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Mitteldeutschland Etwa 100 Menschen bei Kundgebung gegen Rechts in Beucha – kein Fackelmarsch
Region Mitteldeutschland Etwa 100 Menschen bei Kundgebung gegen Rechts in Beucha – kein Fackelmarsch
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16:49 13.01.2019
Das Bündnis „Jugend gegen Rechts“ demonstriert in Beucha. Quelle: Frank Schmidt
Beucha

Unter dem Motto „Solidarität statt rechter Hetze – Für ein friedliches Zusammenleben“ fand am Samstagabend auf dem Bahnhofsvorplatz in Beucha eine Kundgebung statt. Angemeldet wurde sie von Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete der Linken, für die Gruppe „Jugend gegen Rechts“.

Am Samstagnachmittag hatten in Riesa etwa 1300 Menschen vor dem Hintergrund des AfD-Parteitages in dem Ort demonstriert. Einige von ihnen machten sich danach auf den Weg nach Beucha.

100 Teilnehmer haben am Samstagabend an einer Kundgebung gegen Rechts am Bahnhof in Beucha teilgenommen. Dazu aufgerufen hatte die Landtagsabgeordnete der Linken-Juliane Nagel.

War es die Wut der Verzweiflung? Oder der Mut? Immer wieder ließen cruisende Fahrer ihre Autos ordentlich röhren. Offenbar wollten sie damit sagen: Wir sind die Platzhirsche! Sie mussten schon ordentlich Gummi geben, um die Schlachtrufe der aus Leipzig angereisten „Jugend gegen Rechts“ zumindest kurzzeitig zu übertönen.

100 linke Aktivisten skandierten am Samstagabend auf dem Bahnhofsvorplatz eine Losung nach der anderen: „Nationalismus raus aus den Köpfen! Solidarität statt rechter Hetze! Um Europa keine Mauer!“ Nachdem in der Vorwoche am Beuchaer Bahnhof zwei Jugendliche in Streit um ein Mädchen gerieten und einer der beiden, ein 16-jähriger syrischer Flüchtling, das Messer zog und zustach, wollten die Angereisten „für ein friedliches Zusammenleben“ demonstrieren – nicht zuletzt als Reaktion auf einen angeblich geplanten rechten Fackelmarsch, von dem sie Wind bekommen hätten.

Die Kundgebung sei eine Reaktion darauf, dass die Tat „rassistisch instrumentalisiert“ werde, schreibt „Jugend gegen Rechts“ auf Facebook.

Teilnehmer sind aus Riesa nach Beucha gefahren

Einzelne Gruppen von Kundgebungsteilnehmern trafen sich am Leipziger Hauptbahnhof am Gleis 19, um mit der Regionalbahn nach Beucha zu starten. Die startete voll besetzt um 17.06 Uhr.

Die Menschen sammeln sich auf dem Platz vor dem Bahnhof. Quelle: Frank Schmidt

Einheimische zeigen mit Schildern Unmut über die Demo

Lange bevor der Zug aus Leipzig eingetroffen war, platzierte ein junger Beuchaer gut sichtbar zwei Begrüßungsschilder aus Pappe: „Wir wollen Ruhe, keine Demos“ und „Ihr seid nicht Beucha!“ Er sei der Freund des verletzten und inzwischen aus der Klinik entlassenen 17-Jährigen. „Es war ein Streit unter Jugendlichen. Zufällig war ein Ausländer dabei.

Jetzt wird ein Politikum draus gemacht – von Leuten, die mit unserem Dorf nichts zu tun haben. Wir Beuchaer wollen das nicht, brauchen weder Linke noch Rechte.“ Er stehe mit der Mutter des Opfers in ständigem Telefonkontakt, sagte der sichtlich aufgebrachte junge Mann. Die Beuchaer hätten besonnen reagiert. Überhaupt lebten Einheimische und Asylbewerber friedlich miteinander. Man grüße sich, alles sei okay, so der Junge.

Polizei mit Großaufgebot in Beucha

Die Polizei war mit einem Großaufgebot präsent. Ihre Taktik ging voll auf. Von Anfang an trennte sie strikt in Kundgebungsteilnehmer auf dem Platz und etwa 50 Beobachtern auf der anderen Straßenseite. Zu letzteren gehörte der 21-jährige Philipp Ceglarz. Er erlebte seine erste Demo, nicht in Berlin, Hamburg oder Leipzig, sondern in Beucha, nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt. Er sei unparteiisch, betonte er: „Es ist nicht akzeptabel, dass in diesem Land jemand ein Messer zückt. Auch ein Schutzsuchender muss sich an die Regeln halten.“ Er verstehe nicht, was die Antifa treibe, sagte der Anwohner. Es sei doch kein Deutscher gewesen, der zugestochen habe.

Nicht alle in Beucha sind von der Kundgebung begeistert. Quelle: Frank Schmidt

André Engelhardt kam mit seinem Rad aus Naunhof. Lange bevor sich der Platz gefüllt hatte, hielt er ein selbstgezimmertes Schild nach oben: „Leben, wo immer man will, weltweit, für alle.“ Als Christ habe er kürzlich einer ebenfalls kirchlichen Dame aus Bayern widersprechen müssen. Während sie keine weiteren Flüchtlinge aus dem Meer fischen würde, habe er ihr empfohlen, sie möge ihren Glauben auf den Prüfstand stellen. Natürlich dürfe man die Augen vor Problemen nicht verschließen, betonte der Sozialarbeiter: „Wir müssen den Migranten deutlich sagen, was geht und was nicht.“

Streit unter Jugendlichen werde politisiert

Zwar verurteilten die Redner auf dem Bahnhofsvorplatz die Tat des Syrers, doch sei diese kein Freibrief für rechte Hetze. „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“, schallte der Ruf bis hinüber auf die andere Straßenseite. Dort schüttelten die Menschen nur den Kopf. Sie seien schockiert davon, auf welche Art und Weise der eskalierte Streit unter Jugendlichen politisiert werde. „Ausgerechnet von denen, die vorgeben, genau das verhindern zu wollen.“ Vereinzelt bricht es aus den Zaungästen heraus: „Wir wollen keine Zeckenschweine!“

Kommentar: Beuchaer bleiben besonnen

Einem angeblich geplanten Fackelmarsch wollte die „Jugend gegen Rechts“ zuvorkommen – tatsächlich war sie es, die mit dem Feuer gespielt hat. Und das in einer ohnehin aufgeheizten Situation, in der schon der kleinste Funke zum unkalkulierbaren Flächenbrand führen kann.

Die Kundgebung dauerte mehr als eine Stunde. Ausnahmezustand herrschte rund um den Bahnhof. Ausgerechnet an jenem Ort, wo genau eine Woche zuvor zwei Jugendliche aneinander gerieten und einer von beiden mit dem Messer zustach. Nicht auszudenken, der syrische Flüchtling hätte die Halsschlagader seines Gegenübers getroffen.

Ja, es war ein Streit unter Heranwachsenden. Und ja, der Syrer hat sich entschuldigt. Aber nein, und nochmals nein, Messer als Waffen haben in diesem Land nichts zu suchen. Wer das Verbot ignoriert, gehört streng bestraft.

Wenn Menschen besorgt auf solche Gewaltakte reagieren, muss einen das nicht wundern. Die Beuchaer behielten sich unter Kontrolle. Sie folgten dem Aufruf ihres Bürgermeisters zu Besonnenheit. Keiner der Flüchtlinge im Ort wurde in Sippenhaft genommen.

Dass es auch friedlich geblieben ist, nachdem die wortgewaltigen Kundgebungsteilnehmer wieder Richtung Leipzig abgefahren waren, spricht einmal mehr für die Beuchaer. Statt politischer Hahnenkämpfe braucht das Dorf jetzt vor allem drei Dinge: Ruhe. Ruhe. Ruhe.

h.latchinian@lvz.de

Die eine Seite brüllte: „Halt die Schnauze!“ Die andere: „Halt die Fresse!“ Schließlich griff Demo-Anmelderin Juliane Nagel von der Linkspartei zum Megafon. Die Aktion sei ein Erfolg gewesen, man habe vermutlich einen rassistischen Aufmarsch verhindert. Daraufhin war die Veranstaltung beendet. Wenig später stiegen die Kundgebungsteilnehmer in den Zug nach Leipzig.

Es gab keine Zwischenfälle, es blieb bis zuletzt gewaltfrei, sagte am Sonntag Polizeisprecherin Maria Braunsdorf. So konnten auch die Polizisten abrücken. Und der Fackelmarsch? Thomas Kirstenpfad von der Versammlungsbehörde: „Es ist nur eine Kundgebung angemeldet – die von Frau Nagel“, sprach’s und begab sich auf den Heimweg.

Von Haig Latchinian/Thomas Lieb/soa

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