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Mitteldeutschland Dresdner Tankwartin hat seit 25 Jahren ein offenes Ohr für Autofahrer
Region Mitteldeutschland Dresdner Tankwartin hat seit 25 Jahren ein offenes Ohr für Autofahrer
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22:00 23.07.2018
Tankwartin Kerstin Mayer liebt ihren Job. Die 52-Jährige bedient an der Shell-Tankstelle in der Leipziger Straße in Dresden. Sie hilft Behinderten, Fahranfängern und Leuten mit komplizierten Neuwagen. Quelle: Foto: Theresa Held
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Dresden

„Vor 21 Jahren habe ich meinen Mann hier kennengelernt”, erzählt Kerstin Mayer. Die Hände hat sie in die Seiten gestemmt, aus ihrer Jeanstasche spitzeln Arbeitshandschuhe, ihr Blick schweift zu den Zapfsäulen. „Er kam regelmäßig, dann immer öfter”, erinnert sich die heute 52 Jahre alte Tankwartin. „Meine Offenheit hat ihm wohl gefallen”, lacht die Radebeulerin. Bis heute prüft sie den Ölstand am Auto ihres Mannes.

Mayer steht an der Shell-Tankstelle. Ein schwarzer BMW steht an einer Zapfsäule im Dresdner Ortsteil Pieschen. Die Tankwartin krempelt die Ärmel hoch. Sie kennt das Paar, dem das Auto gehört. Die beiden essen in der Tankstelle, während Mayer die Scheibe wischt. Jeder Wagen müsse anders geputzt werden, erklärt sie und trocknet den Abzieher mit einem Papiertuch. „Bei bestimmten Männern ist es schon viel, wenn man ans Auto darf”, erzählt sie grinsend.

Mit Sachkenntnis gegen Sexismus

Vor 25 Jahren hat Mayer in Chemnitz eine Ausbildung zur Fahrzeugpflegerin gemacht. Schon als Kind half sie ihrem Vater in der Autowerkstatt, ihre beiden Brüder interessierten sich nicht dafür. „Während der DDR hat mich der Tankwart am Nürnberger Ei in der Dresdner Südvorstadt immer fasziniert, wie er die Scheiben putzte”, erinnert sich Mayer. Seit 23 Jahren arbeitet sie an der Tankstelle in der Leipziger Straße in Dresden. „Die Leute hier kennen mich alle”, sagt sie. Shell schulte die herzliche, quirlige Frau vor elf Jahren zur Tankwartin.

Denn das Unternehmen führte 2005 einen Tankwart-Service ein. Mittlerweile gebe es das Angebot in der Republik an 500 von insgesamt 2000 Shell-Tankstellen, so Cornelia Wolber, Sprecherin des Unternehmens. In Sachsen und Sachsen-Anhalt gibt es an etwa 60 Stationen Tankwarte. „Der Service ist ein Alleinstellungsmerkmal von Shell”, betont Wolber. Total oder Aral etwa beschäftigen keine Tankwarte.

Frauen sind in dem technischen Beruf in der Unterzahl. Immer wieder müsse sie sich behaupten, sagt Mayer. Meist überzeugt sie mit ihrer Sachkenntnis: „Ich weiß, welches Auto welches Motoröl benötigt.” Damit gewinnt die Tankwartin auch das Vertrauen von Männern, die ihr Herzstück ungern Fremden übergeben. Hin und wieder höre sie auch sexistische Kommentare. Dann kontert Mayer geschickt, lässt sich nicht ärgern. Wenn etwa jemand anmerkt, sie könne später bei ihm zuhause weiter putzen, antwortet sie cool, dass es bei ihr auch noch Fenster zu wischen gebe und derjenige das gerne erledigen könne. „Ich arbeite mit dem Kunden”, sagt Mayer selbstbewusst. In den vergangenen 25 Jahren ist sie damit ganz gut gefahren. Und da immer mehr Elektrik in den Autos verbaut wird, sei ihr Beruf nach wie vor wichtig. Bis heute gibt es die Berufsausbildung zum Tankwart. Sie dauert in der Regel drei Jahre, die Zahlen der Auszubildenden sind aber nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung rückläufig.

Montag bis Freitag, von 10 bis 18.30 Uhr, putzt Mayer Autos, füllt AdBlue-Flüssigkeit nach, tankt, prüft den Ölstand und wechselt hin und wieder eine Glühbirne. Einige Autobesitzer vertrauen Mayer den Wagenschlüssel an, während sie selbst einen Kaffee trinken.

Rollstuhlfahrer kämen gezielt an die Tankstelle in Pieschen, weil sie nicht aussteigen müssen, erzählt Mayer. Ab und zu ließen sich auch Fahranfänger beraten. Ihnen erklärt sie die unterschiedlichen Flüssigkeiten im Motorraum und zeigt ihnen, wie sie am besten tanken. Der Service ist kostenlos, das Trinkgeld wird unter allen Angestellten der Tankstelle aufgeteilt.

Wirtschaftlich rechnet sich Tankwartin

Mit einem Lächeln schlendert Meyer zu einem ihrer Stammkunden. Enrico Dezulian wohnt in der Nähe, kauft jeden Tag seine Zigaretten in der Tankstelle. Heute bittet er die Tankwartin, die Kühlflüssigkeit im Auto nachzufüllen. Mayer kontrolliert gleich noch den Ölstand, während der 39-Jährige zahlt. Gewissenhaft lässt sie ihn nachprüfen, dass der Öldeckel auch wirklich verschlossen ist. „Ich vertraue ihr”, lobt der großgewachsene Mann. Als Mayer freundlich lächelnd zum nächsten Auto schlendert und im Kopf den Motortyp bestimmt, prüft sie wie automatisch die Stopper an den Zapfhähnen.

„Sie ist die gute Seele der Station”, sagt Tankstellenleiterin Susanne Gäbler, die Chefin der Tankwartin. Gerade Fahrer neuer Autos wüssten häufig nicht, dass ihr Fahrzeug AdBlue benötigt. Auch von Scheibenwischwasser hätten viele noch nie gehört. Über 25 Kunden versorgt die 52-Jährige jeden Tag. „Frau Mayer kann sich Gesichter sehr gut merken. Sie spricht die Leute dann auch so an”, erzählt Gäbler voller Bewunderung und ist froh um die Kundenbindung. Wirtschaftlich rechnet sich das Angebot: Die Tankstelle verkaufe mehr Öl als andere, weiß die Stationsleiterin. „Ich komme, weil ich hier Service antreffe”, erklärt eine 60-jährige Autofahrerin, die wegen Gelenkproblemen auf Hilfe angewiesen ist. Mayer wechselt im Motorraum des Fahrzeugs der Stammkundin das Öl.

Autokontrolle vor der Urlaubsfahrt

Die Tankwartin bietet ihre Dienstleistung unaufdringlich an. „Hier kommen junge und alte, arme und reiche Menschen”, schwärmt sie. Mal schneie eine Familie herein, die in den Urlaub fährt, dann prüft sie mit geschultem Blick den Reifendruck und schaut, dass das Gepäck sicher gestapelt ist. Sie frage auch, wo denn die Warnwesten verstaut sind, „denn die sollten am besten griffbereit liegen.” Einige Kunden zahlen bei Mayer sogar bar an der Zapfsäule, im Normalfall begleichen sie die Rechnung aber an der Kasse.

Die Tankwartin kann stundenlang von ihrem Beruf erzählen. Von kalten Stunden im Winter, von Mietwagenfahrern, denen die falschen Fahrzeugpapiere übergeben wurden, von Menschen, die sie mit einer einzigen Geste dazu bringt ihre Zigarette beim Tanken sofort wieder zu löschen. Mayer liebt die Arbeit mit den Menschen. „Ich möchte einfach gern Service leisten”, sagt sie. Währenddessen beobachtet sie den nächsten Wagen, der zur Zapfsäule rollt und geht im Geist die technischen Besonderheiten durch.

Von Theresa Held

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