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Mitteldeutschland Die Zeit der großen Unsicherheit
Region Mitteldeutschland Die Zeit der großen Unsicherheit
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06:00 27.07.2018
Als Panzerabwehr-Soldat gehörte Claus Vieweger (hinten links) im Sommer 1968 zur 11. MSD der NVA. Seine Einheit mit dem Standort in Halle lag vor 50 Jahren in Alarmbereitschaft im Vogtland an der Grenze zur Tschechoslowakei. Quelle: privat/ Claus Vieweger
Leipzig/Adorf

Und wieder so ein gewöhnlicher Nachtalarm? Als in den frühen Morgenstunden des 28. Juli 1968 die Sirene durch die Regimentskaserne der 11. Motorisierten Schützendivision (MSD) der Nationalen Volksarmee (NVA) in Halle heult, denkt sich Claus Vieweger (heute 68) nichts Besonderes. Der Soldat aus dem vogtländischen Adorf, der im Frühjahr 18 geworden ist und die sechswöchige Grundausbildung zum Panzerabwehr-Kanonier gerade hinter sich hat, glaubt an eine ganz normale Alarmübung. Schon ein bisschen Routine, alles nicht so dramatisch, am Mittag wird er wieder in der Kaserne in der halleschen Reilstraße sein, so seine Gedanken. 50 Jahre später sitzt Vieweger in seiner Wohnung in Adorf und erinnert sich noch einmal an diese Nacht, die sein NVA-Leben in den nächsten drei Monaten dramatisch verändern wird.

Claus Vieweger Quelle: André Böhmer

„Wir sind dann ewig auf dem Mannschaftswagen gefahren, immer auf der Autobahn. Spätestens da wurde uns klar, dass wir eine besondere Situation hatten, dass es eben doch keine übliche Alarmübung war“, erzählt der sportlich wirkende sächsische Rentner. Nach stundenlanger Fahrt heißt es Absitzen und Zelte aufbauen. Die Offiziere sind nervös, wirken bedrückt (siehe Text unten), Informationen gibt es keine. Aber einer aus Viewegers Einheit weiß, wo sie sind – im Raum Kahla (damals Bezirk Gera, heute Thüringen, Anmerk. d. Red.). „Weil wir alles nicht ernst genommen hatten, war auch die Ausrüstung ziemlich spärlich“, sagt Vieweger. Das logistische Problem wird schnell gelöst. Alles, was zu einem längeren Feldlager gehört, wird aus Halle nachgeholt, das zur 11. MSD gehörende Regiment aus der Saalestadt wird Ende Juli 1968 komplett in den Großraum um das Hermsdorfer Autobahnkreuz verlegt.

Schweigsame Offiziere, unruhige Truppe

Für Vieweger und die anderen Soldaten beginnt jetzt die Zeit der großen Unsicherheit. „Die Offiziere gaben sich schweigsam, die Unruhe in der Truppe war spürbar.“ Der Buschfunk funktioniert wenn überhaupt, dann nur spärlich.Vom Prager Frühling im Nachbarland Tschechoslowakei haben die Soldaten kaum etwas mitbekommen. Was sich exakt in diesen Tagen rund um ihre NVA-Division abspielte, sollten sie erst gut 20 Jahre später nach dem Fall der Mauer durch die Forschung von Militärhistorikern erfahren. Demnach sollte die NVA-Einheit aus Halle (9000 Mann) mit der 7. Panzerdivision aus Dresden (7000 Mann) an der Seite der Waffenbrüder aus dem Warschauer Pakt in den nordtschechischen Raum vorstoßen und mit der Invasion den sozialistischen Reformversuch gewaltsam beenden. Für die 11. MSD war schon konkret der Raum Karlsbad vorgegeben, der besetzt werden sollte.

Zusammenhalt unter den Soldaten

Dass es – entgegen anderslautenden Berichten im Westen und in der DDR – nie dazu kam und der geplante NVA-Aufmarsch in die Tschechoslowakei nicht stattfand, ist historisch verbürgt. Über die Gründe gibt es verschiedene wissenschaftliche Aussagen. Der Potsdamer Militärhistoriker Rüdiger Wenzke wies in einem früheren LVZ-Interview darauf hin, dass sich die Besetzung der nördlichen CSSR als unnötig erwiesen habe, weil der militärische Vorstoß auf Prag durch die Sowjetarmee schon entscheidend gewesen sei. Zudem, so Wenzke, habe es bei Moskau-hörigen tschechischen Gegnern des Prager Reformkurses moralische Bedenken gegen den NVA-Einsatz gegeben. Es herrschte die Sorge, dass Parallelen zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1939 in Böhmen und Mähren gezogen werden könnten.

Claus Vieweger Quelle: privat/ Claus Vieweger

Von all diesen strategischen Gedanken und Planspielen der Sowjetunion und ihrer Verbündeten konnten Claus Vieweger und die anderen NVA-Soldaten aus dem halleschen Regiment der 11. MSD damals freilich nichts wissen. Ihr Alltag ist im Sommer 1968 geprägt von Verunsicherung und dem großen Warten. „Wir haben mehr oder weniger den ganzen Tag nichts gemacht“, sagt der Vogt­länder. Immer die gleichen Rituale mit Wachen, Waffenpflege und Essen, aber nichts passiert. Bemerkenswert sei freilich gewesen, dass es die in der NVA berühmt-berüchtigte EK-Bewegung (Druck der Länger-Gedienten auf neue Soldaten) in diesen Wochen nicht mal im Ansatz gegeben habe. „Die normalen Soldaten fühlten sich unabhängig von den Dienstmonaten alle gleich, wir hielten in diesen bangen Wochen zusammen.“ Und die Rote Armee, von der man ja irgend- wie ahnte, dass die eigene Alarm­bereitschaft mit ihren militärischen Aktionen in Verbindung stand, habe man maximal an einigen Kreuzungen wahrgenommen.

Auf dieser Karte von 1968 ist die Stoßrichtung der 11. MSD zu erkennen. Sie wäre im Falle eines Falles bis Karlovy Vary und Plzen einmarschiert. Quelle: Bundesarchiv

Knapp drei Wochen lagert Vieweger mit seiner Einheit im Raum Kahla, dann kommt für den Panzerabwehr-Soldaten mit seinen Kameraden der nächste Marschbefehl. Als ihm klar wird, wohin es geht, kann er es kaum glauben. Der Adorfer kehrt zurück ins Vogtland – in den Raum Hermsgrün. Für einen Volksarmisten ist der „Heimatbesuch“ in diesen Tagen wie ein kleiner Lottogewinn. Am 17. August 1968 fährt er mit einem G-5-Laster und angehängtem 85mm-Panzerabwehrgeschütz vor seinem Elternhaus in der Häßlerstraße in Adorf vor, den Fahrer hatte er zu dem kleinen „Umweg“ überredet. Seine Eltern sind überwältigt, freuen sich, den NVA-Sohn wieder zu Hause zu sehen. Der geheime Abstecher nach Adorf bleibt ohne Folgen, die Kameraden halten dicht, eine Lkw-Panne hatte zuvor die ungewöhnliche Einzelfahrt außerhalb des üblichen Konvois möglich gemacht.

Trotz Adorf, Vogtland und Heimatgefühlen – die Unsicherheit sitzt bei Soldat Vieweger weiter tief. „Uns wurde langsam klar, dass wir uns an der Grenze auf den Ernstfall vorbereiten“, sagt er. Wirklich Angst hätten aber nur die Offiziere gehabt. Vielleicht, weil einige mehr wussten als die normalen Soldaten.

Sowjet-Invasion rollt über die Grenze

In der Nacht zum 21. August 1968 wird es dann brenzlig, die Weltpolitik erreicht das Vogtland. Sowjetische Truppen rücken vom Raum Adorf und Bad Brambach in die Tschechoslowakei vor. Die Niederschlagung des Prager Frühlings beginnt. Das gleiche Invasions-Szenario erleben an diesem Tag viele erzgebirgische Grenzorte von Pöhla bis Dippoldiswalde. Die Panzer der Roten Armee rollen – ihr Ziel heißt Prag. Doch entgegen den Ängsten der NVA-Soldaten erhält die 11. MSD keinen Einsatzbefehl und bleibt nur in Bereitschaft. Die Einheit mit Claus Vieweger wird im September zurück in den Raum Auerbach verlegt, nach drei Monaten geht es im Oktober wieder in die Kaserne nach Halle. „Zum Glück waren wir nur am Rand beteiligt“, lautet Viewegers Bilanz für den Sommer 1968. „Für unser Gewissen war es besser so.“ Er ist sich aber noch heute sicher, was passiert wäre, wenn Moskau auf dem NVA-Einmarsch bestanden hätte. „Wir hätten mitgemacht, Befehl war schließlich Befehl.“

Von André Böhmer

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