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Mitteldeutschland „Entscheidung über neue Notfallversorgung noch im April“
Region Mitteldeutschland „Entscheidung über neue Notfallversorgung noch im April“
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12:05 09.04.2018
Die Neuregelung der Notfallversorgung soll vor allem die Krankenhäuser entlasten. Offene Fragen aber bleiben. Quelle: dpa
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Leipzig

 Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, Stephan Helm, sieht mit der Neuregelung der Notfallversorgung zusätzliche Belastungen für die Kliniken im Freistaat.

Die Notfallversorgung in Sachsen soll neu geregelt werden. Was kommt da auf die Krankenhäuser zu?

Zur Notfallversorgung zählen neben der stationären Notaufnahme an Krankernhäusern der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst, die Notfallambulanz im Krankenhaus und der Rettungsdienst. Wir wünschen uns natürlich eine Entlastung der Notfallambulanz durch den vertragsärztlichen Bereich. Das sollen die Portalpraxen des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes leisten, die an den Krankenhäusern angesiedelt werden.

Wie ist der Stand?

Der Gemeinsame Bundesausschuss, ein Gremium aus Spitzenvertretern von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, beschäftigt sich derzeit mit einem neuen System zur gestuften Notfallversorgung und will noch im April eine abschließende Entscheidung treffen. Dabei sollen die Krankenhäuser je nach ihrer Einbindung unterschiedlich finanziell vergütet werden.

Was bedeutet das für die Krankenhäuser?

Zunächst eine gestufte Einordnung. Sie hängt beispielsweise davon ab, ob es eine intensivmedizinische Abteilung gibt, wie sie besetzt und so weiter. Fachärzte müssen rund um die Uhr verfügbar sein. Außerdem müssen die Fachabteilungen über Personal verfügen, das dann in keinem anderen Teil der Klinik eingesetzt werden kann. Die Pflegekraft beispielsweise darf nicht mal in einer anderen Abteilung eingesetzt werden. Sie muss rund um die Uhr der Notfallaufnahme zur Verfügung stehen. Detailgetreue Regelungen für Barrierefreiheit für Sehbehinderte, Hörbehinderte und so weiter. Eine effiziente Arbeit an der Klinik wird dann schwerer.

Aber die Krankenhäuser haben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) doch immer wieder vorgeworfen, dass der Bereitschaftsdienst nicht funktioniert?

Wenn die vertragsärztliche Versorgung nicht funktioniert, kommt das Krankenhaus schon in eine besondere Verantwortung. Nur ist dieses Ausmaß unverhältnismäßig. Was wird denn sein, wenn bei einer Nachtschicht nicht alle personellen Voraussetzungen erfüllt wurden? Rutscht das Krankenhaus dann in eine niedrigere Stufe? Hat es Auswirkungen auf die Vergütung? Und so weiter. Da es um Vergütung geht, kann man davon ausgehen, dass das alles wieder hochbürokratisch zu dokumentieren ist.

Was wäre der Ausweg?

Ein viel stärkerer Ermessensspielraum für die Bundesländer. Versorgungskonzepte und Qualitätskriterien können durchaus auf Bundesebene formuliert werden. Aber die Umsetzung gehört in Länderhand.

Nun sollen an den Kliniken Portalpraxen der Vertragsärzte eine Vorauswahl bei den Patienten treffen.

Die Notfallambulanz am Krankenhaus würde ich eindeutig dem vertragsärztlichen Bereich zuordnen. Die Fälle müssen ja auch mit der Kassenärztlichen Vereinigung abgerechnet werden. Die Vertragsärzte sind aufgefordert, diese Notfallversorgung wieder mehr in die Eigenregie zu übernehmen.

Wieso klagen die Krankenhäuser immer wieder, dass durch die Notfallaufnahme hohe Verluste entstehen?

Für die meisten Fälle, die in die Notaufnahme des Krankenhauses kommen gibt es ungefähr eine Vergütung von 30 bis 35 Euro. Das Krankenhaus veranlasst aber beispielsweise eine radiologische Untersuchung, einen Laborbefund. Das würde der normale Kassenarzt nicht tun. Damit kommt man dann auf Kosten von rund 135 Euro im Durchschnitt. Deshalb gab es in der Vergangenheit immer wieder Streitereien mit den Krankenkassen um die Honorierung von Leistungen der Krankenhäuser im Notfall. Vor einigen Jahren war die Rede von deutschlandweit einer Milliarde Euro Fehlbetrag in den Ambulanzen der Krankenhäuser.

Die KV ordnet die ärztlichen Bereitschaftsdienstbezirke neu. Was bedeutet das für die Krankenhäuser?

Es soll eine einheitliche Vermittlungsstelle der KV geben für den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst in ganz Sachsen und es wird auch einen eigenen Fahrdienst geben. Dazu sollen bis Ende 2020 an insgesamt 26 Standorten in Sachsen Portalpraxen der KV an Krankenhäusern öffnen, wo Kassenärzte entscheiden, wer ein Notfall ist und wer nicht. Im Moment ist die Rede von 18 bis 22 Uhr.

Und danach?

Dann ist nach Meinung der KV wieder das Krankenhaus als Notfallambulanz verantwortlich. Sie meint, es muss sich ja auch rechnen. Da frage ich: Für Krankenhäuser soll das nicht gelten? Krankenhäuser sind ja gerade für Notfallpatienten deshalb so attraktiv, weil sie rund um die Uhr besetzt sind.

Dann gebe es zwei Aufnahmen am Krankenhaus?

Ja, die stationäre Notaufnahme des Krankenhauses, die vom Rettungsdienst angefahren wird, und die Portalpraxis.

Macht das Sinn?

Ich glaube schon, dass es geeignet ist, die Notaufnahmen zu entlasten. Zwei Probleme entstehen: Erstens die beschränkte Öffnungszeit der Portalpraxis. Zweitens: Ist zum Beispiel ein Haut- oder Augenarzt in der Portalpraxis in der Lage, den Patienten richtig zu diagnostizieren und weiterzusenden? Wir werden diesen Weg aber unterstützen. Die 26 Krankenhäuser, die es betrifft, sind informiert. Grundlage ist ein Vertrag zwischen Krankenkassen, KV und Kliniken. Dass Räume, Technik und Dienstleistungen der Krankenhäuser dafür genutzt werden, ist durchaus möglich. Das ist auf gutem Weg.

Wann geht es los?

Es gibt im Vorfeld an den drei Standorten Delitzsch, Niesky und Annaberg Pilotprojekte für solche Portalpraxen, die noch in diesem Jahr starten sollen.

Das macht nur Sachsen so?

Nein, in Thüringen, beispielsweise in Altenburg, gibt es bereits solche Portalpraxen. Dort funktioniert es seit Jahren gut.

Also Problem gelöst?

Nein, leider nicht. Denn jeder, der außerhalb der Öffnungszeiten der Portalpraxis ins Krankenhaus kommt, wird mit der geringen Pauschale, also nicht kostendeckend, vergütet. Das bedarf noch immer einer Klärung.

Von Roland Herold

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