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Einer, der Buchenwald überlebte: Thüringen plant Festakt für früheren KZ-Häftling Brazda

Einer, der Buchenwald überlebte: Thüringen plant Festakt für früheren KZ-Häftling Brazda

Mit dem rosa Winkel am Sträflingsanzug stand Rudolf Brazda im KZ Buchenwald weit unten in der Lagerhierarchie. Vor knapp 100 Jahren bei Altenburg geboren, gehörte er zu den wenigen homosexuellen Überlebenden des NS-Terrors.

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Rudolf Brazda (l.) im Jahr 2008 mit Berlines Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Denkmal für die zur NS-Zeit verfolgten Homosexuellen.

Quelle: Alexander Zinn

Weimar. Thüringens Regierung würdigt den Mann, der bereits vor zwei Jahren starb, nun mit einem offiziellen Gedenkakt in Weimar.

Als heute vor 68 Jahren das Konzentrationslager Buchenwald von der US-Armee befreit wurde, kroch Brazda aus seinem Versteck im Schweinestall hervor. Er hatte überlebt - den Steinbruch, den Hunger, den Lagerterror. Zwei Jahre und drei Monate hing sein Schicksal am seidenen Faden. Als Schwuler galt er nach dem berüchtigten Paragrafen 175 als Gefahr für die Gesundheit des nationalsozialistischen Volkskörpers. Mehr als 400 homosexuelle Männer starben in Buchenwald, schreibt Brazdas Biograf Alexander Zinn.

Lange wurde das Thema tabuisiert. "Eine Anerkennung als Verfolgte blieb den Homosexuellen ebenso versagt wie eine angemessene Entschädigung", so Zinn. Als erstes Bundesland ergreift Thüringen nun die Initiative. Nicht versteckt, sondern mit einem Gedenkakt im Nationaltheater Weimar erinnert Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) am 23. Juni zum 100. Geburtstag von Brazda an die Opfer in Buchenwald. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) steht auf der Rednerliste, auch Berlins bekennender schwuler Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat zugesagt. Es ist das erste Mal, dass auf höchster politischer Ebene - noch dazu in einem CDU-geführten Bundesland - ein Rosa-Winkel-Häftling offiziell gewürdigt wird.

Brazda führte ein fast romanhaftes Leben. Als Kind tschechischer Einwanderer wurde er am 26. Juni 1913 in Brossen bei Meuselwitz geboren. Mit 20 hatte er sein Coming-Out und lernte seine große Liebe Werner kennen. Sie zogen in eine gemeinsame Wohnung in Meuselwitz - ungewöhnlich genug - und amüsierten sich in Leipziger Klubs wie dem "New York". Im Frühjahr 1937 erreichte Altenburg eine erste Verhaftungswelle. Brazda musste sechs Monate ins Gefängnis. Er habe die "Seuche der widernatürlichen Unzucht" verbreitet - positiv angerechnet wird ihm, dass er Werner treu war. Nach Tschechien abgeschoben, tingelt er als Josephine-Baker-Imitator tanzend durch die Lokale in Karlsbad. Als Brazda erneut verurteilt wird, landet er 1942 in Buchenwald und bekommt als Erkennungszeichen den rosa Winkel.

"Neben den jüdischen Häftlingen, den Sinti und Roma haben die Homosexuellen den schlechtesten Status", sagt Zinn. Doch Brazda steht als Puppenjunge ­- wie es im Lagerjargon heißt - unter dem Schutz eines Aufsehers. Nach der Befreiung zieht er nach Frankreich, wo er über 50 Jahre lang mit einem neuen Partner lebt. In Deutschland werden noch bis 1969 über 50000 Männer nach dem NS-Paragrafen verurteilt.

Brazdas einziges Andenken an Buchenwald ist ein Tranchiermesser. Dieses Messer besitzt er noch immer als Zinn und sein Kamerateam 2009 ihn im Elsass aufspüren. Regisseur Holger Wittekindt: "Er hatte sogar das Haus neu angestrichen, weil er so aufgeregt war. Er hat für uns gekocht und mit dem Messer, das er aus Buchenwald mitgenommen hat, schälte er Kartoffeln." Da sei er recht unsentimental gewesen: "Buchenwald war für ihn kein Tabuthema. Für ihn ist das klar ein Verbrechen, aber er sagte auch, das ist lange her und danach hatte ich ein sehr reiches Leben."

Gemeinsam besuchen sie mit dem damals 96-Jährigen Buchenwald, Brossen und Meuselwitz. Im Altenburger Schloss entdecken sie seine Gerichtsakte. "Plötzlich fällt ein Brief seiner Mutter aus der Akte. Dieser Brief war abgefangen worden. Den hatte Brazda nie bekommen", erzählt Wittekindt von dem bewegenden Moment. Aus dem Filmmaterial soll kein "schwuler Film" werden, sondern das Porträt eines ungewöhnlichen Überlebenskünstlers. "Brazda hat gezeigt, wie man im Leben immer den Kopf hoch hält und aus der Schlinge zieht", sagt Wittekindt bewundernd. Im Ausland sei er weitaus bekannter als in Deutschland - Frankreichs Ex-Präsident Nikolas Sarkozy ernannte ihn zum Ritter der Ehrenlegion. Leider komme die Ehrung in Thüringen für Brazda, der vor zwei Jahren starb, zu spät, sagt Biograf Zinn. "Dennoch freue ich mich, dass es jetzt überhaupt klappt. Es war ein mühsamer Prozess."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.04.2013

Robert Büssow

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