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Mitteldeutschland Emanuel Strubich – Avantgardist im Fels
Region Mitteldeutschland Emanuel Strubich – Avantgardist im Fels
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06:02 11.05.2018
NEU 2018 Emanuel Strubich 100 Jahre Schwierigkeitsgrad 8 Elbsandsteingebirge Sächsische Schweiz
Dresden,

Noch heute erinnern Wegbezeichnungen in der Sächsischen Schweiz an einen der besten Kletterer nicht nur seiner Zeit: Strubichrinne an der Jungfer oder Strubichweg am Falkenstein. Namensgeber ist Emanuel Strubich, der am 9. Mai – also ziemlich genau vor 100 Jahren – bei der Erstbegehung der Westkante am Wilden Kopf weltweit erstmals den Schwierigkeitsgrad VIII auf der sächsischen Skala erreicht. Wer war dieser Mann?

Geboren wird er 1887 in Teplitz in der Nähe von Tetschen (heute Decin) im damaligen Österreich-Ungarn. Im Gegensatz zu vielen anderen Bergsteigern der Region, die aus eher besseren gesellschaftlichen Schichten kommen, sieht man ihm die ärmlichen Verhältnisse an, als der gelernte Schneider um 1915 erstmals in den Blickpunkt der Szene im Elbsandsteingebirge gerät: armselige Schuhe, ein Rucksack, der den Namen kaum verdient sowie wildes, schwarzes Haar. Er ist und bleibt ein schweigsamer Einzelgänger, der sich nur wenigen Bergkameraden öffnet. Er findet wenig Anstellung, sodass er meist als Bergvagabund unterwegs ist. Wohl ab 1912 wohnt er in Dresden bei seiner Halbschwester Bertha, sein erster Eintrag in ein Gipfelbuch datiert aus demselben Jahr.

Emanuel Strubich am Felsen mit dem Namen „Tante“ im Jahr 1920. Quelle: Sammlung Joachim Schindler

Die Vorbehalte einiger ob seiner Armut spornen den Endzwanziger zu enormen Leistungen an. Zusammen mit seinem Mentor Otto Jüngling schafft er im Frühjahr 1916 die erste Begehung der Nordwand am Kreuzturm und im Sommer desselben Jahres die erste Besteigung der Raaber Säule – als Solist. Nur knapp zwei Jahre später gelingt ihm – dem ein „äußerst eleganter Kletterstil“ nachgesagt wird – am 9. Mai 1918 als Vorsteiger zusammen mit Arno Sieber und Kurt Eisold eine auch aus heutiger Sicht noch unglaubliche Leistung: die Erstbegehung der Westkante am Wilden Kopf – ohne fest installierte Sicherungspunkte. Die gewählte Route beschreiben Insider als „eine ausgesetzte Wand- und Reibungskletterei“ – die Erste im Schwierigkeitsgrad VIII. Heutzutage helfen bei der Begehung zwei nachträglich angebrachte Sicherungsringe.

„Emanuel Strubich war seiner Zeit weit voraus und ein Ausnahmetalent“, würdigt Bergsteigerlegende Reinhold Messner auf LVZ-Anfrage. In der Kletterer-Generation nach dem Ersten Weltkrieg sei er einer der großartigsten Protagonisten gewesen und habe einen festen Platz nicht nur in der heimischen sächsischen Bergsteigergeschichte. „Die Kletterszene im Elbsandsteingebirge war eine eigenständige und den Alpenkletterern voraus. Von der Szene in den Alpen wurde sie damals praktisch nicht wahrgenommen“, weiß Messner zu berichten. „Und ich halte auch die im Elbsandsteingebirge entwickelte Schwierigkeitsskala für intelligenter und besser als die heute bekanntere Welzenbach-Skala, weil sie nach oben offen ist“, so der Südtiroler, der als Erster alle Achttausender ohne Sauerstoff bestieg. Strubich gehört laut Messner in jedem Fall „zur Avantgarde der internationalen Kletterszene“. Die von ihm erreichten Schwierigkeitsgrade seien teils erst 50 oder 60 Jahren später wieder übertroffen worden.

Emanuel Strubich. Quelle: Sammlung Joachim Schindler

Nach Auswertung von Fahrtenberichten, Informationen und Kletterführern steht bereits 1923 fest: Emanuel Strubich war an rund 75 Erstbegehungen in der Sächsischen Schweiz, zehn in der Böhmischen Schweiz, zwei bis drei im Böhmischen Paradies und über 20 in den Alpen – zumeist als Vorsteiger – beteiligt. „Damit nimmt er nach Oscar Schuster einen der Spitzenplätze unter den Sächsischen Bergsteigern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein“, so Joachim Schindler, einer der bedeutendsten Chronisten der sächsischen Klettergeschichte.

1920 gelingt Strubich in der Seilschaft mit Otto Dietrich, Johannes Unger und Erich Hentschel am Hauptdrilling die erste Begehung des „Dietrichwegs“ – nach heutiger Einstufung der zweite Weg im Schwierigkeitsgrad VIIIa in der Sächsischen Schweiz. Seine Erstbegehung der Südwand der Drusenfluh auf der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz ist im Folgejahr seine bekannteste Erstbegehung in den Alpen.

„Das Leben ist die Fülle, nicht die Zeit“ – das Grabkreuz von Emanuel Strubich in den Stubaier Alpen existiert nicht mehr. Quelle: Sammlung Joachim Schindler

Dort macht 1922 ein Lawinenabgang dem Leben des laut Alpinem Handbuch „wohl besten Kletterers in der Sächsischen Schweiz“ ein Ende. Er verunglückt kurz nach seinem 35. Geburtstag bei einer Skitour an der Hinteren Karlesspitze (2636 Meter) in den Stubaier Bergen Österreichs tödlich. Sein Grab auf dem Friedhof von Wald in Ochsengarten westlich von Kühtai existiert nicht mehr, es wird in den 1960er-Jahren wegen Umbauarbeiten eingeebnet.

Joachim Schindler: Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933–1945; 376 Seiten; 23 Euro; erhältlich unter mail@bergsteigerbund.de oder Agata-Achim@t-online.de

Von Martin Pelzl

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