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Mitteldeutschland „Es braucht Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu kommen“
Region Mitteldeutschland „Es braucht Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu kommen“
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13:22 23.02.2018
Kommunikation mit Händen und Füßen, Stift und Papier: Christian Steinert erklärt dem Syrer Ahmad Zaher Kamel die deutschen Bezeichnungen der Körper­teile.    Quelle: Foto:
Dresden/Leipzig

Stolz schreibt Ahmad Zaher Kamel seinen Namen auf ein Blatt Papier, und dahinter: „Komme aus Syrien, Aleppo“. Seit wenigen Wochen lebt der 25-Jährige in Deutschland, seit drei Tagen besucht er einen Deutschkurs. An diesem Donnerstagabend im Februar sitzt er neben Christian Steinert beim ABC-Tisch in der Dresdner Neustadt und schaut konzentriert auf die ausgebreiteten Blätter vor ihm. Er lernt die Grundlagen der deutschen Sprache. „Was ist das?“, fragt Steinert und klopft auf seinen Oberschenkel – Kommunikation mit Händen und Füßen.

Der 44-jährige Steinert, ein schmaler Mann mit dunklen Haaren und freundlichem Lächeln, hat die ABC-Tische vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal organisiert. Sie sind eine Aktion des Dresdner Vereins „akifra“, der sich nicht nur in Deutschland engagiert, sondern auch verschiedene Projekte für Frauen in Afrika ins Leben gerufen hat. 2015 ging es bei den ABC-Tischen vor allem um Alphabetisierung und praktische Hilfe im Alltag, erzählt Steinert. Heute sei das anders: „Viele haben Deutschkurse und kommen her, um gemeinsam mit uns Hausaufgaben zu machen oder sich zu unterhalten“. Helfer seien willkommen.

Integration bedeutet vor allem auch Begegnung

In Sachsen leben derzeit gut 170. 000 Ausländer, sie machen 4,2 Prozent aller Einwohner im Freistaat aus. Der Ausländeranteil ist damit im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von mehr als elf Prozent sehr gering. Doch Integration ist nicht immer einfach. „Viele Menschen suggerieren im Hinblick auf Fremdes immer: bitte nicht stören“, bedauert Steinert. Das will er ändern. Bei den ABC-Tischen treffen die verschiedensten Kulturen aufeinander.

Die Atmosphäre im Raum ist offen, jeder Ankommende grüßt freundlich in die Runde, wie selbstverständlich finden sich an den Tischen die Partner: Meist ein oder zwei Migranten sitzen mit einem Dresdner Helfer zusammen. Gesprochen wird nicht nur Deutsch. „Ça va, ma petite?“ – „Wie geht’s, meine Kleine?“, begrüßt eine Freiwillige die zwölfjährige Eden. Erst ein kurzer Plausch, dann geht es an die Hausaufgaben.

„Manche haben Angst, das ist normal und verständlich.“

Auch die Organisation „Start with a Friend“ – „Fang mit einem Freund an“ setzt auf das Konzept der Begegnung von Einheimischen und Geflüchteten. „Mauern einreißen“ sei dadurch möglich, sagt Omar Chaleh aus Syrien in gutem Deutsch. Zusammen mit seiner Tandempartnerin Lea Bremicker sitzt er in einem Leipziger Café und strahlt. Der 30-Jährige kam wie so viele Syrer im Sommer 2015 nach Deutschland, vor anderthalb Jahren dann nach Leipzig.

Bei einem Stammtisch des Leipziger Ablegers von „Start with a Friend“ lernte er die 21-jährige Bremicker kennen. Sie sprachen über Politik, Essen und Kultur, und als sie die Bar gemeinsam verließen, bemerkten sie, dass sie nur wenige Häuser voneinander entfernt leben. Seitdem sehen sie sich häufig, kochen zusammen, gehen bouldern. „Mittlerweile haben wir viele gemeinsame Freunde“, sagt Bremicker.

Sind Freunde geworden: Lea und Omar. Quelle: Sophie Aschenbrenner

Die zierliche, dunkelblonde Frau in Jeans und blauem Pullover ist nicht nur Tandempartnerin, sondern auch Teil des festen Teams von „Start with a Friend“ in der Messestadt. Das Prinzip der Organisation, die ursprünglich aus Berlin kommt, ist simpel: Interessierte erfahren bei einem Infoabend alles über „Start with a Friend“ und eine mögliche Tandempartnerschaft.

In kurzen Einzelinterviews lernen sich Organisation und Interessent besser kennen, dann sucht das Team abhängig von Hobbys, Alter, Wünschen und Interessen einen Tandempartner. Vor allem die Niederschwelligkeit des Angebots heben Chaleh und Bremicker hervor. „Manche haben Angst, das ist normal und verständlich. Aber Integration muss von beiden Seiten kommen“, sagt Bremicker.

Treffpunkte für internationale Frauen in Leipzig

Dahinter steht auch Anke Kästner, Geschäftsführerin des Leipziger Vereins „Internationale Frauen Leipzig“. Um sie herum ist es an diesem Vormittag in den Räumen des Vereins wuselig, doch die 57-Jährige ist die Ruhe selbst. Seit vielen Jahren engagiert sie sich im Leipziger Osten.

2006 initiierte sie gemeinsam mit anderen Frauen ein interkulturelles Frauenfrühstück. „Viele der Frauen waren geflüchtet und sehr politisch, aber in Leipzig isoliert. Ihre Männer hatten Treffpunkte, zum Beispiel in Cafés“, sagt Kästner. Die promovierte Biologin arbeitete sich ein, 2008 wurde ein Verein gegründet. Von Anfang an war wichtig: „Wo eine Person herkommt, welche Nation und Religion sie hat, ist egal und reine Privatsache“, betont die schlanke Frau mit filigraner Hornbrille. Ihr Lippenstift passt zum roten Schal.

Anke Kästner engagiert sich schon seit Jahren im Leipziger Osten. Quelle: Sophie Aschenbrenner

Mittlerweile hat sich der Verein enorm entwickelt: Er bietet Beratungen an, begleitet Migranten aufs Amt oder zum Arzt, organisiert Infoveranstaltungen. Viele Menschen sitzen in den Räumen in der Konradstraße, warten auf Ansprechpartner und durchstöbern die Kleiderkammer, die dort einmal pro Woche angeboten wird.

Der Bedarf an Beratung und Hilfe ist hoch

Seit April 2016 erhebt der Verein Zahlen. Über einen Zeitraum von 16 Monaten wurden knapp 2200 Fälle erhoben und 12 000 Beratungen und Begleitungen durchgeführt. Trotz der großen Nachfrage ist die Zukunft von „Internationale Frauen Leipzig“ nicht gesichert, viele Stellen befristet. „Das ist alles sehr fragil und kann jederzeit zusammenbrechen“, sagt Kästner. Dann seufzt sie. „Aber was ist dann mit all den Fällen, die wir bearbeiten? So viele sind angewiesen auf uns.“

Das merkt auch Christian Steinert aus Dresden immer wieder. Zwar kommen nicht jede Woche so viele Migranten und Helfer wie an diesem Donnerstag, wo sich etwa 25 Menschen an den Tischen versammelt haben. „Doch es braucht Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu kommen“, sagt er. Nur so könnten Berührungsängste abgebaut werden. Dann beugt er sich wieder hinüber zum geflüchteten Ahmad und studiert mit ihm die deutschen Bezeichnungen der verschiedenen Körperteile.

Mehr Informationen:

Akifra: akifra.org Start with a Friend: start-with-a-friend.de Internationale Frauen Leipzig: if-leipzig.de

Von Sophie Aschenbrenner

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