Engagement und Selbsterfüllung beispielsweise kommen noch hinzu. Auch da steht Deutschland gut da. Ich denke an Nachbarschaftshilfe, Vereinsarbeit und Unterstützung für Flüchtlinge. Interessanterweise hängen Tätigkeiten, bei denen Menschen etwas an andere geben, am stärksten mit Zufriedenheit zusammen. Das grundlegende Bedürfnis des Altruismus wird dabei bedient. „Geben ist seliger als nehmen“, sagt die Bibel dazu. Die Forschung bestätigt das.

Ist die Bibel also eine Handlungsanweisung, um glücklich zu werden?

Zumindest sind religiöse Menschen generell zufriedener mit ihrem Leben. Interessanterweise sind auch politisch konservative Menschen zufriedener mit ihrem Leben, was zu einem Großteil wiederum mit ihrer Religiosität zu tun hat, aber auch mit den materiellen Lebensumständen.

Wenn man das zu Ende denkt, wäre der CSU-Wähler glücklicher als der Linke-Wähler?

Richtig.

Wie wollen Sie das beweisen?

Das wird über große Bevölkerungsstichproben ermittelt. Dabei gibt es auch den Erklärungsansatz, dass das etwas mit sozialen Beziehungen zu tun hat. Religiöse Menschen legen eher den Schwerpunkt auf soziale Beziehungen in der Familie, in der Nachbarschaft und in der Kirchengemeinde.

Was ist denn Zufriedenheit und was ist Glück?

Zufriedenheit ist, wenn man nach Betrachtung seiner objektiven Lebensumstände zu dem Schluss kommt: „Das ist so in Ordnung. Mehr erwarte ich auch nicht.“ Glück hingegen geht noch darüber hinaus und meint so etwas wie Bedeutsamkeit. Man verspürt das Gefühl, dass man an seinen Aufgaben wächst, in seiner Tätigkeit aufgeht und dass man anderen helfen kann.

Wie lang kann das Glück halten?

Das ist ganz unterschiedlich. Die These, dass Glück nur für kurze Momente anhält, ist aus meiner Sicht ein Mythos. Glück kann durchaus auch über einen längeren Zeitraum hinweg stattfinden. Zum Beispiel einen Urlaub lang oder auch – rückblickend – eine ganze Lebensphase. Viele Leute erleben ihren Alltag dabei anders als bestimmte Phasen im Rückblick. Studien zeigen, dass die Zeit, in der Kinder erzogen werden, unmittelbar als recht anstrengend eingeschätzt wird. Fragt man dann aber ältere Menschen später, welches die glücklichste Phase in ihrem Leben war, kommt oft: „Die Zeit, in der die Kinder klein waren.“

Also verbirgt sich das Glück auch ein Stück weit vor seinem Besitzer?

Absolut. Wir filtern unsere Erinnerungen. Im Rückblick gibt es einen Selektionsprozess, durch den wir uns vor allem an die glücklichen Momente in unserem Leben erinnern. Studien ergaben, dass ältere Leute oft ihre Jugend und junge Erwachsenenzeit als die glücklichste in ihrem Leben betrachten. Wahrscheinlich wird die Phase zwischen Anfang 20 und Ende 30 besonders gut erinnert, weil sie in der Regel besonders viele intensive Ereignisse beinhaltet: die Ausbildung, der erste Job, die Gründung einer Familie.

Glück kann man doch auch ganz unmittelbar empfinden?

Wenn man einen glücklichen Tag hatte und das Gefühl, man konnte etwas für andere tun oder hat selbst Unterstützung erhalten, dann ist das den meisten Menschen auch bewusst.

Aber es wird auch schnell wieder verdrängt?

Richtig. Das unmittelbare Glückserleben ist tatsächlich flüchtig. Wer erinnert sich schon heute noch daran, wie er Weihnachten vor zehn Jahren verbracht hat? Dagegen bleiben längere glückliche Phasen eher im Gedächtnis.

Sie beschäftigen sich insbesondere mit Arbeitsprozessen. Ist die Digitalisierung nun eher ein Glück, weil man beispielsweise in Ruhe im Home-Office arbeiten kann, oder ein Unglück, weil dadurch soziale Kontakte wegfallen?

Das ist tatsächlich ein zweischneidiges Schwert. Man kann es mit der Einführung der Computer vor 30 Jahren vergleichen. Da ist auf der einen Seite eine große Herausforderung für Arbeitnehmer, sich an die neuen Systeme anzupassen. Auf der anderen Seite bietet die Digitalisierung auch Chancen. Sie ermöglicht beispielsweise fernab des physischen Arbeitsplatzes zu arbeiten. Die Komplexität der Arbeit steigt – auch in relativ einfachen Tätigkeiten, bei denen technische Geräte zum Einsatz kommen. Da wird der erforderliche Lernaufwand zunächst als anstrengend empfunden. Aber wenn die Technik dann eingeführt ist, kann sie den Arbeitsalltag erleichtern.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Komplexität und Glück?

Generell ist es so, dass komplexere Tätigkeiten, die mehr Entscheidungen erfordern und auch mehr Entscheidungsfreiheit bieten, zufriedenstellender sind. Tätigkeiten, bei denen man etwas dazulernen kann, sind eher mit Glücksgefühlen verbunden.

Wieso leistet sich die Uni Leipzig so eine Forschung?

Ich bin Arbeits- und Organisationspsychologe und erforsche menschliches Erleben und Verhalten in der Arbeitswelt, von Einzelpersonen, in Teams und im Kontext von Organisationen. Das ist wichtig, weil die meisten Menschen den Großteil ihrer Wachzeit auf Arbeit verbringen und durch ihr Engagement wesentlich zum Erfolg von Unternehmen und Volkswirtschaften beitragen. Wir erforschen beispielsweise, wie Arbeitsplätze gestaltet sein sollten, und was Menschen bei der Arbeit selbst tun können, um zufrieden, gesund, motiviert und produktiv zu sein und zu bleiben.

In ihrer Antrittsvorlesung am 30. Januar geht es um „Erfolgreiches Altern im Arbeitskontext“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Das kann objektiv ein angemessenes Einkommen bis zur Rente bedeuten, aber subjektiv auch, dass man Zufriedenheits- und Glücksgefühle bei der Arbeit aufrecht erhält oder sogar steigert. Wir erleben bei einigen Menschen, dass die Motivation mit der abnehmenden Zeitperspektive schwindet. Es gibt aber auch Leute, die sind mit ihrer Arbeit sehr zufrieden und hängen sogar noch ein oder mehrere Arbeitsjahre hintenan. Mich interessiert, welche Faktoren erfolgreiches Altern vorhersagen.

Also sollte man kurz vor der Rente noch einmal neue Projekte in Angriff nehmen?

Ich kann das nur empfehlen. Man investiert zwar Zeit und Energie, aber Arbeit kann sich auch über den Renteneintritt hinaus positiv auswirken. Personen, die in komplexen und herausfordernden Tätigkeiten gearbeitet haben, bleiben geistig länger fit. Der mögliche Eintritt einer Alzheimererkrankung wird weiter nach hinten verlagert.

Wie können Unternehmen das beeinflussen?

Ich schaue mir in meiner Forschung an, was Arbeitgeber tun können, damit jemand erfolgreich altern kann. Beispielsweise sollten Unternehmen die unterschiedlichen Stärken von älteren Mitarbeitern anerkennen und besser auf deren Bedürfnisse eingehen. Während bei Jüngeren häufig die Kinder im Mittelpunkt stehen, kann es bei Älteren beispielsweise um die Pflege eines Angehörigen gehen. Da muss der Arbeitgeber das Gefühl vermitteln, dass beide Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen sind.

Was gehört noch zum erfolgreichen Altern?

Es gibt verschiedene Ebenen. Auf der Verhaltensebene geht es darum, was der Arbeitnehmer selbst tun kann, damit seine Zufriedenheit aufrechterhalten wird. Beispielsweise können ältere Mitarbeiter neue Herausforderungen annehmen und belastende Anforderungen reduzieren, um die Arbeit besser den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Dann gibt es die Tätigkeitsebene. Die fragt nach, wie Jobs beschaffen sein müssen. Die Team- und Führungsebene sind weitere Aspekte. Häufig werden ja Vorgesetzte als Überbringer schlechter Nachrichten wahrgenommen, dabei könnten sie viel dafür tun, damit ihre Mitarbeiter gesund und erfolgreich altern, indem sie beispielsweise als Vorbilder agieren und individuell auf ihre Mitarbeiter eingehen.

Das ist die Theorie. In der Praxis kaufen Arbeitgeber aber eher Flachbildschirme, bevor sie ins Humankapital investieren…

Ein solchen Vorgehen wird sich langfristig rächen. Die Mitarbeiter sind das wertvollste Kapital eines Unternehmens. Wer in dieses Kapital investiert, wird am Ende immer besser dastehen. Die Mitarbeiter sorgen für den Erfolg des Unternehmens – auch weit über das Kerngeschäft hinaus. Nehmen Sie doch nur die gerade vergangenen Weihnachtsfeiertage. Da sprechen Menschen mit ihren Verwandten und Freunden über ihre Arbeit und das Unternehmen. Das trägt letztendlich auch zu dessen Reputation und Erfolg bei.

Von Roland Herold

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