Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland „Elli“ legt Erreger in Impfstoff lahm – Arzneimittelhersteller scharf auf sächsische Erfindung
Region Mitteldeutschland „Elli“ legt Erreger in Impfstoff lahm – Arzneimittelhersteller scharf auf sächsische Erfindung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 26.09.2018
Fraunhofer-Institut Leipzig: Wissenschaftlerin Jasmin Fertey stellt eine Flüssigkeit in die Apparatur mit der Kurzbezeichnung „Elli 300“. An ihrer Seite Forscher Thomas Grunwald (l.) und Sebastian Ulbert. Quelle: Michaela Grunert/Fraunhofer-Institut
Leipzig

Wer Elli hört, denkt unweigerlich an die magischen Abenteuer, die Elli in „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ mit Scheuch und dem Löwen erlebt. Mit dem kleinen schlanken Mädchen aus Alexander Wolkows Märchen hat die Elli im Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) auf den ersten Blick aber so gar nichts gemein. Denn „Elli 300“ hat gut die Ausmaße eines Kleincontainers, besteht aus Stahl und jeder Menge Elektronik. Was der klobige Kasten allerdings alles kann, grenzt schon ein wenig an Magie.

Wissenschaftler Sebastian Ulbert schmunzelt über Vergleiche dieser Art. Elli sei ein Kind der Forschung, sagt der 47-jährige Immunologe am IZI, also von Menschen erdacht, gebaut und programmiert. Die Abkürzung Elli steht für Electron Irradiation of Liquids (Elektronenbestrahlung von Flüssigkeiten) und 300 für 300 Kiloelektronenvolt. Dank der Technik können Viren und andere Krankheitserreger beispielsweise für die Impfstoffproduktion ausgeschaltet werden. „Somit lassen sich wirksamere, sicherere und zudem kosteneffizientere Impfstoffe herstellen.“

1,85 Millionen Dollar für Entwicklung

Vor mehr als drei Jahren bewarb sich Ulbert mit seinem Team um Fördergelder für das Projekt. Die Bill & Melinda Gates Stiftung erkannte das Potenzial und machte für die Entwicklung 1,85 Millionen Dollar locker. Dass man – zumal als Nichtamerikaner – den Zuschlag bekommen hat, sei ein riesiger Erfolg, heißt es am IZI.

Die Entwicklung und der Aufbau des ersten Prototyps sind jetzt abgeschlossen. Erste Tests verliefen sehr erfolgreich. Die Fraunhofer-Forscher sind dabei, die Technik zu automatisieren und die Anlage deutlich zu verkleinern. Ellis Schwestern, so das Ziel, sollen die Größe eines Gefrierschranks haben, wodurch sie mühelos in den Laboren der Arzneimittelhersteller zum Einsatz kommen könnten.

Erreger werden mit nieder-energetischen Elektronen attackiert

Die Demonstration der Technik fällt kurz aus. Thomas Grunwald und Jasmin Fertey, zwei Mitarbeiter des Forschungsteams, öffnen eine Stahlkassette, positionieren darin eine Erreger-Flüssigkeit und verschließen das Ganze wieder. Dann verschwindet die Stahlkassette in einem dick ummantelten Schrank, ebenfalls aus Stahl, und wird bestrahlt. „Wir attackieren die Erreger jetzt mit nieder-energetischen Elektronen“, erklärt Abteilungsleiter Ulbert. Da diese Strahlen nur wenige Zehntelmillimeter in die Flüssigkeit eindringen, erzeugen die Wissenschaftler einen dünnen Flüssigkeitsfilm, der an der Strahlenquelle vorbei geleitet wird. Kurz darauf entnimmt Forscherin Fertey die Flüssigkeit mit den inaktivierten Erregern. Ende der Vorführung.

Um das Besondere an der patentierten Erfindung zu verstehen, holt der bei München geborene Wissenschaftler etwas aus. Bisher würden zur Herstellung von sogenannten Tot-Impfstoffen, die etwa bei Grippe, Polio oder Hepatitis A gespritzt werden, um im Menschen die Bildung von Antikörpern auszulösen, toxische Chemikalien wie Formaldehyd eingesetzt. Um die Risiken für den Menschen möglichst gering zu halten, kommen die chemischen Substanzen nur stark verdünnt zum Einsatz oder müssen aufwendig aus dem Präparat entfernt werden.

Der Nachteil dabei: Die Erreger lagern zumeist mehrere Tage bis Wochen in den Chemikalien, bis sie abgetötet sind, was die Herstellung sehr aufwendig macht. Ein weiterer Nachteil: Die Chemikalien greifen die Struktur der Viren an, gegen die das Immunsystem Antikörper bilden soll. „Veränderte Viren bedeuten aber zumeist eine geringere Wirksamkeit des Impfstoffs“, erklärt Ulbert.

In ersten Tests hat Impfstoff umfassenden Schutz bewiesen

Im Gegensatz dazu bleiben bei der Bestrahlung die Strukturproteine im Impfstoff erhalten. Erkrankte können nach dem Spritzen mit bestrahlten Impfstoffen spezifischere Antikörper gegen die Erreger bilden, so die berechtigte Hoffnung der Forscher. Denn in ersten Tests bei Tieren habe der Impfstoff einen umfassenden Schutz bewiesen. Versuche, durch Bestrahlung die Erreger in Impfstoffen zu inaktivieren, sind zwar nicht neu, aber bislang nutzten Forscher dafür vor allem Gamma-Strahlen aus radioaktiven Strahlenquellen, was nur in besonders geschützten Räumen – vorzugsweise Bunkern – möglich ist. „Ein solches Verfahren ist ungeeignet für die industrielle Herstellung und zudem nicht ungefährlich für Mediziner“, meint Ulbert. Die Bestrahlung mit den niederenergetischen Elektronen sei hingegen in normalen Laboren möglich.

Die Idee dazu hatte Ulbert mit Kollegen aus Dresden. Überhaupt ist Elli 300 ein Gemeinschaftsprodukt. Neben dem IZI in Leipzig sind gleich drei weitere Fraunhofer-Institute beteiligt: das Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik (FEP) in Dresden sowie die Stuttgarter Institute für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) und für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB).

Markt für die neue Technik ist groß

Die neue Technik, darauf legt Ulbert besonderen Wert, beschränke sich nicht allein auf Impfsubstanzen. „Über die Elektronenbestrahlung können wir auch Hochsicherheitsmaterial inaktivieren, ohne es zu zerstören.“ Gemeint sind etwa Blutproben von mit Ebola-Virus infizierten Patienten. Bislang ist das Ansteckungsrisiko für Ärzte und medizinische Helfer enorm hoch, wenn sie derartige Proben untersuchen. Nach der Behandlung durch Elli könnten die Blutproben gefahrlos in normalen Laboren untersucht werden.

Der Markt für die neue Technik sei groß, sagt Thomas Tradler, Leiter des Business Development am IZI. Mehrere Arzneimittelhersteller hätten schon Interesse bekundet. Zudem stehe man im Kontakt mit verschiedenen Partnern in den USA und Kanada.

Von Andreas Dunte

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Christian Hartmann, frisch gewählter CDU-Fraktionschef in Sachsen, hat gegenüber dem MDR eine Koalition mit der AfD nicht kategorisch ausgeschlossen. Gleichzeitig betonte er, die AfD sei der politische Hauptgegner der Union.

26.09.2018

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht am 16. November Chemnitz. Nach Angaben der “Freien Presse“ wird Merkel mit Chemnitzern diskutieren. Die Details des Besuchs sind noch nicht bekannt.

26.09.2018

Am Dienstag hat die Deutsche Bischofskonferenz eine Studie zum Missbrauch von Minderjährigen durch Geistlichen vorgestellt. Auch in den mitteldeutschen Bistümern gab es zahlreiche Fälle.

25.09.2018