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Mitteldeutschland Folterskandal in Regis-Breitingen: Mittäter geben Taten weitgehend zu
Region Mitteldeutschland Folterskandal in Regis-Breitingen: Mittäter geben Taten weitgehend zu
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14:30 28.01.2010
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Leipzig/Regis-Breitingen

Marcel B. (22), Thomas B. (25), Dustin D. (25), Toni D. (20) und René U. (22) müssen sich wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Nötigung des Opfers Thomas P. (19) verantworten. Nach mehrstündiger Verhandlung wurde die Urteilsverkündigung auf den 17. Februar vertagt. Zweifel daran, dass dem wehrlosen Thomas P. schwerer psychischer und körperlicher Schaden zugefügt wurde, kam auch gestern am Amtsgericht Leipzig nicht auf.

Die angeklagten Mithäftlinge gestanden die ihnen zur Last gelegten Vorwürfe teilweise unumwunden ein. Im Detail wurden sie beschuldigt, das Opfer mit Besenstielen traktiert zu haben. Es musste Wasser aus dem Toilettenbecken seiner Zelle trinken, wurde unter Gewalt gezwungen, eine Eule nachzuahmen.

Leipzig. Im Prozess um den Folterskandal in Regis-Breitingen sind die beiden Angeklagten am Donnerstag vor dem Leipziger Landgericht zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Richter Norbert Göbel sprach sie wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und versuchten Mordes schuldig. „Den Angeklagten kam es von Anfang an darauf an ihr Opfer zu töten“, begründete Göbel sein Urteil.

An einem anderen Tag sollen sie P. in einem Rollenspiel als Vergewaltiger und Mörder „verurteilt“ und ihn seiner „Strafe“ zugeführt haben. Alle Angeklagten gaben an zu wissen, dass P. Wochen zuvor tatsächlich das Opfer einer Vergewaltigung geworden war. Zwei von ihnen haben den damals 18-Jährigen, der gefesselt an einen Stuhl gebunden war, mit Stiften am Oberkörper bemalt – SS-Runen, ein Hakenkreuz und ein Gitter sollen den schmächtigen Körper P.s letztlich verunstaltet haben.

„Ich habe ihn mehrfach mit einem abgebrochenen Besenstiel geschlagen, bis er die ,Eule‘ gemacht hat“, gab der wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung einsitzende Marcel B. zu. Eule. Eines der „Spiele“, mit denen die Haftgruppe F 3, in der auch Pohl einsaß, die Langeweile totschlugen. Blinde Kuh gehörte auch dazu. Und „Gericht“. „Blinde Kuh zu spielen, war ja nur Spaß, und da habe ich auch mitgemacht. Aber als ich dann in der gespielten Gerichtsverhandlung als Vergewaltiger zu Folter verurteilt wurde und mich nackt auf eine Klobürste setzen sollte, bekam ich es mit der Angst zu tun.“ P.s Peiniger haben die stummen Hilferufe des 19-Jährigen bewusst missachtet. „Jeder hat gewusst, dass er der Opfertyp ist, der sich nicht wehrt. So einen zu demütigen, fällt halt besonders leicht. Und in der Gruppe machst du ganz automatisch mit, wenn du nicht uncool sein willst“, beschreibt ein Angeklagter die Motivation an jenem Maitag auf Station drei im Hafthaus F.

„Warum haben Sie sich nie einem Beamten anvertraut?“, fragte Richterin Juliane Guha den Nebenkläger Thomas P. „Ich hatte Angst, dass es noch schlimmer wird. Wenn du im Knast jemand anscheißt, bekommst du Rache zu spüren.“ Auch gestern schilderte P. die noch spürbaren Auswirkungen: Schlafstörungen, psychische Schäden. Er ist auf Medikamente und fachärztliche Betreuung angewiesen. Dass er sich am Ende umbringen wollte, sei das Ergebnis einer tagelangen Tortur gewesen, gegen die er sich nicht zur Wehr zu setzen vermochte.

Am 17. Februar, wo Guha das Urteil verkünden möchte, wird es nur noch um die Höhe der einzelnen Strafmaße gehen.

Die Frage nach einem nachvollziehbaren Motiv hatte sich bereits gestern erübrigt. Auf diese Frage von Staatsanwältin Anja Butenschön plapperten sich alle Angeklagten schüchtern nach: „Aus Dummheit.“ Dass Dummheit ein trauriger Zustand, aber kein Motiv sei, wie Butenschön entgegnete, wird Thomas P. nicht enttraumatisieren. Vielleicht trug aber die öffentliche Entschuldigung des ältesten Angeklagten gegenüber dem Opfer etwas dazu bei, es zumindest zu verarbeiten. Zum Motiv hatte das Opfer selbst nur eine Vermutung: „Im Knast wird mit Taten und der dafür erhaltenen Strafe geprahlt. Ich bin mehrmals schwarzgefahren – bekam wegen Leistungserschleichung sechs Monate. Damit stand ich dort als Verlierer da.“

Thomas Lieb

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